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Sein und Streit | Beitrag vom 28.10.2018

Soziologe Dirk Baecker über DigitalisierungZusammenleben mit nervösen Medien

Moderation: René Aguigah

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Eine Reihe von Server Racks mit Binärzahlen | Verwendung weltweit (Picture Alliance)
Wie strukturiert sich Öffentlichkeit im Zeitalter der Digitalisierung? Der Systemtheoretiker Dirk Baecker gibt Antwort. (Picture Alliance)

Vollenden Computer die Moderne? Versprechen sie noch immer Freiheit und Teilhabe? Oder sind wir gefangen in ihren Netzen? Der Soziologe Dirk Baecker sucht die Lücke, die der Rechner lässt.

Dirk Baecker erkennt in der Digitalisierung die jüngste von vier Medien-Epochen der Menschheitsgeschichte, von denen jede einzelne die Regeln des Zusammenlebens grundlegend neu geprägt habe:

"Digitalisierung, das heißt: die Verwendung von elektronischen Apparaten aller Art, ist für mich von derselben tiefgreifenden Bedeutung für die gesellschaftliche Kultur, wie zuvor die Einführung des Buchdrucks, davor die Einführung der Schrift und davor die Einführung der Sprache."

Sprachgemeinschaften regeln, wer spricht

In seinem Buch "4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt" skizziert der Soziologe, wie mit dem Auftauchen der Sprache im Zeitraum vor 30.000 bis 40.000 Jahren – nach seiner Zählung in der Medien-Epoche 1.0 – zugleich gesellschaftliche Formationen entstanden, die als Sprachgemeinschaften jeweils eigene Regeln dafür fanden, welches Sprechen in welchen Situationen unter welchen Akteuren als angemessen galt.

Dirk Baecker, Soziologe an der Universität Witten/Herdeck und Systemtheoretiker (picture-alliance / dpa / Ingo Wagner)Im Gespräch: der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker (picture-alliance / dpa / Ingo Wagner)

In der Medien-Epoche 2.0, die mit der Erfindung der Schrift vor etwa 8.000 Jahren begann, entstand durch die Möglichkeit, das flüchtige Sprechen zu fixieren und zu analysieren, auch eine neue Auffassung von Zeit:

"Die Gesellschaft explodiert in Zeithorizonte", sagt Baecker. "Zu schreiben heißt, lesen zu können, was man gestern aufgeschrieben hat, aufzuschreiben, was man morgen lesen muss, so dass plötzlich Begriffe wie Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft überhaupt nötig wurden."

Der Buchdruck schafft eine neue Öffentlichkeit

Mit der Erfindung des Buchdrucks setzt Mitte des 15. Jahrhunderts die Medien-Epoche 3.0 ein. In ihrem Zuge wandelte sich tiefgreifend das Verständnis von Öffentlichkeit, sagt Baecker:

"Die moderne Buchdruck-Gesellschaft ist eine, in der jeder jeden jederzeit kritisieren kann – und man das sogar aushalten muss, weil die alle gelesen haben und einfach drauflos plappern."

Diese neue Vielstimmigkeit erschien nicht wenigen Zeitgenossen chaotisch und riskant. Einen Vorschlag, wie sie einzudämmen wäre, machte etwa der Philosoph Immanuel Kant in seiner Schrift "Was heißt Aufklärung?". Dort gibt er die Empfehlung, dass ein Gelehrter nur dann das Wort ergreifen sollte, wenn mindestens ein weiterer Gelehrter anwesend sei, der ihn bei Bedarf korrigieren könne. Schon bald begannen freilich mehr oder weniger belesene Bürger damit, die eigene Zeitungslektüre in Salons oder an Stammtischen zum Besten zu geben, zu debattieren und sich gegenseitig zu kritisieren. So sei eine viel lebendigere, weitgehend ungeregelte Öffentlichkeit entstanden, sagt Dirk Baecker, die schon auf die heutige voraus weise.

Der Stammtisch ist überall

"Die Situation, in der wir heute sind, ist, dass der Stammtisch in die allgemeine Öffentlichkeit verlängert wird und man unkontrolliert jeden x-beliebigen Kommentar, der irgendjemand irgendwo durch den Kopf geht, als Posting auf den Plattformen der Welt wiederfindet. Das ist eine andere Situation, weil es die Autoritäten, die akzeptierten Meinungen, die Kanäle, in denen gebündelt werden kann, was gebündelt werden muss, nicht mehr gibt."

