Seit 14:30 Uhr Vollbild

Samstag, 07.12.2019
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild

Sein und Streit | Beitrag vom 17.11.2019

Soziologe Vivek ChibberDie blinden Flecken des Postkolonialismus

Vivek Chibber im Gespräch mit Stephanie Rohde

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein indisches Paar geht an einer Mc Donalds Filiale in Pune vorbei. (AFP/ Punit Paranjpe)
Globale Warenwelt, lokale Kultur: Der Kapitalismus breitet sich aus, lässt aber Unterschiede zu. Das Bild zeigt ein indisches Paar vor einer McDonalds-Filiale in Pune. (AFP/ Punit Paranjpe)

Klischees vom irrationalen Orient zu überwinden, das ist ein Ziel der Postcolonial Studies. In Wahrheit aber bekräftigen sie das Vorurteil, dass West und Ost einander nicht verstehen können, kritisiert der New Yorker Soziologe Vivek Chibber.

Stephanie Rohde: Ein Gespenst geht um – aber nicht in Europa, sondern in den Büchern von Postkolonialismusforschern, die sich mit der außereuropäischen Welt beschäftigen. Davon ist Vivek Chibber überzeugt. In seinem Buch "Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals" wirft der New Yorker Soziologe führenden Vertretern der Postcolonial Studies vor, dass sie das klischeebehaftete Bild von Ländern in Asien, dem Nahen Osten oder Afrika gerade nicht beerdigen, sondern wieder aufleben lassen – und damit genau das tun, was Europäer lange getan haben.

Herr Chibber, wie Sie zu diesem Schluss gekommen sind, darüber sprechen wir gleich. Bevor wir zu Ihrer Kritik kommen, lassen Sie uns die Verdienste des Postkolonialismus in den Blick nehmen. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Erkenntnisse, die postkoloniale Theorien hervorgebracht haben? Was würden wir nicht sehen, wenn es dieses Forschungsfeld nicht gäbe?

Vivek Chibber: Zwei bedeutende Leistungen gibt es. Das sage ich, obwohl ich dem Postkolonialismus sehr kritisch gegenüberstehe. Vor allem zu Beginn gab es einige Errungenschaften. Man setzte sich mit dem Imperialismus, dem kolonialen Erbe und seinen Spuren auseinander. Man untersuchte die Brutalität der Kolonialisierung und brach endlich mit der Vorstellung, man habe den unterdrückten Völkern die Zivilisation, Fortschritt und Demokratie gebracht. Diese Idee zu verabschieden, war sehr wichtig.

Autoren aus früheren Kolonien gehörten nicht zum Kanon

Eine andere Leistung besteht darin, dass man die Erforschung dieser Weltregionen in der akademischen Welt etablierte. Meine Mutter machte ihren Doktortitel in Englisch in den 1970er Jahren. Zu dieser Zeit war es im Englischstudium noch völlig unmöglich, Autoren, die aus den einstigen kolonialisierten Gebieten, zum Beispiel aus Afrika, Südasien oder dem Nahen Osten, stammten, auch nur zu lesen. Sie gehörten einfach nicht zum Kanon. Das galt auch für andere Studiengänge wie Geschichte.

Die Postcolonial Studies öffneten diesen Weg. So konnte sich eine intellektuelle Beschäftigung mit historischen und kulturellen Entwicklungen in den entkolonialisierten Ländern weltweit ausbreiten und war nicht mehr exklusiv westlichen Akademikern vorbehalten. Das sind echte Errungenschaften. Aber wesentliche neue Erkenntnisse hat der Postkolonialismus meiner Ansicht nach kaum hervorgebracht.

Vivek Chibber steht auf der Bühne und diskutiert mit dem Publikum.   (Vivek Chibber)Zurück zum Klassenkampf: der Soziologe Vivek Chibber kritisiert, dass postkoloniale Theorien vom weltweiten Kampf gegen Unterdrückung ablenken. (Vivek Chibber)

Rohde: Eine Idee, die innerhalb der postkolonialen Theorie entwickelt wurde, war die Kritik des Orientalismus. Edward Said, ein bekannte Vordenker des Postkolonialsmus, hat diesen Begriff geprägt. Er meinte damit, dass der Osten - der sogenannte Orient - aus europäischer Sicht sehr exotisch dargestellt wurde. Können Sie ein Beispiel geben, wo wir das heute noch erleben?

