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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.11.2017

Spielfilm über den IS"Wenn Ideologie tief sitzt, gibt es nichts zu verlieren"

Züli Aladag im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der Regisseur Züli Aladag mit seinen Hauptdarstellern Tamer Yigit (l) und Edin Hasanovic (r) (picture alliance / dpa / Christoph Schmidt)
Der Regisseur Züli Aladag (Mitte) mit seinen Hauptdarstellern Tamer Yigit (links) und Edin Hasanovic (rechts) (picture alliance / dpa / Christoph Schmidt)

Warum schließen sich junge Deutsche, auch ohne Migrationshintergrund, dem IS an, reisen sogar in den Krieg? Was passiert dort mit ihnen? Und was, wenn sie zurück sind? Der Regisseur Züli Aladag hat den dreistündigen Film "Brüder" über diese Fragen gedreht.

Liane von Billerbeck: Heute Abend um 20.15 Uhr zeigt das Erste den zweiteiligen Fernsehfilm "Brüder", der von der Radikalisierung des deutschen Informatikstudenten Jan erzählt, den seine Sinnsuche bis in den Syrien-Krieg führt, aus dem er gebrochen zurückkommt. Regie führt Züli Aladag, der zusammen mit Kristin Derfler auch das Drehbuch geschrieben hat. Sie erinnern sich vielleicht an dessen kontrovers diskutierten Film "Wut", der ja mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Grimme-Preis.

Wir wollten von ihm wissen, warum sich junge Deutsche dem IS anschließen, sogar in den Krieg reisen, und was mit ihnen dort, und wenn sie zurück sind, passiert. Mit Züli Aladag habe ich vor der Sendung gesprochen.

Ihre Hauptfigur Jan, die ist ja weder sozial noch kulturell abgehängt, ein normaler deutscher Student also, der aber erfüllt ist von einem Gefühl der Unsicherheit, der Leere, in der Gesellschaft nirgends einen Platz findet. "Ich fühle mich immer so fremd", sagt er da. Ist das die Voraussetzung dafür, dass Ideologen ansetzen können?

Züli Aladag: Ideologen können natürlich immer da ansetzen, wo sie Krisen, Schwächen, Orientierungslosigkeit, die Suche nach Halt, Unsicherheiten verorten. Das spüren die natürlich, und dann können sie andocken, genau an dieser Stelle. Und natürlich ist es nicht nur an junge Menschen aus dem Migrantenmilieu oder der dritten oder vierten Generation gerichtet. Auch Deutsche haben sich radikalisiert, haben für den IS gekämpft. In diesem Fall haben wir es mit einem bürgerlichen Deutschen zu tun, dessen Probleme nicht so offensichtlich zu sein scheinen. Aber trotzdem hat auch er sozusagen eine spezifische Biografie mit bestimmten Knackpunkten, und als er in seinem Leben an einem Punkt steht, wo er selber für sich nicht mehr weiter weiß, frustriert ist, dann aber diesem Abadin Hasanovic, einem Prediger, begegnet, spürt dieser sozusagen die Reibung dieser Person und der Psyche und zieht ihn nach und nach an. Und Jan ist wiederum von dem Charisma des Predigers angezogen.

von Billerbeck: Lassen Sie uns noch mal über diese Leere reden. Inzwischen kämpfen ja, Sie haben es auch gesagt, kämpfen tausende Europäer für den IS, und es gibt in diesem Film Momente, wo Jans Mitbewohner und Freund Tarik, der selbst aus Syrien kommt, mit seiner Familie dort skypt und verzweifelt ist und in Sorge, aber man spürt, dass er trotz der Entfernung seinen Leuten sehr nahe ist. Und dann sieht man Jan mit seinen Eltern, der es kaum zwei Sätze lang mit denen aushält. Ist das die Absicht im Drehbuch, diesen Mangel an Geborgenheit auch zu zeigen?

