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Musikfeuilleton | Beitrag vom 11.06.2021

Spanische KomponistenIm Schatten von Manuel de Falla

Von Corinna Thaon

Eine historische Fotografie zeigt den Komponisten Manuel de Falla, der ernst in die Kamera blickt. (imago / United Archives International)
Manuel de Falla präsentierte 1939 die Musik spanischer Komponistenkollegen im Teatro Colón in Buenos Aires. (imago / United Archives International)

Manuel de Falla wurde in seinem argentinischen Exil gefeiert. Aber es ärgerte ihn, dass andere spanische Komponisten unbekannt waren. In seinen ersten Konzerten 1939 in Buenos Aires stellte er daher Orchesterwerke seiner Kollegen vor.

Es war November 1939 und Frühling in Buenos Aires, als ein großes Konzertereignis erwartet wurde. Manuel de Falla war höchstpersönlich aus Spanien angereist und sollte im Teatro Colón am Dirigentenpult stehen. Natürlich nahm man an, dass er seine eigenen Werke präsentieren würde, doch der Spanier hatte anders entschieden. Er widmete seine ersten Konzerte in Argentinien der sinfonischen Musik seiner Heimat.

Spanische Orchestermusik in Buenos Aires

An vier Abenden leitete de Falla abwechselnd mit dem argentinischen Dirigenten Juan José Castro das Orchester. Die meisten zeitgenössischen Komponisten, die de Falla 1939 in Buenos Aires vorstellte, lebten damals nicht mehr in Spanien. Denn der Bürgerkrieg und die anschließende Militärdiktatur beendeten das innovative Musikschaffen 1936 abrupt.

Blick in den grandiosen Zuschauerraum mit mehreren Rängen und großem Parkett, das rote Stühle hat, vom Teatro Colón in Buenos Aires.  (picture alliance / dpa | Ralf Hirschberger)Das Teatro Colón in Buenos Aires hat 2500 Sitz- und 1000 Stehplätze. (picture alliance / dpa | Ralf Hirschberger)

1876 geboren, hatte de Falla die Musikszene in Spanien seit den 1890er-Jahren miterlebt. In den Metropolen Madrid und Barcelona dienten um die Jahrhundertwende Cafés, Salons und Theater der Musik und Unterhaltung. Klavier- und Liederabende, Gitarrenmusik und spanische Singspiele waren angesagt. Für die sinfonische Musik gab es hingegen weniger Zuspruch und lange Zeit nur wenige Aufführungsmöglichkeiten.

Auf dem Weg zur Nationalmusik

Der Nationalismus, der schon länger das europäische Musikleben beeinflusste, zündete ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Spanien. Damit entstand der Anspruch, eine landeseigene Musik zu komponieren. Herausragende Persönlichkeiten des spanischen Musiklebens wie Asenjo Barbieri und Felipe Pedrell begannen, musikwissenschaftliche Forschung zu betreiben. Sie untersuchten die Musik aus den Epochen vor 1700.

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Manuel de Falla erinnerte im Teatro Colón mit eigenen Bearbeitungen an die Gesänge der alten spanischen Meister. Wie in anderen europäischen Ländern des 19. Jahrhunderts ließen sich in Spanien Komponisten von ihrer Volksmusik inspirieren, um eine nationale Musik zu schaffen. 

Der Vater der spanischen Musik 

Vor allem war Felipe Pedrell, der Lehrer Manuel de Fallas, Ende des 19. Jahrhunderts für die eigenständige Entwicklung der spanischen Kunstmusik verantwortlich. Der 1841 geborene Katalane komponierte Opern, Zarzuelas (spanische Singspiele) und vieles mehr.

Er war Sammler und Herausgeber von Volksmusik und forschte über die früheren Musikepochen Spaniens. Mit seinem Manifest "Por nuestra musica" aus dem Jahr 1891 setzte er sich für eine neue spanische Musik ein. 

Eine schwarz-weiß-Fotografie zeigt einen alten Mann mit Brille und weißem, Vollbart. (imago / United Archives International)Felipe Pedrell (1841-1922) war Komponist, Gitarrist, Musikwissenschaftler und Pädagoge. Zu seinen Schülern gehörten u.a. Enrique Granados und Isaac Albéniz. (imago / United Archives International)

Als der Katalane hochbetagt im Jahr 1922 starb, konnte er auf zahlreiche Erfolge seiner Schüler zurückblicken. Seine eigenen Kompositionen wurden hingegen kaum aufgeführt. De Falla würdigte den Komponisten, Musikforscher und Pädagogen in seiner Suite "Homenajes". Im Schlussatz "Pedrelliana" bearbeitete er Pedrells Zarzuela "La Celestina". Die Argentinier erlebten im Teatro Colón damals im Jahr 1939 die Uraufführung.

Auf nach Paris

Oscar Esplá aus Alicante, geboren 1886, ging nach seinem Studium in Barcelona zunächst nach Meiningen, um bei Max Reger zu lernen. Anschließend zog er wie so viele seiner Kompositionskollegen nach Paris, um bei Camille Saint-Saëns Unterricht zu nehmen.

Nach Spanien zurückgekehrt, entdeckte er für sich die Folklore des Levante, die Musik seiner Heimat an der Ostküste Spaniens. Mit den Skalen und anderen Elementen des Volksgesangs entwickelte er ein eigenes Kompositionssystem. Auch seine Musik stellte de Falla vor.

Die Brüder Rodolfo und Ernesto Halffter aus Madrid, geboren 1900 und 1905, waren im wesentlichen Autodidakten, bis sie sich von de Falla beraten ließen. Rodolfo Halffter experimentierte bereits in seinen Frühwerken mit Atonalität und komponierte nach einer neoklassizistischen Phase später in den 1950er-Jahren mit seriellen Verfahren. Sein Bruder Ernesto Halffter war bereits als 20-Jähriger mit seinen Werken im neoklassizistischen Stil international erfolgreich und blieb bei dieser Kompositionsweise. 

Ohne Rückfahrkarte

Von Flucht und Exil traumatisiert oder in die innere Emigration gedrängt, schufen viele spanische Komponisten nach 1936 keine innovativen Kompositionen mehr oder verstummten ganz. Die Mehrheit geriet dadurch in Vergessenheit. Während des Franco-Regimes war das Land von Europas neuen musikalischen Strömungen abgeschnitten und nur romantisch-national geprägte Kompositionen wurden gefördert.

Oscar Esplá wohnte in Brüssel und arbeitete inzwischen für eine Tageszeitung. Ernesto Halffter unterrichtete in Lissabon. Rodolfo Halffter floh nach Mexiko und der katalanische Komponist Jaume Pahissa, auch von ihm erklang ein Werk im Teatro Colón, emigrierte 1937 nach Argentinien. Auch de Falla kehrte nach seinen Konzerten in Buenos Aires nicht mehr nach Spanien zurück.

Joaquin Turina hingegen blieb in Spanien, konnte bald wieder in Madrid unterrichten und war mit seinen Werken weiterhin ein beliebter Komponist.

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