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Studio 9 | Beitrag vom 22.09.2020

Spektakulärer Nazikunst-Fund in BerlinArno-Breker-Skulpturen aufgetaucht

Von Christiane Habermalz

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Arno Breker: Romanichel, 1940, Marmor, 90 x 68 x 60 cm. Bei dem Dargestellten handelt es sich um einen jungen Sinto oder Rom, dessen Name nicht überliefert ist. Breker begegnete ihm in den 1920er Jahren in Paris. (Gunter Lepkowski, VG-Bildkunst Bonn)
Arno Breker: Romanichel, 1940, Marmor, 90 x 68 x 60 cm. Bei dem Dargestellten handelt es sich um einen jungen Sinto oder Rom, dessen Name nicht überliefert ist. Breker begegnete ihm in den 1920er Jahren in Paris. (Gunter Lepkowski, VG-Bildkunst Bonn)

Bei Bauarbeiten wurden im Garten des Kunsthaus Dahlem zwei Marmorplastiken gefunden. Schnell war klar: Sie stammen vom Nazi-Bildhauer Arno Breker. Eine von ihnen zeigt das Abbild eines Roma-Jungen. Geschaffen wurde sie, als die Deportationen begannen.

Es war ein Zufallsfund, der es in sich hatte. Bei Bauarbeiten im Garten des Kunsthauses Dahlem Ende August dieses Jahres stießen die Baggerschaufeln auf einmal auf Marmor. Zum Vorschein kamen zwei große, überlebensgroße Köpfe – einer davon so markant, dass ihn die Direktorin des Hauses, Dorothea Schöne, sofort identifizieren konnte: Es handelte sich um die Skulptur "Romanichel", eine bekannte verschollene Arbeit des Nazi-Bildhauers Arno Breker, die der Künstler 1940 anfertigte.

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Noch dazu eine, die dem Bildhauer sehr am Herzen lag, so sehr, dass er sich auf historischen Fotos und sogar auf einem Katalogcover in stilisierter Form mit dieser Skulptur zusammen ablichten ließ. Für Direktorin Dorothea Schöne, deren kleines Museum sich eigentlich mit der Kunst der Nachkriegszeit beschäftigt, eine kleine Sensation:

"Wir kennen von Breker die wichtigen Hauptwerke, aber es gibt eben auch viel, was verschollen war. Und dass nun in diesem Haus vollkommen durch Zufall plötzlich zwei Arbeiten auftauchen, und eine davon wirklich auch noch so eine herausragende Geschichte innerhalb seines Oeuvres hat, das ist halt einfach ein besonderer Fund." 

Ein Roma-Junge, den Breker kannte

Romanichel, zu deutsch "Vagabund", stellt einen Roma-Jungen dar, den Breker Ende der Zwanzigerjahre in Paris kennenlernte. In seinen Memoiren beschreibt er, wie der Junge auf Arbeitssuche an seine Tür geklopft habe, und wie er sofort fasziniert von seinem Gesicht gewesen sei. Auch seine Pariser Künstlerfreunde um Jean Cocteau waren begeistert, wie Breker schrieb, von diesem "seltsamen Ausdruck, der an Amenophis erinnerte". 

"Er hat ihn mehrfach porträtiert, aber damals noch in so einer impressionistischen Manier. Und dann schlägt er ihn 1940 in stark stilisierter klassizistischer Weise in Marmor, weit überlebensgroß. Und das Entstehungsjahr ist auf 1940 datiert. Es ist die Zeit, in der die ersten großen Deportationen der Sinti und Roma in die Konzentrationslager beginnen, im Frühjahr 1940. Und im gleichen Jahr entsteht dieses idealtypische Porträt eines Rom." 

Breker hielt die Skulpturen für verschollen

Ganz überraschend ist der Fundort nicht. Das heutige Kunsthaus Dahlem befindet sich in Berlin Grunewald im ehemaligen Staatsatelier von Arno Breker. Zwischen 1939 und 1942 wurde das Gebäude im Rahmen der Baumaßnahmen für die geplante Hauptstadt Germania "auf besonderen Wunsch des Führers" für den Künstler gebaut.

Als Atelier nutzte er es nur kurz, denn schon bald erschwerten Luftangriffe das Arbeiten. 1945 diente es zunächst der russischen, dann der US-Militärverwaltung als Büro, die die noch verbliebenen Werke Brekers in eine Kunst-Sammelstelle abtransportieren ließen. Warum und von wem diese beiden Köpfe aber im Sand vergraben wurden – ob aus Abscheu vor der Nazikunst, als Bombenkraterfüllung, oder um sie zu schützen, bleibt vorerst ein Rätsel. 

"Breker selber gibt an, dass die Arbeiten verschollen sind. Das heißt: Er selber weiß nicht, wo die geblieben sind und vermerkt es so in seinen Karteikarten seines Werkverzeichnisses. Die These ist, dass die Amerikaner diese Arbeiten hinterm Haus vergraben haben." 

Überlebensgroßer Porträt-Kopf von Arno Breker: Noch nicht identifizierte Plastik, Marmor, 86 x 57 x 52 cm (Gunter Lepkowski, VG-Bildkunst Bonn)Überlebensgroßer Porträt-Kopf von Arno Breker: Noch nicht identifizierte Plastik, Marmor, 86 x 57 x 52 cm (Gunter Lepkowski, VG-Bildkunst Bonn)
Unklar ist auch die Identität des zweiten Kopfes, der in einer ganz ähnlichen Art gearbeitet ist wie der Romanichel: Die Augen geschlossen, Hals und das ausdrucksstarke Gesicht durchgearbeitet und fein geschliffen, Haare und Hinterkopf bleiben in einer Art Infinito nur grob gespitzt im Stein verborgen. 

Wie Menschen sich von Macht korrumpieren lassen

Es steht noch einiges an Aktenrecherche und Forschung an – und die Frage: Was tun damit? Nazi-Kunst totzuschweigen und wegzusperren, wie das jahrzehntelang in Deutschland getan wurde, ist jedenfalls der falsche Weg, glaubt die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann, Leiterin der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der FU Berlin.

Gerade Arno Breker und seine Wandlung vom Avantgarde-Künstler der Zwanzigerjahre zum Propaganda-Bildhauer schlechthin, zum Vorzeigevertreter nationalsozialistischer Kunst-Gigantomanie, zeige, dass die NS-Ästhetik nicht im luftleeren Raum entstanden sei - und gleichzeitig, wie Menschen sich von Macht, Privilegien und Ideologie korrumpieren lassen. 

"Und dazu zählte Arno Breker", sagt Hoffmann. "Gerade diese - für uns heute immer noch als ein krasser Gegensatz zu verstehende - Entwicklung ist daran interessant. Und daran können wir lernen. Da müssen wir näher hinschauen. Und deshalb bin ich auch dafür, dass diese Werke ausgestellt werden. Natürlich kritisch!"

Erstmal sollen die beiden Köpfe bis Mitte Januar nächsten Jahres im Kunsthaus Dahlem ausgestellt werden. Was dann mit den Skulpturen geschehen wird, ist noch offen. 

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