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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.10.2012

Spielerische kirchliche Subkultur

Über alte und neue Zugänge zu heiligen Texten im Bibliodrama

Von Thomas Klatt

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Bibliodrama braucht die Bereitschaft, sich auf die Gruppe und den biblischen Text einzulassen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Bibliodrama braucht die Bereitschaft, sich auf die Gruppe und den biblischen Text einzulassen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Anfang der 70er-Jahre entstand das Bibliodrama: Eine Verbindung der Heiligen Schrift mit theatralischen und künstlerischen Ausdrucksmitteln. Seitdem ist die Bewegung nicht mehr totzukriegen, aber viele Christen wissen mit Bibliodrama noch immer gar nichts anzufangen.

Einzelne Gottesdienstteilnehmer gehen in die Mitte des Altarraums schwenken farbige Tücher und sagen je ein Wort, das sie mit dem Predigttext verbinden. Dazu machen sie fließende Bewegungen und verharren schließlich in einer Position, bis sich die ganze Gruppe wieder auflöst. Elemente, die sie vorher in einem Bibliodrama-Workshop erarbeitet haben. Sie können im Anschluss als kleine Aufführung Teil eines Gottesdienstes sein, müssen es aber nicht. Bibliodrama ist ergebnisoffen.

Es ist das Bemühen, die Bibel für sich im Drama, im Spiel neu zu entdecken und auslegen zu lernen. Die Berliner Religionspädagogin Else Natalie Warns:

"Spiel und spielerisch sind ganz ernste und tiefe Zusammenhänge. So wie Kinder lernen im Spiel den ganzen Ernst des Lebens zu erforschen, so mit demselben Ernst geht das Mitglied in einer Bibliodrama-Gruppe an die Sache heran."

Vor allem die Körperarbeit, die Wahrnehmung des eigenen Atems, die Bewegung im Raum, das Öffnen der Sinne steht meist am Anfang einer jeden Bibliodrama-Arbeit. Ein Workshop dauert in der Regel drei bis vier Tage. Bibliodrama braucht die Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen und sich auf die Gruppe und den biblischen Text einzulassen. Vor allem für Kirchenprofis, die Theologen, ist es eine Chance, die Bibel nicht mehr nur rational, sondern eben auch sinnlich zu erfahren und zu entdecken.

"Ich hab mit zwischen 65 und 80 Jahren alten Ordenspriestern und Ordensleuten gearbeitet zum 30. Psalm. Das war eine spezielle Gruppe, die erzogen waren, dass das Körperliche tabu ist. Und ich hab aber doch damit angefangen, bestimmte Körpererfahrungen zu vermitteln, die immer ein paar Worte aus diesem Psalm verdeutlichen sollten: Du hast mich aus der Tiefe gezogen.

Stellen Sie sich mal zu dritt zusammen und der Mittlere hängt sich herunter, ganz tief herunter. Und die anderen klopfen ihn ein wenig ab und dann legen beide zwei Hände auf die Stirn und zwei Hände auf das Ende des Rückens und heben jetzt diesen der hängt auf. Und diejenigen, die sich überlassen haben, die sind schwindelig und müssen von den beiden gehalten werden. Und dann hab ich gesagt: Na, überlegen Sie doch mal, lasse ich mich aus der Tiefe ziehen? Lasse ich mich von Gott ziehen, heben, mir helfen? Kann ich mich überhaupt überlassen?"

In der Erfahrung des eigenen Schwindels, des Kontrollverlustes mangels Gleichgewichts wird diese Glaubensfrage viel existenzieller, bekommt eine körperlich-bewusste Tiefendimension. Durch die dramatische Arbeit am Bibeltext werden Gefühle und Emotionen aufgewühlt.

Für Else Natalie Warns ein heilsamer Entdeckungsprozess, der aber durchaus auch Gefahren birgt:

"Es geht immer in die Tiefe und es geht immer ans unbewusste. Zum Beispiel wenn jemand mitten in einer Therapie ist, sagen wir von vornhinein, das ist keine gute Möglichkeit, Bibliodrama mitzumachen. Es wird alles aufgerissen und aufgewühlt, was in dir gerade vorgeht."

Daher braucht Bibliodrama-Leitung eine lange und gründliche Ausbildung. Es ist keine Methode, die man ohne langjährige Erfahrung anwenden sollte. Obwohl oder gerade weil er jahrelang die akademisch-universitäre Theologie studiert hat, ist dem Herner Pfarrer Burkhard Giese der Zugang zu den Predigttexten über das Bibliodrama heute so wichtig geworden:

"Also ich predige völlig anders als in und nach dem Studium. Bibliodrama hat mich so verändert, dass ich ganz anders mit Texten umgehe und deshalb auch ganz anders Texte weitergebe. Der Gottesdienst hat sich durchaus verändert, weil der Gottesdienst selber in die Dynamik und den Prozess des Bibliodramas selbst mit hineinkommt."

