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Tacheles | Beitrag vom 23.01.2021

Soziologe über Einsamkeit im Lockdown"Gefangen wie in einem eisernen Käfig"

Moderation: Patrick Garber

Mann hinter Mauer (Illustration) (imago images / Ikon Images / Paul Jackson)
Einsam, aber damit nicht allein: Durch Corona rückt das Problem der Vereinsamung in den Fokus der Öffentlichkeit. (imago images / Ikon Images / Paul Jackson)

Der Corona-Lockdown bedeutet für viele bittere Einsamkeit. Neben den Älteren leiden darunter auch Kinder, so der Soziologe Janosch Schobin. Immerhin: Einsamkeit werde nun nicht mehr nur als privates, sondern als gesellschaftliches Problem erkannt.

Einsame Menschen fühlen sich abgeschnitten von der Welt – ein Gefühl ähnlich körperlichem Schmerz. So beschreiben Betroffene dem Kasseler Soziologen Janosch Schobin, wie sie ihre Einsamkeit erleben. Und in Coronazeiten werden es immer mehr, die sich einsam fühlen.

Die Einsamen fühlen sich noch einsamer

Besonders hart treffe es Menschen, die ohnehin schon wenig soziale Kontakte hätten, etwa ältere, alleinstehende Mitbürger, deren engste Bezugspersonen verstorben sind, so Schobin, der über Einsamkeit und Freundschaftsnetzwerke forscht. Jüngere Menschen erleben Einsamkeit derzeit ebenfalls sehr stark, doch anders als viele Senioren hätten sie eher die Chance, aus der Isolation wieder herauszufinden.

Sorgen macht sich Janosch Schobin auch um Kinder aus Familien, in denen die Beziehungen "angeknackst" sind. Wenn Kinder zu Hause Zurückweisung empfänden und wegen des Lockdowns der "Ausgleichsraum" Schule wegfalle, litten auch Kinder sehr unter Einsamkeit.

Muss man sich für Einsamkeit schämen?

Lange sei Einsamkeit hierzulande "schambelastet" gewesen, weiß Schobin aus sozialhistorischen Studien. Zwar seien die 1950er-Jahre eigentlich "eine wahnsinnig einsame Zeit" gewesen, da viele Familien in Folge des Zweiten Weltkriegs zerbrochen waren. Doch das sei damals ein kollektives Problem gewesen.

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Mit dem Wirtschaftswunder wurde Einsamkeit ein "Privatproblem", ein Zeichen individuellen Versagens, an dem die Betroffenen angeblich selbst schuld waren. Doch durch Corona löse sich diese Stigmatisierung gerade etwas auf: "Einsamkeit ist auf einmal etwas, was einem ja durch eine gemeinsame Schicksalslage zustößt."

Einsamkeit und Extremismus

Verbreitete Einsamkeit könne auch politische Folgen haben, gibt Janosch Schobin zu bedenken. Denn einsame Menschen verlören mit der Zeit oft das Vertrauen zu ihren Mitmenschen, aber auch zu Institutionen wie Politik, Justiz, Polizei. Und darum beobachte er "einen leichten Zusammenhang zwischen extremen politischen Einstellungen und Einsamkeit". Gefährlich werde es, wenn Populisten diese Gefühle kanalisierten.

Was tun? Den Vorschlag der Unionsfraktion im Bundestag, bei der Regierung die Stelle eines Einsamkeitsbeauftragten zu schaffen, sieht Schobin ambivalent. Denn es geschehe schon sehr viel, um Einsamkeit zu bekämpfen: Tablets und Digitalschulungen in Seniorenheimen, Telefon- und Besuchsdienste, die Wohlfahrtsverbände seien hier sehr aktiv.

Allerdings werde dies vor allem auf kommunaler Ebene organisiert. Und für die Förderung dieser Initiativen sei es vielleicht gar nicht schlecht, einen Ansprechpartner bei der Bundesregierung zu haben, der seinen "Poncho über so was wirft".

(pag)

Dr. Janosch Schobin forscht am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel über soziale Netzwerke, Soziologie der Freundschaft und soziale Isolation. Er leitet das Projekt DeCarbFriends, das untersucht, wie persönliche Netzwerke zur Stärkung von Initiativen zum Klimaschutz beitragen können.


Das Interview in ganzer Länge:

Deutschlandfunk Kultur: Seit zwei Wochen sind wir nun schon im verschärften Lockdown, und für viele bedeutet das: Einsamkeit. Darüber rede ich nun mit dem Soziologen Janosch Schobin von der Universität Kassel.

Herr Schobin, Sie forschen über Freundschaft, über Netzwerke, aber auch über soziale Isolation. Gerade die ist ja etwas, das derzeit wieder oder immer noch viele Menschen belastet, Einsamkeit oder die Angst vor der Einsamkeit. – Gibt es wissenschaftliche Daten, inwieweit Einsamkeit zunimmt durch Corona?

Schobin: Für die erste Welle haben wir mittlerweile relativ gute Daten. Da gibt es beispielsweise eine Studie von der Ruhr-Universität, in der über 4000 Deutsche mit so einem Tagebuch befragt wurden. Da wurde quasi jeden Tag gefragt: "Wie fühlst du dich? Bist du einsam? Wie steht es mit deinem Einsamkeitsgefühl?" Da sah man im ersten Lockdown eine leichte Zunahme, besonders bei Menschen mit Kindern zum Beispiel, bei vielen Leuten aber auch nicht. Also, es ist nicht sehr wild gewesen.