Chibber: Als George Bush jr. in den Irak einmarschierte, sagte er, die Iraker müssten in Sachen Demokratie erzogen werden, und daher müsse man die Demokratie exportieren. Damit meinte er nicht nur, die USA sollten gewisse Institutionen der Demokratie exportieren, wie das Parlament oder den Kongress. Was Bush vertrat war eine Demokratie als Konzept des Westens, die so besonders und wertvoll sei, dass Menschen aus aller Welt sie wertschätzten. Und genau diese Werte würden in den östlichen Kulturen fehlen. Daher müsse man den Menschen dort den Wert der Demokratie beibringen.

Hören Sie hier auch das Gespräch mit Vivek Chibber im Original auf Englisch:

Das ist eine ganz andere Haltung als zu sagen, den Menschen im Nahen Osten, in Asien oder Afrika sei es nicht gelungen, demokratische Institutionen aufzubauen. Man könnte ja auch sagen: Die Menschen dort haben dasselbe Bestreben wie die Menschen im Westen, aber sie werden von ihren Eliten daran gehindert und unterdrückt.

Wie Orientalisten reden

Aber Orientalisten reden anders. Sie meinen, die Menschen dort verstehen diese Dinge nicht, und es sei daher unsere Aufgabe, ihnen unsere Werte beizubringen. So argumentieren sie heute. Diese Haltung nannte man im 18. und 19. Jahrhundert die zivilisatorische Mission des Westens. So rechtfertigte man den Kolonialismus.

Man gab nicht etwa zu, wieviel Reichtum die Kolonien dem Westen einbrachten. Sonst hätte man ja die eigentlichen Motivationen zu eindeutig eingestanden. Man rechtfertigte es immer mit dem Argument, wieviel Gutes man den Menschen bringe, die man unterdrückte. Genau das tut der Imperialismus auch heute. Und der Orientalismus vertritt die Überzeugung, der Nahe Osten und die arabische Welt seien fundamental anders als der Westen.

Orientalismus markiert Menschen als Fremde

Dabei dreht es sich nicht nur um so oberflächliche Dinge wie Essensgewohnheiten, sich anders zu kleiden oder anders zu benehmen. Vertreter des Orientalismus behaupten, dass man im Orient die Welt ganz anders verstehe, mit anderem Zeitgefühl oder Ortssinn. Das grenzt schon fast daran, dass man die Menschen dieser Region als eine andere Art von Spezies bezeichnet.

Auf diese Weise bringt man die angebliche Andersartigkeit dieser Menschen zum Ausdruck. So kommt man nicht einmal auf die Idee, ihnen gleiche Rechte zuzugestehen. Die Menschen dort seien einfach so anders, dass die gemeinsame Basis, auf deren Grundlage im Westen gegen soziale Dominanz oder soziale Unterdrückung gekämpft wird, in den entkolonialisierten Ländern des Nahen Ostens und der arabischen Welt nicht gelte. Genau deshalb ist der Orientalismus eine so schädliche Ideologie.

Postkolonialisten sind gescheitert

Rohde: Postkoloniale Denker wollten anfangs genau diese Art von Orientalismus kritisieren. Und jetzt sagen Sie: Die sind gescheitert. Statt den Orientalismus zu beerdigen, lassen sie ihn wiederaufleben. Inwiefern?

Chibber: Meine Hauptkritik an der postkolonialen Theorie ist, dass sie zwar anfangs rassistischen Einstellungen gegenüber dem Orient oder der arabischen Welt kritisch gegenüberstand, aber im Laufe der Zeit viele dieser Ansichten neu belebte und sogar erneuerte.

Edward Said ist ein sehr treffendes Beispiel dafür. Einerseits ist sein Buch "Orientalismus" eine sehr ausführliche und lehrreiche Darstellung, wie sehr die westliche Kultur die arabische Welt und den Nahen Osten als exotisch betrachtet. Gleichzeitig legt Said aber den Grundstein für die gleichen Ansichten, was den Westen von der arabischen Welt unterscheide. Denn er sagt, der Westen sei das genaue Gegenteil des Orients.

Klischees des exotischen Orients kehren zurück

Said behauptet, dass sich beide Kulturen einfach nicht verstehen können, weil ihr Verständnis der Welt und ihre kognitiven Konzepte sich zu sehr voneinander unterscheiden. Said gibt vor, das zu kritisieren, aber gleichzeitig belebt er genau diese Ansichten neu. Denn er schreibt, der Grund, weshalb der Westen den Orient nicht verstehe, gehe schon auf die alten Griechen zurück.

