Spätromantik

In Liebesdingen nicht mehr irren

Gefühlstrunken und wissenschaftsberauscht: der französische Romancier Jules Verne. © AP-Archiv
Von Hans v. Trotha · 13.12.2013
In seinem einzigen Liebesroman erzählt Jules Verne von Helena, auf der Suche nach dem Liebsten - und einem grünen Leuchten am Horizont. Gefühlsdramatik und tobende Naturgewalten führt er darin elegant parallel.
Wenn die Sonne hinter dem Meereshorizont untergeht, kann man unter besonderen metereologischen Umständen für wenige Sekunden ein grünes Leuchten sehen. Ein Naturschauspiel, wie geschaffen für eine literarische Spätromantik, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts - gleichermaßen gefühlstrunken wie wissenschaftsberauscht - Außenwelt und Innenleben als sich gegenseitig befeuernde Abenteuer inszenierte und in dem französischen Romancier Jules Verne ihren Meister fand. Die einen entzaubern den grünen Blitz als "belanglose Kuriosität“ aus dem "recht kindischen Bereich der Unterhaltungsphysik“, die anderen erkennen in ihm die Offenbarung einer höheren Wahrheit. Wer den grünen Blitz gesehen hat, heißt es, kann fortan in Liebesdingen nicht mehr irren.
Und so beschließt die junge Helena, die in Schottland in der Obhut zweier zauseliger Onkel aufwächst, sich erst zu vermählen, wenn sie den grünen Blitz gesehen hat. Es ist die wissenschaftliche Unterfütterung des damals noch vergleichsweise jungen Phänomens der romantischen Liebe. Um die Sache zu beschleunigen, reisen Helena und ihre Onkel dem grünen Blitz entgegen. Sie fahren erst in ein Seebad, dann auf die Hybriden, schließlich immer tiefer hinein in die ungestüme Natur. Auf unbewohnte Inseln, wo wilde Mächte walten und die mystischen Gesänge des fiktiven keltischen Dichters Ossian weniger ausgeklügelte Dichtung als erfühlte Wirklichkeit zu sein scheinen.
Suche nach Liebe, Wahrheit und dem grünen Blitz
Zwei Kandidaten buhlen um Helena: Aristobulus Ursiclos, in Aussehen und Verhalten ganz der wissenschaftsgläubige Tollpatsch, und Olivier Sinclair, die Inkarnation des romantischen Schwärmers, der erst einmal aus den Gewalten eines Mahlstroms gerettet werden muss, in den er sich freiwillig begeben hat. Dazwischen Helena, "von heftigster Erregung, überwältigt“, auf der Suche nach Liebe, Wahrheit und dem grünen Blitz, was am Ende alles eins ist.
"Le Rayon-vert" ist 1882 auf Französisch, 1885 als "Der grüne Strahl" erstmals auf Deutsch erschienen. Da war Jules Vernes mit "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde", "20.000 Meilen unter dem Meer" und "Reise um die Erde in 80 Tagen" längst zum Bestsellerautor avanciert, der erste Science-Fiction-Star. "Der grüne Blitz", 1982 von Eric Rohmer verfilmt und jetzt vom Mare Verlag als Neuübersetzung in einer Schmuckedition mit den Kupferstichen der Originalausgabe herausgebracht, kommt gänzlich ohne Science Fiction aus. Es ist Jules Vernes einziger Liebesroman. Die romantischen Grundmotive liegen so blank, und das Personal ist so unzweideutig gezeichnet, dass die Erzählung bisweilen hart an den Rand der Persiflage gerät. Aber gerade das verleiht dieser Trouvaille ihren besonderen Charme, zumal die dramatischen Potenziale der Gefühlswelt und der tobenden Naturgewalten so elegant parallel geführt und zugespitzt werden, dass es immer wieder richtig spannend wird, bis zum Schluss. Und der ist, wie es sich für den Schluss eines großen romantischen Liebesromans gehört, fast so, wie man es erwartet hätte - aber eben nur fast.

Jules Verne: "Der grüne Blitz"
Aus dem Französischen von Cornelia Hasting
Mit einem Nachwort von James Hamilton-Paterson
Mare Verlag, Hamburg 2013
288 Seiten, 26 Euro

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