Aus England gibt es ähnliche Erkenntnisse. Die Grunderkenntnis aus den englischen Studien ist, dass vor allem Leute, die bereits ein relativ schwaches Netz hatten, die bereits ein bisschen vereinsamt waren, dass das für die besonders hart gewesen ist. Das heißt, bei denen hat das besonders hart durchgeschlagen, während bei Menschen die eigentlich gar nicht einsam waren oder die nur so ein ganz bisschen einsam waren, hat es sogar abgenommen.

Deutschlandfunk Kultur: Nicht jeder Mensch, der allein ist, der würde sich eher auch als einsam bezeichnen. Umgekehrt kann man sich auch in einer eigentlich engen Beziehung, wie zum Beispiel in mancher Ehe, durchaus einsam fühlen. – Was genau macht Einsamkeit eigentlich aus?

"Wie wenn man hinter einer dicken Scheibe Glas sitzt"

Schobin: Einsamkeit ist in der aktuellen Forschung vor allen Dingen ein ganz intensives Gefühl des Mangels an sozialen Beziehungen. Also, man hat das Gefühl, man ist abgeschnitten, man hat keinen Zugang zu den anderen. Es ist nach neuropsychologischen Studien so ähnlich wie Schmerz. Das heißt, das ist tatsächlich ein sehr unangenehmes Gefühl. Leute beschreiben, dass sie "gefangen, wie in einem eisernen Käfig" seien. Man kann da nicht raus. Man weiß nicht, was man tun soll.

Eine andere, sehr plastische Beschreibung, die mir mal jemand in einer Studie gegeben hat, ist: "Das ist, wie wenn man hinter einer dicken Scheibe Glas sitzt und man klopft an. Draußen sind die Freunde und die hören einen nicht, die sehen einen nicht. Die spielen da draußen und man dringt nicht durch." Das ist ein sehr bedrückendes, sehr unangenehmes Gefühl.

Deutschlandfunk Kultur: Ja, geradezu albtraummäßig. Gibt es denn bei der Einsamkeit signifikante Unterschiede zwischen den Altersgruppen? Wir reden ja viel über die älteren Menschen, die wegen ihrer besonderen Gefährdung durch das Coronavirus im Heim oder zu Hause nicht mehr besucht werden dürfen und darum vereinsamen. – Ist das die Gruppe, die am meisten leidet unter Einsamkeit?

Schobin: Ja, das ist eine schwierige Frage. Es gibt auch in der Jugend eine relativ einsame Phase. Ich glaube, man muss nochmal  einmal eine Sache unterscheiden, nämlich Einsamkeitsempfindung und Vereinsamung. Also, es ist ein Unterschied, würde ich sagen, ob man in der Jugend unglücklich verliebt ist und deswegen einsam ist – oder wenn man im hohen Alter ist, der Ehepartner ist verstorben. Vielleicht hat man keine Kinder. Man sitzt alleine in seiner Wohnung und man hat eigentlich gar nicht die Möglichkeit, noch irgendwas zu machen.

Ich würde sagen, der Unterschied zwischen so einer jungen Person, die einsam ist, zu einer Person in so einem hohen Alter ist, dass die junge Person da eigentlich mit eigenen Mitteln irgendwie wieder rauskommen kann. Es gibt da einen Unterstützungskreis. Es gibt Freunde. Es gibt irgendwas anderes, was man machen kann. Aber Vereinsamung ist wirklich, würde ich sagen, tatsächlich eher etwas, was man im Alter antrifft, weil halt die sozialen Netzwerke durch Sterblichkeit, durch Krankheit, durch Mobilitätseinschränkung und so weiter stark belastet sind.

Wenn der Ausgleichsraum Schule wegfällt

Deutschlandfunk Kultur: Der Sozialverband Deutschland hat kürzlich in einer Studie darauf hingewiesen, dass Kinder und Jugendliche jetzt gerade durch die Schließung von Schulen, durch den Unterricht zu Hause neben all den anderen Problemen, die das bringt, auch zu vereinsamen drohen. – Sehen Sie die Gefahr auch?

Schobin: Bis zu einem gewissen Grad. Kinder empfinden Einsamkeit auch sehr intensiv. Wir haben auch Studien, die zeigen, dass auch Kinder schon sehr früh einsam sind. Ich glaube, aus meiner Sicht ist da ausschlaggebend, wie das familiäre System aufgestellt ist. Das ist für die meisten Kinder natürlich so, dass, wenn sie eine gute Beziehung zu ihren Eltern haben, zu den Geschwistern haben - falls sie welche haben –, das dann nicht sofort und nicht so schnell ein Problem wird.

Allerdings, wenn man natürlich in einer Familie ist, wo auch schon bestimmte Belastungen da sind, ist das für die Kinder unter Umständen natürlich eine sehr schwere Phase, gerade weil auch… Man muss sich klarmachen, Einsamkeit, die abläuft, findet in Beziehungen statt. Die meisten Menschen sind – wie soll man sagen – einsam, weil sie Zurückweisung in Beziehungen erfahren oder weil die Beziehungen, ich sage es mal etwas salopp, "angeknackst" sind.

Kinder sind dem dann natürlich, wenn dann so einen Ausgleichsraum wie die Schule wegfällt, sehr stark ausgesetzt.