So sei es dem Westen nie gelungen, ein Konzept zu entwickeln, mit dem man den Orient verstehen könnte. Aber warum sollte das so sein? Wie kann es sein, dass ein Teil der Welt sich nonstop und dauerhaft über 4.000 Jahre lang ein völlig deformiertes Bild des anderen Teils der Welt macht?

Auch Said bediente sich des "Otherings"

Said suggeriert, etwas im westlichen Bewusstsein mache es unmöglich, den Orient nicht zu verstehen. Damit sagt er im Prinzip dasselbe wie alle, die behaupten, der Nahe Osten und die arabische Welt seien so andersartig als der Westen, dass wir diese Menschen nie verstehen werden. Und das macht für die postkolonialen Theorien den Weg frei, wieder zu dieser falschen Annahme einer exotischen Welt zurückzukehren, obwohl sie genau diese Ansicht zunächst kritisierten.

Rohde: Sie beziehen sich dagegen auf die Ideen der europäischen Aufklärung. Sie weisen darauf hin, dass es universelle Fähigkeiten des Menschen gibt. Aber sind die Ideale der Aufklärung, die Sie propagieren, nicht auch nur eine westliche Erfindung?

Chibber: Nun, die Aufklärung geschah im Westen. Aber die moderne Physik kam ebenfalls aus dem Westen. Genauso wie die Relativitätstheorie oder medizinische Erfindungen. Aber wir behaupten ja nicht, all diese Errungenschaften ließen sich nicht auf andere Regionen übertragen. Die Schlüsselfrage lautet, ob eine Erfindung universell einsetzbar ist.

Die grundsätzlichen Themen der Aufklärung sind ja, dass wir alle gemeinsame Bedürfnisse haben, dass Menschen rationale Akteure sind, dass Wissenschaft den Aberglauben widerlegen kann. All diese Ideen finden sich auch in den östlichen Philosophien wieder. Sie wurden nur unterdrückt, und der Postkolonialismus hat sie nicht weiter beachtet.

Islamische Philosophie inspirierte die Aufklärung

Die indische Philosophie hat eine jahrhundertealte Tradition der Rationalität, der Mathematik und der Medizin. Ähnliches lässt sich zu Philosophen aus dem Nahen Osten sagen. Nur in der Kolonialzeit setzte sich die Idee durch, die östliche Philosophie sei eine mystische und spirituelle Philosophie. Ironischerweise posaunen nun auch die postkolonialen Denker genau diese Theorien wieder in die Welt.

Auch wenn die Aufklärung also ihren Ursprung in einem spezifischen Teil der Welt hat, gehören ihre Ideen nicht exklusiv zu diesem Teil der Welt. Es ist sogar bewiesen, dass viele Philosophen der Aufklärung von Denkern der islamischen Welt inspiriert waren. Daher ist es eine schädliche Aussage zu behaupten, die Aufklärung sei ein Kind des Imperialismus. Sie war ein echter wissenschaftlicher und philosophischer Fortschritt, und ohne die Aufklärung gibt es keine progressive Politik.

Rohde: Viele postkoloniale Denker kritisieren den Kapitalismus, Ihrer Ansicht nach missverstehen sie dabei aber seine Rolle in der Kolonialzeit. Sie haben ja selbst einen marxistischen Hintergrund. Wie hängen Kapitalismus und Kolonialismus aus Ihrer Sicht zusammen?

Chibber: Es stimmt, dass ich einen marxistischen Hintergrund habe. Aber ich bin zum Marxismus gekommen, weil ich glaube, dass er korrekt ist. Meine Ansicht über den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Kolonialismus ist eigentlich sehr etabliert. Es sind eher die Anhänger des Postkolonialismus, die aus diesem Mainstream ausscheren.

Kapitalismus als Motor kolonialer Abenteuer

Die Ausbreitung des Kolonialismus als modernes Phänomen geht auf den Kapitalismus zurück. Die postkolonialistische Theorie behauptet dagegen, dass der Kapitalismus aus dem Kolonialismus entstanden sei. Das Problem mit dieser Ansicht ist nur: Historisch gesehen sind Eroberung und politische Dominanz etwas sehr Übliches. Die moderne Ausbreitung des Imperialismus kommt dagegen mit der britischen Herrschaft.

