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Interview | Beitrag vom 29.09.2018

Soziologe über EkstaseWilder Rausch ist im Alltag nicht vorgesehen

Ronald Hitzler im Gespräch mit Julius Stucke

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Eine Anhängerin des indischen Gurus Sri Sri Ravi Shankar bei einer Massenmeditation in Buenos Aires.  (picture alliance / dpa / Leo La Valle)
Ekstase, Rausch, Trance - ab und zu gibt sich jeder gerne diesem Zustand hin. (picture alliance / dpa / Leo La Valle)

Im Alltag geben wir uns höchst selten der Ekstase hin. Nur selten gönnen wir uns im geschützten Raum rauschhafte Gefühle: im Rockkonzert oder beim Fußball. Das ist auch besser so, meint der Soziologe Ronald Hitzler. Alles andere wäre viel zu gefährlich.

Außer-sich-Sein, Verzückung, Euphorie, Kontrollverlust, Trance: Das Kunstmuseum Stuttgart geht in 230 Werken berühmter Künstler dem Phänomen der Ekstase nach. Es gibt Kulturen, in denen gehören ekstatische Zustände zu  bestimmten Ritualen des Religiösen oder des Feierlichen. Bei uns modernen Menschen ist das nicht unbedingt vorgesehen, nach dem Motto: Ekstase ab und zu ist gut – Kontrolle ist besser.

Der Soziologe Ronald Hitzler, der sich an der Technischen Universität Dortmund unter anderem mit der Analyse von Lebenswelten beschäftigt, sagt: "Unsere Kontrolle, die wir haben müssen, ist zwingend notwendig, sonst würde bei uns das Chaos ausbrechen. In unserem alltäglichen Miteinander ist Ekstase tatsächlich nicht vorgesehen. Es gilt als problematisch – es gilt eigentlich sogar als gefährlich."

Wenn wir auf der Autobahn ekstatisch würden...

Man stelle sich nur einmal vor, so Hitzler weiter, Menschen würde auf der Autobahn ekstatisch werden und sich dort Geschindigkeitsräuschen hingeben. Deshalb würden Ekstasen im Alltag mit allen Mitteln erschwert. Aber: "Wir haben Ventile für Ekstasen – wir schaffen uns Extra-Orte dafür." Innerhalb solcher "Gehege" seien Ekstasen möglich und könnten ausgelebt werden. Als solche Ventile funktionierten zum Beispiel Rockkonzerte, Fußballstadien oder auch Drogenkonsum.

Dennoch seien auch im Alltag – etwa bei Sportlern oder bei kleinen Kindern – reine Formen der Ekstase zu beobachten: Wenn beispielsweise Sportler erzählten, wie sie sich nach langen Läufen fühlten. Oder: "Die natürlichsten Ekstasen können wir bei Kindern beobachten. Wenn Kinder sich in einen Spielrausch hineinarbeiten, das lässt sich leicht beobachten, das hört man dann auch sehr oft: Dann fangen die an zu kreischen und zu rennen und richtig durchzudrehen. Das sind Ekstasen, was die Kinder da erleben."

Ekstase im Alter? Eher selten

Die Jugend sei ohnehin ein "besonders ekstasehaltiges Lebensalter". Je älter man werde desto weniger Bedarf an Ekstasen habe man. "Ich sehen nicht Senioren in großer Zahl ekstatisch werden" – außer vielleicht in ein paar alten Hippie-Kommunen, "wenn die Leute versuchen, das wiederzubeleben, was sie vielleicht vor 40 Jahren in Goa erlebt haben".

Ekstase, Kunstmuseum Stuttgart, 29. September 2018 bis 24. Februar 2019 

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