"Ein Gefühl, das schambelastet ist"

Deutschlandfunk Kultur: Ich habe gelesen, dass derzeit mehr Frauen als Männer über Einsamkeit klagen, also dieses subjektive Einsamkeitsgefühl ausdrücken, von dem Sie gesprochen haben. Sind Frauen sozialere Wesen, die eher an eingeschränkten Kontakten leiden?

Schobin: Das vermute ich eher nicht. Man muss sich immer klarmachen, dass wie viele Leute sagen, dass sie einsam sind, hängt sehr davon ab, wie wir das fragen. Also, wenn wir zum Beispiel einfach die simple Frage stellen, "fühlst du dich oft einsam", dann sagen tatsächlich mehr Frauen als Männer, dass sie sich einsam fühlen. Wenn man das aber komplizierter abfragt, also mit solchen Fragen – in Anführungszeichen – um die Ecke, "hast du das Gefühl, ausreichend Kontakt zu haben, fühlst du dich eher von Leuten abgeschnitten, hast du Leute, denen du vertrauen kannst", wenn man das so ein bisschen – wie soll man sagen – nuancierter abfragt, dann gibt es eigentlich sehr wenig Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Und dann hängt es da von der Studie ab und vom Sample.

Die andere Sache, die sehr wichtig ist, ist: Fragt das jemand in Person oder beantworte ich das zum Beispiel im Fragebogen, ohne dass mich jemand dabei sieht? Das Äußern von Gefühlen ist ja bei uns etwas, das, wie soll man sagen, durch Geschlecht auch irgendwie beeinflusst wird. Wer äußert in welchen Situationen legitim welches Gefühl, hängt halt sehr davon ab, welches Geschlecht man hat.

Und Einsamkeit ist bei uns jetzt eher ein Gefühl, das schambelastet ist und das nicht so legitim zu äußern ist. Ich vermute, dass Männer das aus so einem, ich würde sagen, eher "heroischen" Hintergrund dann häufig einfach auch verschweigen.

Deutschlandfunk Kultur: Nun kann es ja auch sein, dass Frauen jetzt gerade in dieser Corona-Situation einfach belasteter sind - oder viele Frauen: Homeoffice, Kinderbetreuung, Haushalt, dadurch weniger Zeit und Energie für Kontakte –, dass es da also auch einen durchaus nicht so subjektiven Hintergrund gibt.

Schobin: Das ist denkbar, aber ich glaube, das können wir im Moment auf Basis der Forschung überhaupt nicht auseinanderhalten. Da sind wir einfach noch viel zu sehr am Anfang, würde ich sagen, damit wir solche feinen Differenzen dann finden würden.

Deutschlandfunk Kultur: Hat Einsamkeit denn auch etwas mit dem Einkommen zu tun? Billige oder sogar kostenlose Gelegenheiten, andere Menschen zu treffen, wie in der Kneipe, im Verein, vielleicht auch in der öffentlichen Bibliothek oder beim Gottesdienst, das fällt jetzt ja wegen Lockdowns weitgehend weg.

Armut und Einsamkeit

Schobin: Also, bei uns in Deutschland gibt es einen relativ starken Zusammenhang zwischen Armut und Einsamkeit. Der ist jetzt nicht so stark wie zum Beispiel zwischen Gesundheit und Einsamkeit. Das ist natürlich viel primärer, die psychische Gesundheit. Aber auch da gibt es natürlich immer diese ganzen Querverbindungen. Bei uns sind natürlich auch die ärmeren Menschen eher die, die eine schlechte Gesundheit haben, die eine schlechtere Gesundheitsversorgung auch haben, die auch die härteren Berufe haben, die stärker belastet sind. Das kommt natürlich auch mit dazu.

Bei uns ist es so: Wenn man arbeitslos wird zum Beispiel, dann fehlen einem tatsächlich häufig die Ressourcen, um noch am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das ist auch mit ein Faktor natürlich, ganz klar.

Deutschlandfunk Kultur: Da stellt sich dann die Frage nach den gesellschaftlichen und auch politischen Folgen. Denn die nachlassende Bindekraft traditioneller Netzwerke, wie eben Vereine, Religionsgemeinschaften, auch politische Parteien oder Gewerkschaften, die wird ja oft für das Erstarken von Populismus verantwortlich gemacht.  Verschärft Corona diesen Trend? Also, Vereinzelung kann zu Radikalisierung führen?

Schobin: Tendenziell gehe ich davon aus, dass das denkbar ist. Bei uns in Deutschland sieht man auch so einen leichten Zusammenhang zwischen extremen politischen Einstellungen und Einsamkeit. Das sieht man in anderen europäischen Ländern jetzt aber nicht. Also, es ist ein relativ deutsches Phänomen. Ich würde vermuten, dass es dafür gewisse, sozusagen zusätzliche Bedingungen braucht. Das ist nicht nur Einsamkeit, die Menschen radikalisiert.

Aber Einsamkeit führt ja zum Beispiel dazu, dass man das interpersonelle Vertrauen abbaut, das Vertrauen in Mitmenschen, in die anderen Leute, aber auch natürlich ganz stark dazu, dass man das Vertrauen in die Politik abbaut, in die Polizei, in die Parlamente, in die Justiz. So ist, glaube ich, Einsamkeit durchaus als so eine Art Vorbedingung dafür, dass Menschen sich radikalisieren, gut geeignet.

Aber das reicht nicht aus. Man braucht natürlich auch noch Leute, die diese Stimmung kanalisieren, die dazu in der Lage sind, irgendwie ein Bild aufzubauen: "Dies ist die Welt, in die du zurückkehren kannst, und die ist einfacher." Also, man braucht, glaube ich, auch noch die Populisten, die das Ganze in eine gewisse Richtung lenken.

