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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.11.2009

Späte Uraufführung

Schillers "Seestücke" an der Berliner Volksbühne

Von Eberhard Spreng

Friedrich Schiller. (AP)
Friedrich Schiller. (AP)

In seinen letzten Lebensjahren entwirft Friedrich Schiller drei dramatische Skizzen, die sogenannten Seestücke. Obwohl er nie das Deutsche Reich verlassen hat oder zur See gefahren ist, entwickelt er darin in knappen Handlungsanweisungen Ideen von einer globalisierten Welt. Knapp 200 Jahre später nehmen sich drei junge Regisseure der Fragmente an und präsentieren höchst unterschiedliche Umsetzungen.

Einige wenige Seiten umfassen die drei Fragmente, in denen Friedrich Schiller Stückvorhaben skizziert, die die Volksbühne nun "uraufgeführt" hat. Sie enthalten keine Szenen, sondern oft nur Stichwortfolgen, kurze Handlungsskizzen. Es ist also eher als offenes Material zu sehen. Ulrich Rasche hat es zu einer streng geführten und genau gearbeiteten chorischen Realisation inspiriert, bei der wie Matrosen gekleidete Männer und Frauen in einem trägen Marschrhythmus wie in Wellen auf den Zuschauer zulaufen und dabei verhalten Fragmente von Meeresliedern und Nationalhymnen singen.

"Einigkeit" ist das als kurze Kadenz zu hören, oder "Freiheit", oder "Aux armes, citoyens". Die musikalische Dekontextualisierung macht all dies zu verwehten Reminiszenzen des nationalstaatlichen Aufbruchs in die Ferne. Über all dem liegt Rituelles, Zeremonielles, ein Requiem auf maritime, soldatische Traditionen.

Nach dem berauschenden ersten Teil stellt Heiko Kalmbach einige schwarze Darsteller beim Zeltaufbauen auf die Bühne, lässt einzelne Igluzelte über das Publikum stülpen und es so an dem Flüchtlingslagergefühl teilhaben.

Ulf Aminde schließlich zerschreddert den Stoff in einer sehr lauten, sehr aggressiven Performance, die erkennbare maritime Bezüge und die Verbindung zu Schiller vermissen lässt. Mit drei jungen Künstlern ist die Volksbühne zu völlig disparaten Ergebnissen gekommen, aber eben auch zu einer großen künstlerischen Entdeckung: Vielleicht sollte Ulrich Rasche, der 2004 in Berlin mit einer Arbeit im damals entkernten Palast der Republik bereits aufgefallen war, am Rosa-Luxemburg-Platz einmal einen ganzen Abend bestreiten.

Seestücke
nach Friedrich Schiller
Uraufführung an der Volksbühner am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Regie: Ulrich Rasche, Heiko Kalmbach und Ulf Aminde

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