Spielfilmdreh im All

    Russland gewinnt das Weltraum-Rennen

    08:39 Minuten
    Die Internationale Raumstation ISS, aufgenommen im Oktober 2018 über der Erde.
    Sehnsuchtsort Weltall: Die Internationale Raumstation ISS wird nun zum Drehort für ein Space-Drama. © picture alliance / dpa / Nasa
    Hanns Christian Gunga im Gespräch mit Dieter Kassel · 05.10.2021
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    Zum ersten Mal werden Teile eines Spielfilms im All gedreht: Russland schickt ein Filmteam auf die ISS. Der Coup hat eine hohe symbolische Bedeutung, wollte doch auch Tom Cruise ins All. Nun müssen die Amerikaner sich mit dem zweiten Platz begnügen.
    Das erste Mal in der Geschichte der Raumfahrt soll ein Spielfilm in Teilen im All gedreht werden, ein russisches Filmteam ist zur Internationalen Raumstation ISS aufgebrochen. Die Schauspielerin Julia Peressild und der Regisseur Klim Schipenko hoben mit einer Sojus-Rakete vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan in Zentralasien ab.

    Tom Cruise wird nun Zweiter im All

    Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos hatte das Projekt angekündigt, just nachdem die NASA Pläne für einen Dreh auf der ISS mit Hollywood-Star Tom Cruise bekannt gegeben hatte.
    Mit dem Film geht es Russland also einmal mehr darum, schneller als die USA zu sein. Der Dreh mit Cruise war für diesen Herbst angekündigt und dann verschoben worden. Ein festes Datum gibt es derzeit nicht.
    Schon im Kalten Krieg hatten sich die USA und die damalige Sowjetunion einen Wettlauf ums All geliefert. Während Moskau mit Juri Gagarin 1961 den ersten Menschen ins Weltall schickte, betrat 1969 der US-Amerikaner Neil Armstrong als erster Mensch den Mond.
    Nun also das Rennen um den ersten Weltraum-Spielfilm. "Unsere Aufgabe ist es, einfach in allem die Führung zu behalten", sagt Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin.

    Zwölf Tage Filmdreh auf der ISS

    Zwölf Tage haben die Filmleute für den Dreh in 400 Kilometer Höhe Zeit, bevor sie den Außenposten der Menschheit wieder verlassen müssen. "Wysow" (Herausforderung) lautet der Arbeitstitel des Films, den Roskosmos gemeinsam mit dem Staatssender Perwy Kanal produziert.
    Der deutsche Weltraummediziner und Buchautor Hanns Christian Gunga ist auf das Ergebnis gespannt. Künstler auf der ISS – davon verspricht er sich einen "anderen Blick auf die Raumfahrt". Ob die Belegschaft der ISS deren Anwesenheit gut finde, sei allerdings eine andere Frage.
    Allein die kurze Zeit, die das Filmteam nur zur Verfügung hat, sei eine Herausforderung. Denn laut Gunga droht allen Beteiligten erst mal ein paar Tage Übelkeit: "Die Gravitation ist weg. Und das führt dann dazu, dass insbesondere unser Gleichgewichtsorgan und der optische Apparat die Informationen über die Schwerelosigkeit nicht zusammenbringen können."

    Notfallchirurgie im Weltraum

    Die russische Schauspielerin Julia Peressild hatte sich unter Tausenden Bewerberinnen für den Job durchgesetzt. Wochenlang durchliefen sie und Regisseur Klim Schipenko ein Training zur Vorbereitung auf die Zeit in der Schwerelosigkeit.
    Peressild spielt in dem als Weltraumdrama angekündigten Film eine Ärztin, die einen auf der ISS erkrankten Kosmonauten retten soll. Dieser hat das Bewusstsein verloren, den Rückflug zur Erde würde er nicht überleben. Die Ärztin soll ihn deshalb auf der ISS operieren. 35 Minuten des Films werden – wenn alles läuft wie geplant – im All spielen.
    In der Realität sei allerdings ein chirurgischer Eingriff auf einer Raumstation gar nicht möglich, sagt der Vizedirektor des Instituts für medizinische und biologische Probleme der Russischen Akademie der Wissenschaften, Oleg Kotow. "Möglich ist allerhöchstens das Nähen von Gefäßen oder der Haut."
    Sei's drum: Roskosmos sieht in dem Film auch ein "pädagogisches Projekt". Damit soll auch für den Beruf des Raumfahrers geworben und PR für die Branche gemacht werden.

    Hohe Einnahmeverluste wegen der Pandemie

    Nach Auffassung der Raumfahrtagentur wird die beschleunigte Ausbildung, wie sie das Filmteam durchlaufen hat, zudem künftig benötigt, um andere Spezialisten wie Ärzte oder Forscher ins All zu schicken – also nicht nur hauptberufliche Raumfahrer.
    Russland will zudem private Weltraumtouristen ins All bringen und damit zusätzlich Geld verdienen. Erst in der vergangenen Woche hatte Roskosmos hohe Einnahmeverluste wegen der Pandemie öffentlich gemacht.
    Bei den Weltraumtouristen waren wiederum die Amerikaner schneller. Das All als ewiges Faszinosum: Der Weltraumexperte Gunga sieht in der Eroberung und Beherrschung der eigentlich lebensfeindlichen Welten auch eine religiöse Dimension. Man wisse nicht, wie alles ausgeht, das sei der Reiz. Eine große Aufgabe durchzustehen und zu Ende bringen – darin liege Erlösung.
    (ahe/dpa)
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