Deutschlandfunk Kultur: Sie sagten gerade, in Deutschland zeigt sich das etwas deutlicher als in anderen Ländern. Haben Sie eine Vorstellung, warum?

Schobin: Das kann damit zu tun haben, dass bei uns das politische Spektrum relativ moderat ist. Das wäre meine Hauptvermutung. Das ist alles noch sehr vage. Das ist alles auch nicht publiziert, sondern das sind, will ich mal sagen, erste Eindrücke. Ich vermute, das hat damit zu tun, dass unser politisches Spektrum sehr zentrisch ist. In anderen Ländern, sagen wir, in Ungarn kann man gar nicht auffallen, wenn man radikal wählt. Und in Italien ist das ähnlich.

Deutschlandfunk Kultur: Dann ist man Mainstream.

Schobin: Dann ist man Mainstream. Also, das heißt, man muss auch sagen, dass die osteuropäischen Gesellschaften, die eine wesentlich stärkere Einsamkeitsprävalenz haben als unsere westeuropäischen, also wo einfach viel mehr Leute sagen, dass sie einsam sind, ein viel extremeres Parteispektrum haben als wir. Damit kann das zusammenhängen, dass das sozusagen in den Umfragen maskiert wird. Und man sieht es deswegen nicht mehr. Auch das ist denkbar.

Deutschlandfunk Kultur: Kontaktpflege auf digitalem Wege wird jetzt immer wichtiger, wo man sich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht treffen kann. Man trifft sich stattdessen über die sozialen Medien, in Chaträumen. Das Problem der Filterblasen und Echokammern im Netz, also, dass Gleichgesinnte in virtuellen Räumen unter sich bleiben und sich in ihrer Weltsicht gegenseitig bestärken, verschärft sich das nun, wo in der analogen Welt nicht mehr so viel Austausch passiert?

Polarisierung in Filterblasen

Schobin: Das ist eine gute Frage. Ich vermute, dass wir mittlerweile in so einer Phase der Polarisierung sind. Das ist jetzt tatsächlich auch nicht, dass das auf Studien basieren würde. Was wir aus der Netzwerkforschung sehr gut wissen, ist, dass Freund-Feind-Unterscheidungen dafür sorgen, dass Netzwerke sich polarisieren.

Empirisch beobachten wir das besonders in Schulklassen, wenn da Feindschaften auftauchen. Normalerweise sehen Schulklassen so aus, dass sie sozusagen irgendwie alle über jemand mit irgendjemand befreundet sind. Das heißt, so eine Schulklasse bildet ein flächiges Netz. Und wenn da Feindschaften auftreten, dann klumpen die in solchen Cliquen.

Das ist ein bekanntes Phänomen. Wir haben das auch auf großer Skala simuliert für ganze Gesellschaften. Da können wir das nicht beobachten in der Forschung. Und da zeigt sich genau das gleiche Phänomen. Wenn man Freund-Feind-Unterscheidungen aufführt, dann führt das zu Polarisierung, zur Abgrenzung von Freundeskreisen, dazu, dass Brücken zwischen verschiedenen Segmenten sozusagen des Netzwerks wegbrechen. Ich glaube, dass man das so ein bisschen beobachten kann im Moment.

In den USA ist das, glaube ich, ganz deutlich. Da gibt es zwei Gruppen und die haben komplett diametral unterschiedliche Auffassungen über alles, auch natürlich besonders über Corona und dessen Auswirkungen. Bei uns ist das so ein bisschen in der Mache. Ich glaube, das ist aber was, dass man als Gesellschaft tendenziell probieren sollte zu vermeiden. Weil, die Information fließt dann auch nicht mehr zwischen diesen Gruppen, sobald diese Brücken wegbrechen.

Deutschlandfunk Kultur: Abgesehen von der Radikalisierung und den Filterblasen – Begegnungen, Austausch auf digitalen Wegen sind nun mal nicht zu vermeiden in diesen Zeiten. Aber kann ein Videochat die persönliche Begegnung tatsächlich ersetzen oder verarmen Beziehungen dadurch im Laufe der Zeit?

Besser ein Videochat, als gar niemanden sehen

Schobin: "Ersetzen", das ist immer die Frage, was die Alternative ist. Videochats sind aus meiner Sicht relativ gut geeignet, erstmal – wie soll man sagen – so etwas wie Präsenz zu suggerieren. Man kann natürlich gewisse Sachen in einem Videochat nicht machen, die man im Alltag machen kann. Man kann sich zum Beispiel nicht wechselseitig in die Augen gucken. Das wird fehlen. Berührung ist natürlich etwas, was über Videochats auch nicht geht. Das wird auch fehlen. Aber Studien aus Wohn-, aus stationären Pflegeeinrichtungen in Südafrika zeigen, dass Videochats zu den Sachen gehören, die einsame Menschen in Pflegeheimen als besonders attraktiv einschätzen.

Das ist zumindest besser als sozusagen die Alternative, niemanden zu sehen. Ich glaube, das ist im Moment in der Coronasituation so die Hauptlehre. Das hilft. Das hilft uns darüber, über diese Durststrecke einfach hinwegzukommen. Also, das ist, wenn man so will, das Methadon, mit dem wir im Moment zurechtkommen müssen.

Deutschlandfunk Kultur: Also, der Ersatz für die Droge "Nähe und Innigkeit".

