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Länderreport | Beitrag vom 01.04.2020

Spargelernte in GefahrHelfer verzweifelt gesucht

Von Christoph Richter

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Hände in Arbeitshandschuhen, die frischen Spargel aus der Erde ziehen. Spargelzüchter Jan Berkers erntet zusammen mit seinem Sohn, der normalerweise die Schule hätte besuchen sollen, Spargel. 30. März 2020 (picture alliance / ANP / Robin van Lonkhuijsen)
Spargelzüchter haben aufgrund der Coronakrise mit Personalmangel zu kämpfen (picture alliance / ANP / Robin van Lonkhuijsen)

Auch in diesem Jahr wächst der Spargel in Brandenburg, aber ohne versierte ausländische Erntehelfer können die wertvollen Stangen nicht aus der Erde geholt werden. Viele Bauern fürchten um ihre Existenz.

"Wer jetzt pauschalisiert: 'Spargelstechen kann jeder....' – Nein, das ist ein Lehrberuf. Klingt doof, man kann jetzt Spargelstechen wie in einer Ausbildung lernen. Aber doch, es sind ausgesuchte, talentierte Leute. Die sind bei mir schon jahrelang in der Ernte."

René Falkenthal steht vor der verwaisten Spargelsortierhalle seines Betriebs Märkerland in Schlunkendorf, südlich von Potsdam. Ansonsten herrscht um diese Zeit hier Hochbetrieb. Dieses Jahr startet der Spargelbauer mit drei Erntehelfern. Üblicherweise bräuchte er ein gutes Dutzend Spargel-Stecher, erzählt der gelernte Klempner. Schon zu DDR-Zeiten habe man Spargel angebaut, aber so eine Situation, wie dieses Jahr? Nein, daran könne er sich nicht erinnern.

Ohne ausländische Erntehelfer geht es nicht

Auf dem Acker brauche man einfach die ausländischen Erntehelfer, ohne sie ginge es einfach nicht, erzählt der 42-Jährige. Im Verkauf, in der Sortierung alles kein Problem – da könne man deutsche Helfer einsetzen. Auf dem Acker bräuchte man die Spargelprofis aus Polen, Rumänien oder Bulgarien. Sie hätten Fingerfertigkeit, die man bei deutschen Erntehelfern vermissen würde. Mehr noch: Es sei eine Kunst, eine Spargelstange perfekt aus dem Boden freizulegen und zu stechen.

"Was wir praktizieren nennt man blindes Stechen. Er wird gestochen, ohne das oben der Kopf zu sehen ist. Da muss man die Stange fingerfertig freilegen, dabei nicht abbrechen und wird vorsichtig von der Seite mit einem langen Messer abgestochen."

Permanent klingelt das Telefon. Alle Beelitzer Spargelbauern – deren kostbares Gemüse markenrechtlich EU-weit geschützt ist – stehen miteinander in Kontakt. Überlegen, rätseln, sprechen sich ab, beratschlagen, was sie tun können – um die Spargelernte zu retten.

Ein Spargelfeld bei Sonnenaufgang in Dieburg, Deutschland. (EyeEm /  Kim Houzenga )Keine Spargelstecher in Sicht: Die Lieblingsdelikatesse vieler Deutscher wartet auf Erntehelfer. (EyeEm / Kim Houzenga )

Die Erntehelfer verbringen den ganzen Tag in gebückter Haltung. Das sei echte Kärrnerarbeit, sagt Spargelhofbetreiber Thomas Syring in Zauchwitz bei Beelitz. Mit deutschen Erntekräften habe er schlechte Erfahrungen gemacht. Und er kenne es schon: Am ersten Tag hätten sie Rücken, am zweiten Tag seien sie krank, dann würden sie gar nicht mehr kommen. Die Ernteleistung eines Profistechers aus Osteuropa würden sie nie und nimmer erbringen.

Genervt von der Bundeslandwirtschaftsministerin

Er bräuchte 60 Helfer, zehn sind gekommen. Weil sie schon vor dem Erlass des Einreiseverbots da waren. Jetzt müsse er sehen, wie er damit klarkomme. Bei Thomas Syring sieht man Sorgenfalten im Gesicht. "Wir haben momentan keinen Plan B. Ist eine ganz schöne Herausforderung von heute auf morgen ganz schnell umzudenken", sagt er.