Aladag: Natürlich wendet man sich an eine radikale Ideologie, wenn vielleicht auch im persönlichen Umfeld man nicht genügend aufgefangen wird, sich nicht genügend zu Hause fühlt. Das ist jetzt kein Vorwurf an Eltern. Viele Eltern bekommen leider gar nicht mit, was mit ihren Kindern oder mit den Jugendlichen passiert, weil vielleicht eben auch nicht eine Kommunikation über alle Lebensbereiche stattfindet. Aber bei Jan hat eine Entfremdung von seiner eigenen Familie stattgefunden. Es sind persönliche Erfahrungen, es sind auch Erfahrungen von psychischer Gewalt, aber auch physischer Gewalt, die junge Menschen letzten Endes auch zur Gewalttätigkeit treiben können. Insofern fühlt er sich fremd, entfremdet, und auf dieses Fremde geht Abadin Hasanovic wiederum ein, weil er ihn mit einem Glauben, mit einer Ideologie ausstatten kann, wodurch er wieder neue Kraft schöpft und eine Klarheit für sein Leben. Und nachdem die Konversion erfolgreich vonstatten gegangen ist, ist der Boden sozusagen da in Richtung Radikalisierung.

von Billerbeck: Trotzdem ist es ja immer schwer zu erklären, wo dieser Kippmoment liegt. Ich habe mich viele Jahre mit Sekten und Psychokulten beschäftigt, deshalb kenne ich diese Frage danach: Was war der Moment, von dem man sagen könnte in Ihrem Film, das ist der Auslöser, deshalb hat sich Jan entschieden, deshalb werde ich jetzt Muslim, deshalb ziehe ich sogar in den Syrien-Krieg. Diesen Moment, den sieht man ja so direkt gar nicht.

Aladag: Das ist richtig, weil es diesen spezifischen Moment vielleicht auch gar nicht so als Knack- oder Wendepunkt gibt, sondern es ist ein schleichender Prozess. Die Radikalisierung fängt nach und nach durch den Imam an, der Kämpfer, Helfer für den Krieg in Syrien anwirbt. Zunächst geht es nicht sofort darum zu kämpfen, sondern um Solidarität, darum, den Brüdern und Schwestern zu helfen mit einem Hilfskonvoi. Es sind oft auch Idealisten dabei, die Menschen helfen wollen.

von Billerbeck: Gerade Idealisten sind es ja oft.

Aladag: Gerade Idealisten, ganz genau, die aus diesem Grund sich engagieren wollen. Und wenn dann die Begrifflichkeiten und auch eine Form von Programmierung, sage ich mal, dieser jungen Menschen erfolgt ist, dann ist es umso leichter, diesen Kippmoment hervorzurufen und zu sagen, okay, jetzt ist es aber so weit, jetzt sind vielleicht Hunderte und Tausende Brüder und Schwestern von uns vom Westen massakriert worden, und wir müssen denen jetzt helfen. Wer geht mit? Und dann entschließt sich vielleicht einer, der schon so weit ist, und der andere folgt. Man beeinflusst sich da natürlich auch gegenseitig, und wenn die Ideologie tief genug sitzt, dann gibt es für junge Menschen oft nichts zu verlieren, weil auch das Leben, mit dem sie dort bezahlen könnten, ist dann aufgrund dieser Auslegung auch nichts, das sie verlieren, sondern sie kommen ins Paradies, also ihnen kann überhaupt nichts geschehen.

von Billerbeck: Es gibt in Ihrem Film auch die Gegenrede, gegen Jans Radikalisierung, gegen sein in der Moschee erlerntes Verständnis von Islam, ich sage es jetzt mal in Anführungsstrichen, und diese Gegenrede kommt ausgerechnet von Jans Freund Tarik, der selbst Muslim ist, der ihm sagt: Wozu brauchst du den Islam? Schalt dein Hirn wieder ein! War Ihnen das wichtig, dass es im Film eben eine starke Figur gibt, die eben für diesen anderen Islam oder überhaupt für den Islam steht, denn das, was Jan verkörpert oder was er hinterherrennt, das ist ja eher Islamismus.

