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Zeitfragen | Beitrag vom 14.05.2018

Spanien ist Spitzenreiter bei OrganspendenWeltmeister mit Herz und Lunge

Von Marc Dugge

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Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am 27.09.2012 in Berlin am Eingang eines OP-Saales vorbei getragen. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
In Spanien gibt es in jedem größeren Krankenhaus ein Koordinationsteam, das sich um Organspenden kümmert. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Trotz aller Bemühungen liegt die Zahl der Organspenden in Deutschland weiter viel zu niedrig. In Spanien sieht das anders aus - was auch daran liegt, dass dort die sogenannte Widerspruchslösung gilt. Doch das ist nicht der einzige Grund für den Erfolg des spanischen Systems.

Raquel war gerade mal 41, als sie kaum noch Luft bekam. Ihr Arzt diagnostizierte ihr eine sogenannte Idiopathische Lungenfibrose. Eine Krankheit, die die Lungenfunktion in ihrem Verlauf immer dramatischer einschränkt. Bei Raquel war sie im Endstadium.

"Es kam der Punkt, an dem ich entscheiden musste, ob ich atme oder ob ich mir in die Hose mache. Ich weiß, es ist schon sehr drastisch, wenn ich das sage. Aber es ist eben einfach so: Der Körper braucht für alles Sauerstoff. Wenn man blinzelt, den Arm bewegt oder lächelt. Wenn ich lachte, bekam ich keine Luft mehr. Und weinen konnte ich auch nicht. Die Krankheit löschte mich aus. Und dann hat die ONT übernommen. Und es ging dieses großartige Verfahren los, das wir in Spanien haben."

Die ONT ist die Nationale Organisation für Organtransplantationen, die dem spanischen Gesundheitsministerium unterstellt ist. Sie koordiniert die Transplantationen, vermittelt Spender und Empfänger, bildet Fachleute aus. Beatriz Domínguez-Gil ist die Chefin der Behörde. Sie kann jedes Jahr neue Erfolgsmeldungen verkünden.

"Der Erfolg des spanischen Organspende-Systems gründet in erster Linie auf der Art und Weise, wie dieses System organisiert ist. Die technischen und rechtlichen Voraussetzungen in Spanien sind sehr gut. So haben wir seit langem etwa ein sehr gutes Transplantationsgesetz. Und außerdem ein außergewöhnlich gutes Gesundheitssystem."

In Spanien gilt die sogenannte Widerspruchslösung

Bei der Gesetzeslage gibt es einen großen Unterschied zu Deutschland. In Deutschland gilt die Entscheidungslösung: Der Spender muss ausdrücklich der Entnahme der Organe zugestimmt haben – etwa mit einem Organspendeausweis. In Spanien gilt dagegen die sogenannte Widerspruchslösung. Das heißt: Ein Organspender muss zu Lebzeiten ausdrücklich der Organentnahme widersprechen. Doch das sei nur ein Teil des Erfolgs, so Beatriz Domínguez-Gil:

"Es wird immer vermutet, dass die Widerspruchslösung für den Erfolg verantwortlich ist. Aber so ist es nicht. Es ist natürlich gut, dass es dieses Gesetz gibt. Denn damit ist es die Regel, Organe zu spenden. Aber das Gesetz gibt es schon seit 1979. Wir haben aber das System, so wie es heute ist, erst zehn Jahre später eingerichtet. In der Praxis gehen wir nicht anders vor als die Kollegen in Deutschland, die dieses Gesetz nicht haben. Wir stellen sicher, dass der Spender die Organspende nicht abgelehnt hat – und fragen dazu auch Familienangehörige. Wenn die Familie nicht möchte, dass die Spende stattfindet, werden wir auch nicht aktiv."

Stolz ist die ONT-Chefin auf die Expertenteams. Anders als in Deutschland gibt es in jedem größeren spanischen Krankenhaus ein Koordinationsteam, das sich um Organspenden kümmert. Spezialisten für Intensivmedizin leiten diese Teams. Sie arbeiten meist auf der Intensivstation, kennen die Patienten und ihren Gesundheitszustand genau. So wissen sie, ob etwa eine Krankheit eine Organspende verhindern könnte. Und sie sind eben auch darin geschult, auf die Sterbenden zuzugehen, um ihnen die Möglichkeit einer Organspende vorzuschlagen.