Für die Teilnahme braucht es keinerlei Vorkenntnisse. Gerade auch die, die nicht religiös-christlich erzogen wurden, finden zunehmend den Weg zu dieser Methode, weiß die Hamburger Bibliodrama-Leiterin Heidemarie Langer:

"Weil es ist auch Körperarbeit, Seelenarbeit, Aufarbeitung, es ist mental spirituell, emotional. Und es ist nicht einfach nur ein Event, oder ein Erleben, oder mal eben schnell, oder wie mal eben schnell ne Stunde Massage. Es ist tatsächlich eine Auseinandersetzung und Ineinanderfügung."

Vor über 40 Jahren begannen liberale Theologen an den Universitäten damit, neue Zugänge zur Bibel zu suchen.

Der Marburger Theologe Gerhard Marcel Martin gilt seit den 1970er-Jahren als so etwas wie der Erfinder des Bibliodramas in Deutschland:

"Demgegenüber ging es um ein Wieder- und Neubelebungsverfahren, und nicht so, dass es rein über Worte und Denken und Instruktionen und historische Informationen ging, sondern eben über sinnliche und körperliche Wahrnehmungen, Ausdrucksarbeit."

Allerdings ist Bibliodrama nie zu einer Massenbewegung innerhalb der Kirchen geworden. Für Gerhard Marcel Martin ist das allerdings nicht verwunderlich. Biblisch gesprochen kommt es eben auf das bisschen Salz an, das den ganzen Brotteig oder eben die Suppe schmackhaft macht.

Soziologisch bedeutet es, dass ein kleines Häuflein von bibliodramatisch ausgebildeten und arbeitenden Multiplikatoren, Pfarrern, Religionslehrern oder eben engagierten Gemeindechristen die ganze Kirche beleben kann:

"Kirchen werden immer mehr Subkulturen und Dachorganisationen von Subkulturen. Auch die Bibliodrama-Szene ist eine kirchliche Subkultur. Und die Chance der Subkulturen besteht nicht darin, aus einer Subkultur zur kompakten Mehrheit zu werden, das gelingt sowieso nicht, sondern stimulierend auf andere Bereiche in der kompakten Mehrheit, sofern es sie überhaupt noch gibt, zu wirken."

Die Bibliodrama-Szene ist und bleibt also eine Nische. Sie hat sich aber in den letzten Jahrzehnten entwickelt und verzweigt. Der Bibliolog, eine Art Kurzform des Bibliodramas, versucht in zwei bis drei Stunden dem Bibeltext näher zu kommen. Eine Gruppe sitzt im Kreis und reflektiert mündlich das Gehörte, verzichtet aber auf jede künstlerische oder theatralische Umsetzung. In der Bibliodrama-Form "Playing Arts" werden dagegen verstärkt künstlerische Aspekte zum Ausdruck gebracht, bis hin zum Einsatz von Videos.

Andere versuchen Bibliodrama mit mehrtägigem Pilgern zu verbinden oder mit Tanz, Bibel-Tango zum Beispiel. Dann wieder werden selbst gebaute Masken zum Einsatz gebracht. Ganz leise wird es in Gruppen, die die Verbindung zu katholischen Exerzitien suchen. Diese kontemplative Übung zwingt zur nonverbalen Kommunikation. Und manche arbeiten sogar interreligiös christlich-buddhistisch, verbinden Biblio- mit Sutradrama.

Aber nicht nur die Methoden haben sich vervielfältigt. Längst ist Bibliodrama keine rein deutsche Angelegenheit mehr, sondern wird in fast allen Ländern Europas praktiziert. In Schweden nennt man das allerdings mehr "kreative Bibelarbeit", sagt die Religionspädagogin Lotta Geisler aus Stockholm:

"Die Leute kommen zurück, weil du bist nie fertig. Der gleiche Text ist wie ein Buch, du liest nie das gleiche Buch. Du veränderst dich, die Welt, du bewegst dich. Bibliodrama die Stärke ist, du bist wichtig als Individuum, die Gruppe ist wichtig und der Text. Es hat was mit Demokratie zu tun."

Kleine kirchendemokratische Bibliodrama-Gruppen wollen sich nicht mehr nur sonntags bepredigen lassen, sondern suchen ihre eigene Form der Bibelauslegung.

Der Schweizer Bibliodramatiker und katholische Theologe Bruno Fluder:

"Ich denke, das Bibliodrama bleibt ne kleine Bewegung, weil das Bibliodrama immer ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und der eigenen Glaubensgeschichte bleiben wird. Dieses Jahr gehen wir auf den Vorarlberg und werden uns schöne Naturbühnen suchen, um dort miteinander mit Bibliodrama zu experimentieren. Ein internes Experiment mit ungeleitetem Bibliodrama. Aber es wird nach meiner Einschätzung nie ein Breitensport werden."

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Geschaffen zum Spiel - Theologische Assoziationen zu einem menschlichen Grundbedürfnis, (DKultur, Religionen)

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