Aladag: Das ist definitiv islamistischer Extremismus, und natürlich wussten wir, dass wir nicht den Islam in all seiner Breite erzählen können. Aber da, wo der Islam wichtig in seiner Darstellung war, nämlich im ganzen Konversionsprozess und so weiter – natürlich fühlen wir uns da einer Weltreligion gegenüber verpflichtet, überwiegend friedlichen Muslimen gegenüber verpflichtet, die Religion vom Extremismus zu trennen. Und den Islam als solches gibt es ohnehin nicht. Es gibt so viele Strömungen, Sunniten, Schiiten, Alewiten – der Islamismus wiederum, für den diese Gemeinde steht, ist spezifisch, und den versuchen wir auch spezifisch zu behandeln.

von Billerbeck: Jan kommt ja aus diesem Syrienkrieg zurück, hat dort Gräuel erlebt, kann trotzdem nicht lassen von dieser islamistischen Ideologie. Und da gibt es so eine Stelle, wo er von einem Verfassungsschützer befragt wird, verhört wird, und der fragt ihn, glauben Sie denn noch an den Islam? Und der sagt dann, der junge Mann, Jan: "Ohne Glauben geht es nicht." Das ist ja ein Satz, den würden in der deutschen Mehrheitsgesellschaft eher wenige wiederholen. Die christlichen Kirchen verlieren bekanntlich Mitglieder. Und gleichzeitig erleben wir ja, und das ja nicht erst seit gestern, dass das Bedürfnis steigt nach Spiritualität, nach etwas, nach irgendetwas, an das man glauben kann. Ist das genau diese Leerstelle, in die Extremisten unter dem Mantel vorgeblicher Religiosität stoßen?

Aladag: Ich denke schon, dass es genau diese Leere ist, wo Extremisten eine Chance haben, ihre Ideologien zum Aufblühen zu bringen. Klar, natürlich ist die Frage, was macht unsere Gesellschaft falsch, oder welche Angebote bieten wir jungen Menschen nicht, damit sie sich stark genug identifizieren. Ob das nun ein Weltbild ist oder eine Religion, ein Glauben oder ein Wir-Gefühl, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, was auch immer, natürlich müssen wir uns da auch fragen, warum es junge Menschen gibt, die an unseren Schulen groß werden oder an unseren Universitäten groß werden, warum die sich dennoch nicht aufgehoben fühlen und verführt werden können.

von Billerbeck: Wir wissen, dass Demokratie viel anstrengender ist als einfache Lösungen, trotzdem, und Sie haben ja nur in Anführungsstrichen einen Film gedreht, aber ich kann Ihnen die Frage nicht ersparen: Was müssen wir denn tun, damit die Demokratie am Ende doch attraktiver ist als alle Ideologien dieser Welt?

Aladag: Sofern man empirisch-wissenschaftlich Profile erstellen kann und die jungen Menschen lokalisieren kann und die Gründe spezifizieren, lokalisieren kann, müssen wir daraus Schlüsse ziehen und müssen auch Angebote an die jungen Menschen machen. Wir müssen jungen Menschen aber auch das Prinzip der Verführbarkeit und das Prinzip der Verführung vor Augen führen, damit junge Menschen gewappnet sind Menschen gegenüber, die vielleicht nicht nur einen reinen Glauben vermitteln wollen, denen es nicht nur um Spiritualität geht, sondern die damit auch eine politische Idee oder politische Zwecke verfolgen.

von Billerbeck: Züli Aladag, der Regisseur des Films "Brüder", nach dem gemeinsamen Drehbuch mit Kristin Derfler entstanden, heute Abend ab 20.15 Uhr läuft der zweiteilige Film im Ersten. Und danach, ab 23.45 Uhr, zeigt die ARD die Dokumentation "Sebastian wird Salafist" von Ghafoor Zamani. Herr Aladag, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Aladag: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Der Zweiteiler "Brüder" wurde vom SWR produziert und erzählt von der Radikalisierung des deutschen Informatik-Studenten Jan, den seine Sinn- und Haltsuche erst in eine salafistische Moschee und dann in den Syrienkrieg führt. Regie führte Züli Aladag, das Drehbuch ist von Aladag und Kristin Derfler. Im Anschluss an "Brüder" läuft in der ARD noch "Sebastian wird Salafist" von Ghafoor Zamani, eine 30-minütige Dokumentation über den 21-jährigen Sebastian, der den Weg in die deutsche Salafisten-Szene findet, letztendlich aber wieder aussteigt.

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