Schobin: Genau.

Deutschlandfunk Kultur: Haben Sie denn den Eindruck, wenn wir schon von Nähe sprechen, dass auch das Tragen von Masken uns ein Stückweit voneinander trennt, vielleicht sogar einsamer macht? Wir bekommen ja von der Mimik unseres Gegenübers nicht mehr so viel mit.

Schobin: Also, ich glaube erstmal, dass die Masken – das hängt natürlich sehr davon ab, wie die interpretiert werden. Mein Eindruck aus der ersten Welle war, dass die natürlich erstmal ein Zeichen der Solidarität gewesen sind. Man setzt die auf.

Für den öffentlichen Raum ist es natürlich so, dass das Lesen von Emotionen bei uns sowieso nicht mehr so eine große Rolle gespielt hat. Das war historisch immer mal anders. Also, das heißt, die Gefühlsäußerung im öffentlichen Raum hatte auch schon andere Funktionen als bei uns. Aber bei uns ist der öffentliche Raum im Prinzip ja eh sowieso emotionsentleert.

Ich glaube also nicht, dass das jetzt per se den Kontakt im öffentlichen Raum verändert. Wir leben ja in einer sehr sicheren Gesellschaft. Ob der andere einen aggressiven Gesichtsausdruck hat, spielt bei uns eh nicht so eine große Rolle wie das jetzt in Gesellschaften ist, in denen man schon mal damit rechnen muss, auf der Straße jemandem zu begegnen, der unter Umständen anders drauf ist, sagen wir es mal so.

Also, ich glaube das weniger. Aber es kann natürlich durchaus dazu führen, dass bestimmte Sachen noch schwieriger werden. Also, zum Beispiel im Alltag um Hilfe bitten, nach dem Weg fragen. Das kann alles illegitimer werden in dem Maße, wie natürlich der öffentliche Raum als ein Raum wahrgenommen wird, in dem vor allen Dingen Krankheitsübertragung vermieden werden muss. Ja, ob das bleibt, ist eine gute Frage, aber ich tue mich da mit Prognosen, ehrlich gesagt, sehr schwer.

Einsamkeit – ein Privatproblem?

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben vorhin gesagt, dass Einsamkeit – hierzulande zumindest – schambesetzt sei, also, dass viele Betroffene sich schämen, dass sie einsam sind, und darüber lieber nicht reden wollen. Warum ist das so?

Schobin: Auch das ist eine sehr gute Frage. Ich vermute, dass das eine Entwicklung aus den 60er-, 70er-Jahren ist. Also, ich hole vielleicht ein bisschen aus. Das Jahrzehnt, in dem über Einsamkeit am meisten geschrieben wurde in Deutschland, in dem am meisten Texte, in Texten das Wort "Einsamkeit" oder "Vereinsamung" aufgekommen ist, sind die 50er-Jahre. Das ist ja auch relativ plausibel, wenn man sich überlegt, was davor vorgefallen war.

Das heißt, da hatte man die Familien mit den ganzen Toten, die aus dem Krieg nicht zurückgekommen sind. Man hatte diese traumatisierten Väter in den Familien, aber auch natürlich die ganzen traumatisierten Mütter, die Kinder, die in diesen Familien aufgewachsen sind. Die 50er-Jahre waren eine wahnsinnig einsame Zeit, egal, wie man das dreht und wendet.

Dann verändert sich die deutsche Gesellschaft ja sehr stark. In den 50er-Jahren war Einsamkeit etwas, das einem passiert ist, weil man was für das Vaterland geopfert hatte, weil man sich an diesem Wahnsinn beteiligt hat. Es war aber ein kollektives Problem. Und was dann in den 60er-, 70er-Jahren passiert ist, dass Einsamkeit ein Privatproblem wird. Das passiert einem, wenn man sich scheiden lässt, wenn man in seinen Beziehungen nicht so richtig zurechtkommt, wenn man seine Freunde nicht pflegt und so weiter.

Ich glaube, was halt passiert ist in dieser Zeit, ist, dass Einsamkeit zu einem Privatproblem geworden ist. In dem Maße wird einem das dann auch zur Last gelegt, wenn man einsam ist. Man hat halt was falsch gemacht in seinem Leben. Und deswegen ist man da gelandet, wo man ist.

Das hat sich verändert. Ich glaube, wir brechen das gerade wieder so ein bisschen auf. Durch Corona verändert sich ja die Thematisierung wieder: Einsamkeit ist auf einmal etwas, was einem ja durch eine gemeinsame Schicksalslage zustößt. Also, ähnlich wie die Einsamkeit nach dem Ersten Weltkrieg ist Corona ein Grund dafür, einsam zu sein. Und daran bin ich nicht schuld.

Ich glaube, das ist etwas, das im Moment auch ein bisschen diese Stigmatisierung auflöst. Man merkt das auch, wie Leute darüber reden, wie viel mehr darüber geredet wird. Ja. Dieser – wie soll man sagen – Rückzug ins Private nach den 50er-Jahren oder im Zuge des Wirtschaftswunders und der Liberalisierung danach, das ist, glaube ich, der Grund dafür.

Deutschlandfunk Kultur: Herr Schobin, wir haben bisher über Einsamkeit gesprochen und was die gerade unter Coronabedingungen für Probleme schafft. Sie forschen aber auch über Freundschaft, also sozusagen das Gegenstück zu Einsamkeit. Der renommierte Psychologe Robin Dunbar sagt, viel mehr als fünf Freundschaften könne ein Mensch gar nicht unterhalten. Das ist ja eine überschaubare Zahl. Die zu pflegen, sollte ja auch in Coronazeiten machbar sein, oder?