Das britische Weltreich ist ein Produkt des kapitalistischen Englands. Sogar die Ausbreitung nach Amerika Mitte des 17. Jahrhunderts ist eine kapitalistische Entwicklung. Es ist eindeutig, dass der Kapitalismus die kolonialen Abenteuer vorantreibt, nicht umgekehrt.

Rohde: Sie sprechen in diesem Zusammenhang vom "Gespenst des Kapitalismus". Was meinen Sie damit, wo ist dieses Gespenst?

Chibber: Die postkoloniale Wissenschaft ist besessen vom Kapitalismus, aber so wie ein Exorzist von einem Dämon besessen ist. Sie wollen das Konzept loswerden, nicht näher beleuchten. Wenn man die Geschichte des globalen Südens verstehen will, muss man sich aber mit der Ausbreitung des Kapitalismus in dieser Region auseinandersetzen.

Zum einen zeigen die letzten 250 Jahre deutlich, wie der Süden immer mehr in den globalen Kapitalismus integriert wurde. Zum anderen hat sich der Postkolonialismus immer als direkter Nachfahre des Marxismus betrachtet und zugleich als bessere Alternative präsentiert: Man bedient sich, bei allem, was positiv ist, und wirft das über Bord, was man als eurozentrische Züge der Marx’schen Theorie begreift. Dabei versucht man zu beweisen, dass die marxistische Definition des Kapitalismus mangelhaft ist.

Postkoloniale Denker verstricken sich in Widersprüche

Das ist zwar legitim, aber auch problematisch. Denn die Anhänger des Postkolonialismus behaupten, der Kapitalismus sei ein unangemessenes Konzept um den globalen Süden zu verstehen, auch wenn man zugibt, diese Region sei in den Kapitalismus integriert worden. Aber wie soll das funktionieren? Wie kann man meinen, der Kapitalismus habe sich im globalen Süden ausgebreitet, aber trotzdem könne man mit dem Kapitalismuskonzept nicht verstehen, was in diesen Regionen vor sich geht? In diesem Widerspruch bleiben sie gefangen.

Natürlich stimmt es, dass der Kapitalismus in Ländern wie Indien, Ägypten oder Brasilien völlig anders aussieht als in Manchester oder Frankfurt am Main. Das heißt aber noch lange nicht, dass es sich nicht mehr um Kapitalismus handelt. Das Problem der postkolonialen Theoretiker besteht darin, dass sie so sehr insistieren. Es gibt dabei eine schwache und eine starke Version.

In der schwachen Version meinen sie, das universelle Konzept des Kapitalismus müsse modifiziert werden in Bezug auf den globalen Süden. Das stimmt schon, aber es gilt für jedes Land: Man muss den Kapitalismus immer neu betrachten, sobald man Grenzen überschreitet. Die starke Seite dieser Argumentation meint, die Idee des Kapitalismus sei ein westliches Konzept und die Realität des Globalen Ostens könne überhaupt nicht mit dem Kapitalismus erklärt werden. Dem entgegne ich einfach: Das ist Nonsens.

Rohde: Einige Wissenschaftler weisen darauf hin, dass der Kapitalismus eine Tendenz hat, zu universalisieren und zu homogenisieren – das bedeutet, dass man im Zuge der Globalisierung die gleichen Produkte in den unterschiedlichsten Ländern der Welt kaufen kann und es dadurch immer weniger kulturelle Unterschiede gibt. Was ist ihre Sicht darauf, hat der Kapitalismus diese Tendenz?

Chibber: Also, Homogenisierung und Universalisierung sind zwei verschiedene Dinge. Es stimmt, dass der Kapitalismus alles universalisiert. Aber es ist ein unnötiger Begriff. Wir können einfach sagen: Der Kapitalismus breitet sich weltweit aus. Dabei etabliert er überall auf der Welt gemeinsame Zwänge. Es werden also nicht nur gewisse wirtschaftliche Formen universalisiert, sondern auch Eigentumsverhältnisse.

Kapitalisten lassen die Kultur links liegen

Es gibt dann eine Tendenz der Homogenisierung, wenn es um eine Produktpalette geht. Sneakers der Firma Nike sind die gleichen in Detroit oder Mumbai. Es gibt also eine Homogenisierung der Produkte. Das unterscheidet sich jedoch von einer Homogenisierung der Kultur. Der Kapitalismus homogenisiert eine Produktpalette oder eine Ware, schafft damit jedoch eine riesige Nachfrage nach neuen Waren und Artikeln. Aber der Kapitalismus lässt auch viele Dinge einfach unbeachtet.

