Interview 09.12.2019

Soziologe über steigende KriminalitätsfurchtDa hilft nur eine gute SozialpolitikTim Lukas im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Beitrag hören Das Foto zeigt eine Bahn-Unterführung in Köln. (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)Unterführung in Köln: ein Ort, der Beklemmungen und Angst auslösen kann. (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)

Die Kriminalität sinkt, die Angst davor steigt: Dieses Phänomen gibt es schon länger. Warum das so ist, erklärt der Soziologe Tim Lukas.

In der dunklen Jahreszeit wächst bei vielen Bürgern die Angst vor Kriminalität, insbesondere vor Einbrüchen. Doch diese Angst ist oft unbegründet. Grundsätzlich ist schon lange ein erklärungsbedürftiges Phänomen zu beobachten: Die Kriminalität sinkt in vielen Deliktsbereichen, zugleich steigt die Furcht davor an.

"Stark sinkende Fallzahlen"

Die Möglichkeit, Opfer von Kriminalität zu werden, wird nicht selten viel höher eingeschätzt, als sie tatsächlich ist. "Wir sehen stark sinkende Fallzahlen in vielen Deliktsbereichen", betont der Soziologe Tim Lukas mit Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik. So habe es beispielsweise seit 1993 noch nie so wenig Wohnungseinbrüche gegeben wie derzeit. Die Kriminalitätsfurcht lässt sich davon aber nicht beeindrucken.

Warum ist das so? Lukas erforscht das Sicherheitsgefühl rund um die Bahnhöfe in Leipzig, Düsseldorf und München. Dieses sei im Bereich von Bahnhöfen oft stark eingeschränkt, sagt er. Das habe natürlich auch mit der Kriminalität in Bahnhofsvierteln zu tun - aber auch mit anderen Faktoren. Eine hohe Anonymität, Vermüllung und Drogenhandel und -konsum tragen seinen Angaben zufolge ebenfalls dazu bei, dass sich Bahnreisende unsicher fühlen.

Appelle bringen wenig

Gesamtgesellschaftlich betrachtet macht Lukus auch die Berichterstattung in den Medien, die Verwahrlosung öffentlicher Räume und andere gesellschafliche Entwicklungen für die Verunsicherung der Bürger verantwortlich.

"Der Kriminalitätsfurcht kann man nicht appellatorisch beikommen", so Lukas. Wenn man Zahlen und Statistiken präsentiere, gebe es in Bürgerversammlungen immer wieder Menschen, die sagten, das stimme doch alles gar nicht. Dann kippe der Diskurs. "Die Frage ist tatsächlich: Was kann man da machen?"

Lukas' Antwort ist ein Zitat des renommierten Strafrechtlers Franz von Liszt: "Die beste Kriminalpolitik ist und bleibt eine gute Sozialpolitik."

Die Angst wird politisch missbraucht

Außerdem wäre es sinnvoll, die Debatte über Kriminalität zu versachlichen, so der Soziologe. So trügen beispielsweise ständige Hinweise aus den Reihen der AfD auf die vermeinlich kriminellen Ausländer zur Verunsicherung in der Bevölkerung bei.

Die Partei versuche auf diese Weise, aus der Kriminalitätsfurcht politisches Kapital zu schlagen. Das sei aber eine "sehr gefährlliche Strategie".

(ahe)

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