Corona belastet Freundschaften

Schobin: Ja, durchaus. Also, bei uns, ich würde sagen, so vier, bis zehn enge Freunde sind durchaus üblich. Vier ist das, was so der Durchschnitt sagt. Zehn findet man aber auch noch ziemlich oft. Darüber hinaus wird es dann relativ rar, gibt es nicht mehr so viele, die das behaupten.

Ja. Corona belastet, denke ich, Freundschaften bis zu einem gewissen Grad auch. Weil, Freundschaften sind solche Beziehungen, in denen sehr stark über Probleme gesprochen wird. Das heißt, man holt sich da affektive Unterstützung. Man holt sich da Rat. Und Corona hat jetzt wirklich in der Fläche natürlich ein Bedürfnis nach solcher Unterstützung ausgelöst. Da gibt es jetzt in Freundschaften unterschiedliche Probleme, die schwierig sind.

Ich sage mal, das erste, was ich glaube, was irgendwie belastend ist, ist die Aufmerksamkeitskonkurrenz, also durch Corona. Wenn man sich vorher mit vier Leuten getroffen hat, dann haben vier Leute irgendwie diese Aufmerksamkeit erhalten. Sie konnten sich beratschlagen, konnten reden. Heute muss man das alles mehr oder weniger eins zu eins in Gesprächen über Medien machen. Und das führt zu Verteilungsproblemen.

Also, eine Sache, die wir aus der Forschung über Freundschaft sehr gut wissen, ist, dass wir die  – wie so viele Dinge im Leben – sehr schlecht verteilen. Das heißt, die meisten Menschen von uns sind mit anderen befreundet, die mehr Freunde haben als sie selbst. Das klingt ein bisschen paradox, ist aber relativ simpel. Man stellt sich einfach mal so ein Netzwerk vor, wo es fünf Leute gibt und einen in der Mitte. Der eine ist mit den fünfen befreundet, die fünf mit wem anders. Also der ist, wenn man so will, der Populärste in diesem Stern. In diesem Netzwerk sind fünf Leute mit einer Person befreundet, die mehr Freunde hat als sie. Und eine Person ist mit Menschen befreundet, die weniger Freunde haben als sie.

Das ist ein allgemeines Phänomen in Netzwerken, das ist natürlich nicht so extrem und jetzt ein bisschen überzeichnet. Aber jetzt stelle man sich vor, was in so einem Netzwerk passiert, wenn eine Person oder zwei Personen auf einmal viel mehr Aufmerksamkeit brauchen und diese eine Person in der Mitte häufig anrufen. Und die andern? Man kann sich nicht mehr gleichzeitig treffen, sondern man muss halt warten, bis man an der Reihe ist. Dann fallen da drei hinten runter, die irgendwie nicht zum Zuge kommen.

Solche Verteilungseffekte, das hat man in der Krise, denke ich, in Freundschaften sehr stark erlebt. Ich habe an einer Studie von Snapchat mitgewirkt, wo ein Prozentsatz der Leute tatsächlich das Gefühl hatten, jetzt in der Coronakrise driften mir meine Freunde weg. Ich kriege keinen Zugriff auf die. Ich weiß nicht, wie ich die erreichen soll. Die gehen nicht ans Telefon et cetera.

Dann gab es genau das, was ich halt gerade beschrieben habe, auch noch die Gruppe, die gesagt hat: "Im Moment rede ich viel mehr mit meinen Freunden. Es ist viel intensiver geworden. Wir reden über viel wichtigere Themen." Das ist genau dieser Prozess, der gerade stattfindet. Und der belastet natürlich die Freundschaftsnetzwerke, weil auf einmal natürlich diese massive Anforderung auf die zukommt.

Freundschaftsnetzwerke sind super, super kompliziert. Und die Anpassungsprozesse, die da stattfinden, sind sehr, sehr schwer vorherzusehen. Natürlich gibt es dann auch noch, wenn man will, diese Gruppe der Enttäuschten, die da nicht auf Gegenseitigkeit treffen.

Freundeskreise sind wie Zwiebeln

Deutschlandfunk Kultur: Kann es auch sein, dass wir gerade unsere Freundeskreise neu sortieren, dass sich also sozusagen die Spreu vom Weizen trennt, unter diesen besonderen Bedingungen sich zeigt, wer ist mir wirklich wichtig als Freund, für wen bin ich vielleicht weniger wichtig als Freund?

Schobin: Das passiert natürlich auch. Das passiert eigentlich immer, ständig – genau genommen. Corona wird das wahrscheinlich noch einmal intensivieren. Freundeskreise sind sehr dynamisch. Die bewegen sich ständig. Es gibt natürlich bei den meisten Leuten so eine implizite Hierarchie, wie die ihre Freunde einordnen. Wenn man das in der Forschung macht, ist es so eine Zwiebel. Da sind Leute eher in der Mitte und Leute eher außen sortiert. Wir wissen, dass sich das bewegt. Also, das bewegt sich sowieso entlang des Lebens und entlang der Freundeskreise.

