Speisen mit Balzac

Es ist bekannt, dass der Balzac sehr viel Kaffee trank. Aber was aß er? Dieser Frage ist Anka Muhlstein nachgegangen, was gleich die nächste Frage aufwirft: Muss uns das interessieren? Die Antwort ist eindeutig Ja.
Zunächst einmal die Autorin selbst, französische Historikerin, seit Langem Wahlamerikanerin und Ehefrau Louis Begleys. Wer "Die Gefahren der Ehe", ihr Doppelporträt der Königinnen Elisabeth I. und Maria Stuart, gelesen hat, der kennt ihren brillanten, leicht ironischen Stil, der weiß, dass sie ihre Schilderungen nicht mit Details überfrachtet, sondern plastische, geradezu lebendige Bilder voller Farbe präsentiert. Zu Recht wurde sie mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und erhielt zweimal den Historiker-Preis der Académie française.
Vor allem aber überzeugt die ausgeprägte kulturgeschichtliche Dimension ihres neuen Buches. "Austern für Balzac" schildert – über den Umweg einer Schriftstellerbiografie – die Entwicklung der Institution, die man als Erstes mit Paris assoziiert: das Restaurant. Dabei war es unter dem Ancien régime absolut ungewöhnlich, außer Haus zu speisen. Wer auf Reisen dazu gezwungen war, tat gut daran, sich zu verproviantieren, denn das Angebot der Gasthäuser war in der Regel wenig appetitlich, was ebenso für die Speisen galt, die auf den Pariser Straßen feilgeboten wurde. Das strenge Zunftwesen verbot es, Wein, Fleisch und Gemüse gleichzeitig anzubieten, sodass Monsieur Boulanger im ersten Restaurant der französischen Hauptstadt, das er 1780 eröffnete, keine Ragouts servieren durfte. All dies änderte sich unter der Revolution rasant. Heerscharen von Köchen, Pâtissiers, Rôtisseurs und anderem Küchenpersonal wurden nach 1789 arbeitslos, als ihre adlige Herrschaft ins Exil flüchtete: Um 1800 gab es bereits 2000 Speisegaststätten in Paris.
Was nun den besonderen Reiz dieser "delikaten Biografie" ausmacht, ist die Verflechtung dreier Ebenen: Zum einen erfahren wir, wie Honoré de Balzac sich tatsächlich ernährte, wie er stundenlang auf die Jagd nach den besten Lebensmitteln ging oder während der vielen intensiven Arbeitsphasen ganz asketisch lebte. Gleichzeitig schildert Muhlstein die diversen Pariser Restaurants unterschiedlichster Qualität der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit scharfem Blick auf die soziale Dimension der Etablissements, und schließlich erfahren wir detailliert, welche ungeheure Bedeutung der übergewichtige Schriftsteller dem Essen in seinen Romanen einräumt, ganz nach dem Motto: Sage mir was du isst, und ich sage dir, wer du bist. So schafft die Autorin ein anschauliches, reichhaltiges Panorama, in dem allerdings den deutschen Lesern, denen das Universum Balzacs gänzlich fremd ist, die eine oder andere Anmerkung als Orientierungshilfe hätte dienlich sein können.
Besprochen von Carolin Fischer
Anka Muhlstein: Die Austern des Monsieur Balzac. Eine delikate Biografie
Aus dem Französischen übersetzt von Grete Osterwald
Arche Verlag, Zürich 2011. 192 S., 19.90 Euro
Vor allem aber überzeugt die ausgeprägte kulturgeschichtliche Dimension ihres neuen Buches. "Austern für Balzac" schildert – über den Umweg einer Schriftstellerbiografie – die Entwicklung der Institution, die man als Erstes mit Paris assoziiert: das Restaurant. Dabei war es unter dem Ancien régime absolut ungewöhnlich, außer Haus zu speisen. Wer auf Reisen dazu gezwungen war, tat gut daran, sich zu verproviantieren, denn das Angebot der Gasthäuser war in der Regel wenig appetitlich, was ebenso für die Speisen galt, die auf den Pariser Straßen feilgeboten wurde. Das strenge Zunftwesen verbot es, Wein, Fleisch und Gemüse gleichzeitig anzubieten, sodass Monsieur Boulanger im ersten Restaurant der französischen Hauptstadt, das er 1780 eröffnete, keine Ragouts servieren durfte. All dies änderte sich unter der Revolution rasant. Heerscharen von Köchen, Pâtissiers, Rôtisseurs und anderem Küchenpersonal wurden nach 1789 arbeitslos, als ihre adlige Herrschaft ins Exil flüchtete: Um 1800 gab es bereits 2000 Speisegaststätten in Paris.
Was nun den besonderen Reiz dieser "delikaten Biografie" ausmacht, ist die Verflechtung dreier Ebenen: Zum einen erfahren wir, wie Honoré de Balzac sich tatsächlich ernährte, wie er stundenlang auf die Jagd nach den besten Lebensmitteln ging oder während der vielen intensiven Arbeitsphasen ganz asketisch lebte. Gleichzeitig schildert Muhlstein die diversen Pariser Restaurants unterschiedlichster Qualität der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit scharfem Blick auf die soziale Dimension der Etablissements, und schließlich erfahren wir detailliert, welche ungeheure Bedeutung der übergewichtige Schriftsteller dem Essen in seinen Romanen einräumt, ganz nach dem Motto: Sage mir was du isst, und ich sage dir, wer du bist. So schafft die Autorin ein anschauliches, reichhaltiges Panorama, in dem allerdings den deutschen Lesern, denen das Universum Balzacs gänzlich fremd ist, die eine oder andere Anmerkung als Orientierungshilfe hätte dienlich sein können.
Besprochen von Carolin Fischer
Anka Muhlstein: Die Austern des Monsieur Balzac. Eine delikate Biografie
Aus dem Französischen übersetzt von Grete Osterwald
Arche Verlag, Zürich 2011. 192 S., 19.90 Euro