Wird das Organ entnommen, schlägt die Stunde von Cristel Terrón. In ihrem Großraumbüro in der ONT klingelt ständig das Telefon – denn hier laufen alle Fäden zusammen. Cristel und ihre Kollegen entscheiden, wo in Spanien welches Organ vorhanden ist – und wer es bekommt. Anhand klarer Kriterien, versteht sich. Sie zeigt auf die Liste, die vor ihr liegt:

"Das sind die Lebertransplantationen, hier siehst Du die Prioritäten. Das sind etwa Patienten, bei denen es drängt, aber etwas weniger. Das hier sind die Herztransplantationen – und das die Kinder."

Die Wartelisten sind dennoch lang

Cristel organisiert nicht nur, wer das Organ erhält. Sondern auch, wie er es erhält.

"Das ist oft schwierig und auch ein bisschen stressig. Denn wir haben Teams, die über ganz Spanien fliegen, Flugzeuge, die an verschiedenen Orten landen oder starten. Manchmal werden mehrere Organe gleichzeitig entnommen – das muss organisiert werden. Oder es treten dabei Komplikationen auf. Wir öffnen Flughäfen, auch Militärflughäfen. Wenn einer geschlossen ist, holen wir um zwei Uhr morgens den aus dem Bett, der den Schlüssel hat, damit er den Flughafen öffnen - und unser Flugzeug landen kann."

Die Nachricht, dass die Transplantation stattfinden kann, kommt oft ganz plötzlich. Dirk erinnert sich noch, wie er davon erfuhr, dass er eine neue Niere bekommt. Er war damals gerade neun Jahre alt und Dialysepatient.

"Ich hatte gerade Mathe-Unterricht und es kam die Frau vom Empfang. Und sie sagte: Komm mit runter, Deine Mutter wartet auf Dich. Und ich bin runter. Da sagte mir meine Mutter, dass ich eine Organtransplantation bekomme. Ich verstand damals gar nicht genau, was das bedeutet. Aber mir der Arzt dann aber alles erklärte und mir sagte, dass ich ein neues Leben bekomme, habe ich gesagt: Super, auf geht‘s!"

Heute, mit 18, geht es Dirk gut. Die Zeiten, in denen er immer wieder an ein Dialysegerät angeschlossen werden musste, sind lange vorbei. Nicht allen Kindern ist das vergönnt. Gerade bei ihnen ist die Warteliste lang. Denn Kinder sterben glücklicherweise seltener. Dazu kommt, dass manche Organe für Kinder nur schwer zu verpflanzen sind – wie etwa Herzen oder Lungen. Für manche Kinder kommt so das ersehnte Organ zu spät. Sie sterben in der Warteliste.

Mit dem Thema Organspende offen umgehen

Für ONT-Chefin Domínguez-Gil ist das eine der großen Herausforderungen in Spanien. Den deutschen Krankenhäusern rät sie, dem Thema Organspende mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie sollten für ihre Kompetenz bei Organspenden selbstbewusst werben und das Personal entsprechend schulen. Damit die Mitarbeiter wie auch in Spanien auf jene Patienten zugehen, die sterben – und ihnen anbieten, Organspender zu werden:

"Wenn ich sterbe, möchte ich um die Möglichkeit wissen, meine Organe zu spenden – und nicht, dass jemand anderes befindet, dass diese Option für mich nicht in Frage kommt. Ich möchte das selbst entscheiden."

Raquel weiß, wie sie sich entscheiden würde. Sie weiß, dass sie dank eines anderen Menschen noch am Leben ist. Daher würde sie spenden. Doch nicht jeder in ihrer Familie ist da derselben Meinung, sagt sie.

"Wir spüren hier in Spanien immer noch das schwere Gewicht einer verschlossenen, christlich-katholischen Kultur. Wenn mir jemand sagt, dass er keine Organe spenden will, weil er so von der Welt gehen will, wie er gekommen ist, dann sage ich: Na gut, aber wenn sie Dich am Blinddarm operieren, gehst Du auch nicht, wie Du gekommen bist. Natürlich muss das jeder für sich entscheiden. Aber ich frage dann immer: Wenn Du nicht spenden willst, würdest Du denn akzeptieren, ein Organ von jemandem zu bekommen, wenn Du krank bist? Ich bin jedenfalls immer noch am Leben dank eines enormen Netzes, das mich aufgefangen hat, unseres spanischen Gesundheitssystems. Dank der Unterstützung der Mitmenschen. Dank dem Fischverkäufer nebenan. Allen bin ich Dankbarkeit schuldig. Denn welch schöneres Geschenk gibt es als das Leben?"

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