Ein Beispiel: In einer Autofabrik in Neu Delhi werden ähnliche Produktions- und Management-Techniken verwendet wie in Detroit. Das ist eine Homogenisierung innerhalb eines gewissen Bereichs. Aber die Kapitalisten interessieren sich überhaupt nicht für die Hochzeitsfeiern in Indien, für Feste oder wie man sich dort in sozialen Kreisen verhält. Das spielt keine Rolle, so lange die Leute jeden Tag pünktlich zur Arbeit erscheinen und man Profite generiert. Man mischt sich also in gewisse Prozesse nicht ein und lässt sie in Frieden.

Das heißt, einerseits breitet sich der Kapitalismus weltweit aus und erlegt Zwänge auf, zugleich ignoriert er aber weite Teile der Kultur, die darauf Wert legen, heterogen zu sein und sich von anderen Kulturen zu unterscheiden. Es gibt also einen Drang zur Homogenität, aber der Kapitalismus begünstigt gleichermaßen auch Heterogenität und lässt viele Dinge einfach unbeachtet.

Weltgeschichte als Geschichte der Klassenkämpfe

Rohde: Viele Anhänger der Postkolonialen Theorie vertreten die aus Ihrer Sicht falsche Annahme, dass der Westen und der Osten grundsätzlich verschieden seien und man deshalb keine Universalgeschichte der Welt schreiben könne. Sie halten es dagegen durchaus für legitim, eine Weltgeschichte des Westens und des Ostens zu schreiben, warum?

Chibber: Zuerst müssen wir uns über die Zeitleiste einig werden. Man könnte die Moderne untersuchen und daraus eine Weltgeschichte in Bezug auf die Bedeutung des weltweiten Kapitalismus ableiten, der nur zwei Ziele kennt: die Akkumulation des Kapitals und Profitmaximierung. Viele Philosophen haben Weltgeschichte mit der Ausbreitung des Kapitalismus gleichgesetzt. Dann würde die Weltgeschichte also um 1600 einsetzen.

Es gibt aber auch Bestrebungen, die Menschheitsgeschichte schon sehr viel früher zu untersuchen, zum Beispiel mit Beginn der Landwirtschaft. Das wäre dann eine andere Weltgeschichte. Meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, die Weltgeschichte nicht schon vor der Ausbreitung des Kapitalismus zu untersuchen. Während der Kapitalismus in der Moderne ein verbindendes Element darstellt, so ist dieses Bindeglied in einer weiterreichenden Rückschau die Zugehörigkeit zu einer Klasse.

Seit der Ausbreitung der Landwirtschaft haben sich Klassen gebildet, und eine Klasse lebte vom Mehrwert, der von einer anderen Klasse erarbeitet wurde. Schaut man zum Beispiel auf die Eliten im vorkapitalistischen Indien, so haben diese sich ähnlich verhalten, um ihre Vorherrschaft zu legitimieren, wie die Ottomanen oder die Feudalherren in Europa.

Wissenschaft darf allgemeine Schlüsse ziehen

Schaut man sich die Geschichtsschreibung des globalen Südens seit 1940 und 1950 an, noch vor der Ausbreitung der Postcolonial Studies, dann sieht man, dass das indische Mittelalter oft mit dem europäischen Mittelalter verglichen wurde. Auch der Nahe Osten mit seinen Weltreichen wurde mit europäischen Weltreichen verglichen.

Historiker haben also mit wenig Aufwand herausgefunden, dass es ziemlich sinnvoll ist, einen Teil der Welt im selben Rahmen und mit denselben Kategorien zu untersuchen, wie einen anderen Teil der Welt. Das beweist, dass es so etwas wie eine Weltgeschichte gibt, wenn man gewisse Verallgemeinerungen zulässt. Die Angst, die viele mit dem Begriff "Weltgeschichte" verbinden, ist, dass damit Unterschiede ausgemerzt werden. Aber das ist einfach nur idiotisch.

Rohde: Warum?

Chibber: Schauen Sie sich irgendeine Wissenschaft an. Nehmen Sie die Evolutionsbiologie, wenn wir verschiedene Spezies betrachten: Biologische Arten verfügen über viele gemeinsame Elemente, aber die Erkenntnis, dass zwei Organismen der gleichen Spezies angehören, bringt Biologen nicht dazu zu glauben, sie seien völlig identisch. Sie erkennen die Spezifität der Organismen an.

