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Debüt / Archiv | Beitrag vom 23.10.2012

Späte Sonnenstrahlen

Joseph Haydn: Streichquartett B-Dur op. 76 Nr. 4 "Sonnenaufgang" (1797)

Von Martina Seeber

Joseph Haydn (von Guttenbrunn 1770) (Haydn-Festspiele)
Joseph Haydn (von Guttenbrunn 1770) (Haydn-Festspiele)

Eine Musik, die tonmalerisch das äußere Leben schildert, war im Grunde nie Joseph Haydns Sache. Auch die Sonne, die das englische Publikum gleich zu Beginn des <em>Allegro con spirito</em> aufsteigen sah, hat der Komponist im Zusammenhang mit diesem vierten der Erdödy-Quartette nie erwähnt.

Dabei lag das Thema des Sonnenaufgangs im Jahre 1797 geradezu "in der Luft". Nach der französischen Revolution hofften nicht nur die Franzosen auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Auch Haydns Musik strebt in dieser Phase des Spätstils fast ausnahmslos von der Dunkelheit zum Licht, beispielhaft natürlich in der zeitgleich entstandenen Schöpfung, die damals nicht nur musikalisch den Nerv des Publikums traf.

Insofern liegt die Deutung nahe, auch den Anfang des Quartetts in B-Dur als Verheißung einer neuen, helleren, besseren Welt zu verstehen. Aus fahlen Liegeklängen erhebt sich die Violinstimme mit einer Ruhe, die im Hinblick auf die Satzbezeichnung Allegro con spirito überrascht, zumal das Thema beim langsamen Abstieg ins Stocken gerät. Dieses Hauptthema dominiert den gesamten Kopfsatz, im Violoncello wendet es sich später in die Tiefe, in der Durchführung auch nach Moll. Sogar in den Folgesätzen klingt diese Tonfolge, die das Publikum so nachhaltig beeindruckt hat, noch nach.

Begeistert äußerte sich auch der Musikschriftsteller Charles Burney in einem Brief aus London an den damals in Wien lebenden Komponisten: "Ich habe durch Instrumentalmusik niemals mehr Vergnügen empfunden: sie [die Erdödy-Quartette] sind voller Erfindung, Feuer, gutem Geschmack und neuen Effekten und scheinen die Hervorbringung nicht eines erhabenen Genius, der schon so Vieles und Gutes geschrieben hat, zu sein, sondern eines solchen von hoch kultivierten Talenten, der noch nichts von seinem Feuer verloren hat."

Natürlich sind die späten Quartette längst nicht mehr als gehobene Hausmusik gedacht, wie es bei den ersten Quartetten der Fall war, die ausdrücklich zum privaten Gebrauch bestellt waren und – zeitgleich mit Luigi Boccherini – die Gattung begründeten. Die späten Quartette rechnen mit Aufführungen in der Öffentlichkeit, und sie werden entsprechend wahrgenommen. Die Allgemeine Musikalische Zeitung aus Leipzig lobt die perfekte Verbindung von "kunstvoller Popularität" und "popularer (fasslicher, eindringender) Kunstfülle", was nichts anderes bedeutet, als dass Haydn hier das damals herrschende Ideal der edlen Einfalt scheinbar mühelos mit der Lust an Unterhaltung in Einklang brachte.

Nicht nur der erste Satz, sondern auch das Adagio, in dem sich die Violine langsam solistisch in den Vordergrund spielt, das naiv-verspielte Menuetto mit seinem melancholischen Trio und das finale Rondo mit der nur spielerisch angedeuteten Fuge vermitteln den Eindruck souveräner Leichtigkeit.

Die Musik verrät nichts davon, dass der hoffnungsvolle Sonnenaufgang in einer Zeit zu Papier gebracht wurde, in der Haydn mit den Schattenseiten des Alters zu kämpfen hatte.

"Die Welt macht mir zwar viele Komplimente", schrieb er im Jahr 1799, "auch über das Feuer meiner letzten Arbeiten: aber Niemand will mir glauben, mit welcher Mühe und Anstrengung ich dasselbe hervorsuchen muss, in dem mich manchen Tag mein schwaches Gedächtnis und die Nachlassung der Nerven dermaßen zu Boden drückt, dass ich in die traurigste Lage verfalle und hierdurch viele Tage nachher außer Stand bin, nur eine einzige Idee zu finden."

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