Genervt ist Syring aber nicht nur vom Bundesinnenministerium, sondern auch von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Stein des Anstoßes: Die Ankündigung, es gebe 30.000 deutsche Helfer, die sich über ein Erntehelferportal gemeldet hätten. Man wisse ja nicht, ob die Klöckners auf ihren Weinberg ungelernte Helfer loslassen würden, poltert Thomas Syring. Sagt aber auch: "Es macht Mut, dass wir viele Bewerbungen auch von deutschen Leuten haben. Aber, ob das eine gute Variante ist? Da muss man schauen…"

Auch von der Idee, dass Geflüchtete, Asylbewerber oder Schüler und Studenten bei der Ernte helfen, hält Thomas Syring wenig. Er habe überhaupt nichts gegen diese Menschen. Man brauche aber Spargelernteprofis, keine Ungelernten, wiederholt Spargelmann Syring.

Ausgeklügeltes Folienmanagement

Jetzt hoffen alle Betroffenen auf kaltes Wetter – oder versuchen es mit einem ausgeklügelten Folienmanagement. Jeder kennt sie, die mit schwarz- oder weiß-glänzenden Folien überzogenen Felder. So mancher Spargelbauer würde bis zu drei Folienlagen verwenden, heißt es. Das sei eine Art Temperatursteuerung. Der Effekt: Der Spargel würde früher reif werden, die Erntemengen könne man damit erheblich steigern.

Nur: Dazu braucht man halt Erntehelfer. Und die hat man nicht... – René Falkenthal hat auch in diesen Zeiten seinen Humor nicht verloren. "Wenn nicht, lassen wir ihn durchwachsen. Ernten wir grünen Spargel. Ich bin da ganz optimistisch."

Coronavirus-NewsletterUnd was ist mit der Solidarität der Spargel-Bauern untereinander, indem man sich gegenseitig die wenigen Erntehelfer leiht? Eigentlich gern, sagen alle. Geht aber aktuell nicht, auch und gerade wegen der Coronapandemie. Viele Anbauer fürchten das Virus auf dem eigenen Hof, weshalb die eigenen Kräfte in festen, nicht wechselnden Teams arbeiten.

"Wir haben die Quartiere verändert, haben ein Quarantänezimmer für den Fall der Fälle. Arbeiten mit dem Gesundheitsamt zusammen. "ir lassen uns da überraschen und gucken, was ist. Wir sind gut vorbereitet."

Derzeit ist von einem massiven Ernteverlust die Rede. Die Spargelbauern in Brandenburg schätzen, dass man dieses Jahr nur ein Drittel der Ernte einfahren wird. Über 22.000 Tonnen der kostbaren Stangen wurden letztes Jahr in Brandenburg geerntet. Dieses Jahr rechnet man mit einer Ernte von gerade mal zwischen sieben- bis 10.000 Tonnen.

Existenzielle Folgen

Für einige Betriebe – sogar große Betriebe – könne der Einreisestopp für Erntehelfer existenzielle Folgen haben, betont Jürgen Jacobs, der Sprecher der Beelitzer Spargelbetriebe.

"Wenn wir hier keinen Umsatz generieren, keine Ernte einbringen - dann spar' ich zwar die variablen Kosten wie den Lohn, aber die ganzen Fixkosten sind ja schon ausgegeben. Bezahlt oder eben nicht bezahlt. Das hätte zur Folge, dass dann Mitte des Jahres sicherlich nicht unerhebliche Liquiditätsengpässe zu verzeichnen wären."

Jürgen Jacobs bräuchte 500 Helfer in seinem Betrieb. Im letzten Augenblick – also vor dem Einreisestopp – hat er mit zwei Chartermaschinen noch 250 Erntehelfer einfliegen lassen, erzählt er. Nun müsse er sehen, wie er damit zurechtkomme. Jacobs baut auf seinen Feldern nicht nur die kostbaren Spargelstangen an, sondern betreibt auch eine Gastwirtschaft und einen Streichelzoo. Jahresumsatz eine Million Euro.

Das Damoklesschwert "Insolvenz"

Jetzt rechnet Jacobs mit einem herben Verlust von mehr als 50 Prozent, wie er sagt. Alles stehe auf der Kippe, die Mitarbeiter sind besorgt. Eine von ihnen ist die Buchhalterin Beate Ernicke. Sie beantragt derzeit Kurzarbeitergeld für das gute Dutzend festangestellter Mitarbeiter. Wie ein Damoklesschwert schwebe derzeit das Wörtchen Insolvenz über dem Beelitzer Spargelhof.

"Man hofft es nicht. Aber es ist mit Sicherheit eine sehr schwierige Situation. Wir kriegen es ja nur so im Hintergrund mit. Aber klar, Existenzrisiko gibt es ganz bestimmt. Wir hoffen natürlich, dass alles in die Bahnen kommt. Dass die Ernte irgendwie gesichert wird. Man hofft einfach."

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(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 20.05.2019)

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