Was aber unterscheidet die derzeitige digital geprägte Öffentlichkeit der Medien-Epoche 4.0 ganz wesentlich von ihren Vorläufern? Sind wir wirklich viel anfälliger für Fälschungen und Verdrehungen der Wahrheit geworden, als es noch die Buchdruck-Gesellschaft mit ihren Prinzipien der Nachprüfbarkeit und entsprechenden Instanzen der Kontrolle war? Dirk Baecker glaubt nicht, dass "Fake News" ein wirklich neues Phänomen sind. Skandalträchtige Falschmeldungen hätten schon im 19. Jahrhundert für Empörung gesorgt. Es sei zwar leichter geworden, Dokumente oder Bilder zu fälschen, Fehler seien heute aber auch schneller zu korrigieren, Betrug schneller aufzuklären.

"Fake News" als Trotzreaktion

Als Soziologe ist Dirk Baecker besonders daran interessiert, wie und weshalb sich Gruppen bilden, die Falschmeldungen unbedingt glauben wollen. Baecker erkennt darin eine Art von kollektiver Trotzreaktion:

"Diese Blasen, die sich um Fake News herum bilden, sind Milieus von Leuten, die das gerne glauben wollen, weil sie diese Fake News als Einwand gegen eine Welt, die sie nicht mehr begreifen können und auch nicht mehr begreifen wollen, kultivieren können."

Die Vielzahl von Informationen, mit denen wir täglich konfrontiert werden – Informationen, die einander widersprechen, für den einzelnen Mediennutzer aber kaum überprüfbar seien –, empfinden viele Menschen als Überforderung, so Backer. Hinzu komme häufig eine weitere Überforderung, wenn es um den eigenen Platz in der Gesellschaft gehe:

"Man ist überfordert, weil man nicht mehr die Arbeit findet, die man sucht, man ist überfordert, weil man es nicht mehr mit einer Bevölkerung zu tun hat, die man für ‚homogen‘ halten kann, und kippt zurück in die Pflege von Fake News, die im Wesentlichen davon lebt, nicht, dass man sie selber glaubt, sondern dass sie von anderen geglaubt, also geteilt werden."

Kakophonie der Öffentlichkeiten

Wie aber kann in einer Zeit, die derart anfällig zu sein scheint für Fälschungen und hysterisch geführte Debatten, dennoch eine funktionierende Öffentlichkeit entstehen? Dirk Baecker ist der Ansicht, dass es – anders als der Sozialphilosoph Jürgen Habermas das noch angenommen habe – eine einzige Öffentlichkeit, die eine ganze Gesellschaft zusammenhalte, nicht mehr geben könne. An ihre Stelle trete längst eine Vielzahl von politischen, ökonomischen, ästhetischen und religiösen Öffentlichkeiten, "die durchaus unvernünftig ihren jeweiligen Interessen folgen und sich wechselseitig hochschaukeln aber auch wieder bremsen und dämpfen können."

Die "Digitalisierung der Gesellschaft" möchte Dirk Baecker in zwei Richtungen verstanden wissen: "Die Gesellschaft ist der Akteur der Digitalisierung, und gleichzeitig ist der Computer das Medium, das die Gesellschaft digitalisiert."

Digitalisierung ist kein Schicksal

Entscheidend ist für Baecker dabei, dass die Gesellschaft Digitalisierung nicht passiv über sich ergehen lässt, sondern den Freiraum nutzt, um innerhalb der Rahmenbedingungen, die Algorithmen bereits allerorten setzen, bewusst zu gestalten, wie wir in einer digitalen Gesellschaft leben wollen. Dieser Spielraum, so Baecker, sei "die Lücke, die der Rechner lässt":

"Keine einzige Software, kein einziger Algorithmus kann uns sagen, wie Wirtschaft oder Politik oder Familie zu funktionieren hat, sondern alle diese digitalen Apparate und elektronischen Medien müssen darauf warten, dass irgendjemand und irgendetwas in der Gesellschaft eine Idee dazu hat, wie man damit umgehen kann, wozu man das gebrauchen kann."

Dirk Baecker: 4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt
Merve Verlag, Leipzig 2018
276 Seiten, 22 Euro

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