Aber im Moment ist natürlich besonders viel Bewegung da drin. Das heißt, viele Leute merken: "Oh, bei dem hatte ich gar nicht so diese Priorität, von der ich dachte, dass ich sie hätte". Dann passen Leute das natürlich an. Und verschieben, wenn man so will, in ihrer Freundschaftszwiebel die Leute. Das ist natürlich ein Prozess, der gerade ganz heftig am Werkeln gewesen ist, zumindest, wenn man diese Erfahrung macht natürlich. Wenn man die Erfahrung macht, ich rufe da an und da kommt nichts, dann führt das zu solchen Anpassungsprozessen.

Deutschlandfunk Kultur: Nun haben wir nicht nur Freunde, sondern auch Bekannte. Das können laut des schon erwähnten Psychologen Robin Dunbar bis zu 150 Menschen sein. So viele Kontakte zu pflegen, ist im Lockdown natürlich deutlich schwieriger als bei einer Handvoll Freunden. – Ist das ein Problem oder sind Bekanntschaften nicht so wichtig? Kann man auf die eher verzichten in solchen besonderen Zeiten?

Schobin: Na ja, Bekanntschaften sind auch wichtig, aber in der Regel für andere Sachen. Also, diese Form affektiver Unterstützung erhält man seltener von Bekannten. Aber von Bekannten erhält man sehr viel wichtige Informationen. Unsere ganze Forschung zeigt, dass Informationen eher über solche – wir nennen das "Weak Ties" – dann laufen.

Zum Beispiel Informationen über einen neuen Arbeitsplatz, das ist der Klassiker in der Forschung. Das erfahre ich eher von Bekannten. Weil, meine engen Freunde sind ja sozusagen, da ist die Information, die ich von denen erhalten kann hochgradig, wie soll man sagen… Die wissen ja schon, was ich weiß. Ich weiß, was die wissen. Also, da kommt nichts Neues bei rum.

Aber diese entfernteren Bekannten, über die erfahre ich neue Sachen. Und das ist für Corona insgesamt eine relativ wichtige Sache, weil ich über die Bekannten natürlich auch unliebsame Informationen bekomme, zum Beispiel, dass das Virus gefährlicher ist, als ich glaube. Das würde ich jetzt in meinem engsten Kreis vermutlich weniger erfahren. Andere Meinungen über so etwas würde ich da weniger mitbekommen, einfach, weil man sich mit seinen Freunden schon sehr ähnlich ist, weil man sich an die angepasst hat und weil man mit den engen Freunden relativ starke Homogenität über die Zeit entwickelt. So sind solche Bekannten durchaus wichtig.

Aber die sind natürlich auch toleranter dafür, dass man sie mal etwas missachtet.

Deutschlandfunk Kultur: Aber sich auf Freunde zu konzentrieren, weil es eben so mühsam ist, Kontakte zu halten, und die Bekannten links liegen zu lassen, weil sie nicht so wichtig sind, das ist nicht unbedingt zu empfehlen, verstehe ich daraus.

Schobin: Nein, ich glaube, dass das aber auch nicht so dramatisch ist, weil Bekannte – sage ich mal – das eher verschmerzen. Denn auch die Bekannten, zum einen sind sie natürlich, wenn man so will, eine Bindungsreserve. Das heißt, Bekannte können ja Freunde werden. So muss man sich das auch eigentlich vorstellen. Die meisten Freundschaften waren irgendwann mal Bekanntschaften und sind dann zu Freundschaften geworden. Das heißt, es gibt immer diesen Kandidatenstatus.

Ich würde sagen, Bekanntschaften sind auch immer in gewisser Weise Freundschaftskandidaten. Gerade weil wir diese hohe Dynamisierung in unseren sozialen Netzwerken haben, kommt es ja immer vor, dass wir gerade an Lebensumbrüchen unser Leben auch noch einmal neu gestalten. Da verändern sich Dinge. Und das sind dann auch die Momente, wo aus Bekannten auf einmal Freunde werden. Das heißt, diese Bindungsreserve ist einmal sowieso wichtig für uns.

Ich glaube nicht, dass das jetzt so notwendig ist, während der Krise die zu pflegen, weil die dann auf einmal verschwinden würde. Es ist auch einfach in der Praxis so, dass man merkt, dass die Leute in der Krise, vor allen Dingen auf diese engen Zweierbeziehungen jetzt gesetzt haben, dass sie das intensiviert haben. Das heißt, da scheint auch eine praktische Logik einfach dahinter zu stehen, dass man sich jetzt erstmal um dieses engere Feld kümmert.

Deutschlandfunk Kultur: Bleibt die Frage, was wir als Gesellschaft jetzt tun sollen, um vor allem das Problem, das wir zuerst angesprochen haben, die Einsamkeit anzugehen, damit Menschen nicht auf der Strecke bleiben und vereinsamen. Brauche wir ein Einsamkeitsministerium oder einen Einsamkeitsbeauftragten, der die staatliche Politik gegen Einsamkeit koordiniert? So was gibt es in Großbritannien schon seit zwei Jahren, wurde hierzulande erstmal ein bisschen belächelt, ist aber vielleicht doch keine so schlechte Idee – oder?

Brauchen wir einen Einsamkeitsbeauftragten?

Schobin: Ich bin da immer hin- und hergerissen. Ich rede relativ viel mit Menschen, die in der Praxis arbeiten, aus den Wohlfahrtsverbänden. Man muss erst einmal sagen, dass wir jetzt auch ohne Einsamkeitsbeauftragten in der Coronakrise da wahnsinnig viel gemacht haben, also die Wohlfahrtsverbände. Es ist einfach insgesamt aus dem gesamten Wohlfahrtssektor sehr viel gemacht worden.

Das fängt mit Tablets an, die jetzt in den Altenheimen und auch bei pflegenden Angehörigen und so weiter, also diese Digitalschulungen, die jetzt gemacht werden, Telefondienste, die eingerichtet worden sind, wo es vorher Besuchsdienste gab. Also, es ist auch ganz ohne externe Koordination bisher so gewesen, dass da einfach ganz viel passiert ist in ganz kurzer Zeit, sodass man erstmal sagen kann: Wir kommen anscheinend auch ohne so eine koordinierende Instanz ganz gut aus.

Aber auf der anderen Seite ist es natürlich schon so, dass, wenn es so jemanden gibt, der ein Ansprechpartner in der Politik dafür ist und der das auch entsprechend fördern kann, also, wo man dann einfach auch mal so jemanden hat, der den Poncho über so was wirft, ist das vielleicht auch nicht schlecht. Ich bin da aber hin- und hergerissen. Das ist auch so, dass das in der Praxis nicht unbedingt von allen positiv gesehen wird, ein Einsamkeitsbeauftragter, weil das Gefühl entsteht, dass das auch dazu führen kann, dass man dann Verantwortung delegiert an diese Person, aber dann die Sachen halt weniger passieren, als wenn die Verantwortung tatsächlich bei den lokalen Akteuren liegt.

Deutschlandfunk Kultur: Gerade wenn es ein Einsamkeitsbeauftragter auf der Ebene der Bundesregierung ist, wie das zum Beispiel die Unionsfraktion im Bundestag gefordert hat, dann ist ja die Frage: Was kann der tun? Was soll der tun? Denn es ist ja, wie Sie schon sagten, vor allem im lokalen Bereich, also sprich, die Kommunen wären ja dann eigentlich diejenigen, die die Maßnahmen ergreifen sollten.

Schobin: Das ist bei uns ganz klar so. Also, die Kommunen sind da an erster Stelle. Das sind auch, glaube ich, innerhalb des sozialstaatlichen, wohlfahrtsstaatlichen Sektors bei uns in Deutschland überhaupt niemand anderes. Die Frage ist bei so was, was die Kommunen können, was sie aus eigener Kraft können, wofür sie Mittel bräuchten und wie dann diese Mittel in die Kommunen kommen, welche Rechenschaftspflichten die Kommunen für so etwas hätten und so weiter. Das ist alles ein kompliziertes Thema, wo man sich schon vorstellen kann, dass so ein Beauftragter da unter Umständen, wenn er die Federführung hätte oder sie die Federführung hätte, da etwas bewirken könnte.

Ich glaube, mit oder ohne Einsamkeitsbeauftragten oder auch Beauftragte sind wir in Deutschland eigentlich relativ gut dafür ausgerichtet, als Sozialstaat mit diesem Thema umzugehen.

"Generation Corona"

Deutschlandfunk Kultur: Herr Schobin, auch wenn die Impfungen jetzt angelaufen sind, dürfte es noch Monate dauern, bis die Kontaktbeschränkungen wirklich aufgehoben werden können. Beamen wir uns mal gedanklich in den Sommer, in den Sommer 2021 und hoffen, dass wir das Schlimmste dann hinter uns haben werden. – Was glauben Sie? Was werden dann anderthalb Jahre Lockdowns und Kontaktbeschränkungen mit uns gemacht haben? Das ist ja immerhin eine lange Zeit.

Schobin: Das ist eine wirklich gute Frage. Ich habe wirklich keine Ahnung. Wenn ich so Vermutungen anstellen dürfte, also, es wird uns ein bisschen was im politischen Spektrum zurückbleiben, diese seltsame Allianz zwischen Leuten aus dem, wenn man so will, eher esoterischen Spektrum mit dem rechten Spektrum… Ich glaube, das wird uns weiterhin begleiten als eine Spätfolge davon. Da ist eine neue politische Allianz entstanden, die sehr seltsam ist, aber die – ich befürchte – einfach Bestand haben wird.

Und das mit den Masken in den Wintermonaten, ich kann mir vorstellen, dass sich das bewährt. Alleine, wenn man sieht, wie zum Beispiel Influenza-Inzidenz runtergegangen ist, kann ich mir vorstellen, dass man das ab sofort auch sozusagen als Soll in Normen einführt, einfach, weil das Vorteile birgt in den Wintermonaten.

Kulturell - schwierig zu sagen. Ich glaube, das wird bei vielen Leuten eine markante Lebenspassage sein, über die man immer wieder redet. Es wird bestimmt einige Filme über diese Zeit geben. Es wird, wenn man so will, vielleicht tatsächlich der Bruchpunkt für eine Generation werden. Also es entsteht wahrscheinlich so etwas wie eine Generation Corona. Für diese jungen Leute, die jetzt gerade ihren Eintritt ins Erwachsenenleben in dieser Phase gesellschaftlichen Wandels gemacht haben, wird das eine markante Passage. Das wären so die Thesen, die ich jetzt erst einmal haben würde so auf verschiedenen Ebenen, was uns davon bleibt.

Aber das ist ein schweres Thema. Und Soziologen und Soziologinnen sind – wie soll man sagen – chronisch schlecht darin, etwas zu prognostizieren.

Deutschlandfunk Kultur: Hoffen wir also auf den Sommer in diesem düsteren, einsamen Corona-Winter, den wir jetzt gerade erleben.

Schobin: Auf jeden Fall.

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