Ich möchte annehmen, dass Historiker ebenso schlau sind wie Biologen. Wenn die universelle Kategorien benutzen können und dabei immer noch die Unterschiede erkennen, warum können wir das nicht? Es ist doch relativ einfach.

Jede Elite hat Angst vor Widerstand

Rohde: Vielleicht nehmen Ihre Kritiker an, dass Sie alte Rezepte verwenden, wenn Sie zurückgehen zu der Idee, dass es ein universelles Narrativ gibt und eine Geschichte mit einem Telos, also einem Ziel.

Chibber: Ein Telos suggeriert ja, dass es ein vorbestimmtes Ende gibt – das sollten wir ablehnen. Aber es gibt einen universellen Antrieb, das ist eine empirische Frage. Ich habe sie in meinem Buch untersucht und fordere Sie heraus, mir zu beweisen, dass es falsch ist. Ist es falsch, wenn ich behaupte, dass sich Inder, Araber oder indigene Bevölkerungsgruppen gegen Kräfte wehren, die sie dominieren wollen?

Würden sie sich nicht wehren, bräuchte man keine Mittel und Institutionen einzusetzen, um sie zu kontrollieren. Man bräuchte keinen Staat und keine der Mechanismen, die Eliten benutzen, um Kontrolle auszuüben. Jede Gesellschaft verfügt über diese Kontrollinstrumente. Das heißt, jede herrschende Klasse hat Angst vor Widerstand und Rebellion.

Das ist Weltgeschichte. Ich denke mir das nicht aus, das ist eine empirische Tatsache. Bis in die 1980er Jahre war genau das die Essenz, die bedeutete, dass man politisch der Linken angehörte. Jeder hat die Wahl: Schließe ich mich einer Bewegung an, oder bleibe ich ihr fern? Erst seit den 80er Jahren bezeichnen sich Leute als "Radikale", wegen dieser dogmatischen und ziemlich sektiererischen Ablehnung aller großen Narrative, Leute, die Fakten nicht anerkennen, egal ob sie wahr sind.

Postkolonialismus war ein Rückschritt

Rohde: Aber der Trend geht ja in die andere Richtung: weg von der großen Geschichtserzählung, hin zu individuelleren Geschichten und zu Stimmen, die von einem bestimmten Standpunkt aus ihre Geschichte erzählen. Insofern ist das, was Sie vorschlagen, eine Rückkehr zu früheren Ansichten, warum?

Chibber: Es geht mir nicht darum, zu konservativen Diskursen des 19. Jahrhunderts zurückzukehren, sondern zu einem Radikalismus vor den Postkolonialen Theorien: einem Radikalismus, der aus einem echten Klassenkampf entstand. Der Postkolonialismus hat nun 30, 40 Jahre lang versucht, genau diese Stimmen auszumerzen. Für mich ist das ein riesiger Rückschritt in der Sozialtheorie, und dafür gibt es Gründe.

Der Postkolonialismus ist eine Bewegung, die nichts mit existierenden Bewegungen zu tun hat, sondern ein rein akademisches Produkt ist. Daher ist es auch nicht überraschend, dass die Anhänger dieser Strömung für echte Klassenkämpfe nur Verachtung zeigen. Ich glaube aber auch, das Schlimmste ist überstanden. Die Welt hat wieder zu einer Form zurückgefunden, in der soziale Kämpfe und Widerstand zurückkehren. Und wenn es so bleibt, wird die Befassung mit dem Postkolonialismus eine sehr seltsame Strömung sein, die man nicht mehr sonderlich ernst nimmt.

Übersetzung: Jörg Taszman

Der Text des Interviews wurde leicht gekürzt, das vollständige Gespräch können Sie im Audio zu dieser Seite hören.

Vivek Chibber: Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals
Dietz Verlag, Berlin 2019
382 Seiten, 29,90 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

Vereine, die Frauen ausschließen - Kulturwandel lässt sich nicht verordnen
Vereine, die keine Frauen aufnehmen, sollen keine Steuervorteile genießen, so sieht es Finanzminister Olaf Scholz. Er will ihnen daher die Gemeinnützigkeit aberkennen. Ein Vorhaben, das sein Ziel verfehlt, meint David Lauer.

Religionen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur