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Zeitfragen | Beitrag vom 10.07.2019

Soziologe Alain Chouraqui warntWir sind auf halbem Weg in die Barbarei

Von Dirk Fuhrig

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Durch einen unscharfen Zaun hindurch sind bewaffnete Polizisten zu sehen. (picture alliance / dpa / Silas Stein)
Wie sicher ist unsere Demokratie? - Bewaffnete Polizisten nach einer Festnahme im Mordfall Lübcke. (picture alliance / dpa / Silas Stein)

Nicht nur der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke nährt Ängste: Demokratisch engagierte Menschen fühlen sich zunehmend bedroht. Soziologe Alain Chouraqui sieht Länder wie Deutschland oder Frankreich bereits auf halben Weg in die Barbarei.

Alain Chouraqui hat das Schema eines Baums entworfen, um die Prozesse zu veranschaulichen, die eine Gesellschaft auf dem Weg von der Demokratie zur Barbarei durchmacht.

"Es beunruhigt uns sehr, dass die Saat des Rassismus und Nationalismus in vielen europäischen Ländern wieder dabei ist aufzugehen. In Frankreich und in Deutschland stehen wir etwa auf halber Strecke des Weges, der vom gewöhnlichen Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit hin zum Massenverbrechen führt. Und das ist extrem beängstigend."

Alain Chouraqui deutet auf seine Baum-Grafik, die er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hat.

"Diese schematische Darstellung hier zeigt den Verlauf vom ‚ganz gewöhnlichen Rassismus‘, der ganz gewöhnlichen Xenophobie, bis hin zum Massenverbrechen. Wir haben 20 Jahre lang über den Holocaust gearbeitet und die verschiedenen Stadien untersucht, die zum Schlimmsten geführt haben. Gleichzeitig haben wir uns mit anderen Massenverbrechen beschäftigt, gegen die Zigeuner, die Armenier oder die Tutsi."

Demokratie muss Konflikte friedlich organisieren

Die Grafik ist wie ein Baum aufgebaut. Aus dessen Wurzeln ragen Begriffe wie "Vorurteile", "Diskriminierung", "Rassismus". Aber auch "Frustration" oder "Stereotypen".

"Die Wurzeln finden Sie in allen Gesellschaften. Ganz ‚gewöhnliche‘ Menschen in ‚gewöhnlichen‘ Gesellschaften bringen das ‚Außergewöhnliche‘ wie den Holocaust hervor. Oder sie lassen es geschehen, so wie in Ruanda zum Beispiel."

In Deutschland gibt es noch die Sorge, dass man den Holocaust relativiert, wenn man Vergleiche anstellt. Aber das einzigartig Monströse an der Shoa wird nicht kleiner, wenn man sich anschaut, welche Strukturen auf dem Weg von Demokratie zu Massenverbrechen eine Rolle spielen. Ob Holocaust oder ein anderer Völkermord - Alain Chouraqui und seine Forschungsgruppe haben herausgefunden, dass die Abläufe, die dazu führen, dass eine Gemeinschaft verroht, sich in gewisser Weise generalisieren lassen:

"Soziale Spannungen, unterschiedliche Meinungen, legitime ideologische Gegensätze - normalerweise ist es die Aufgabe der Demokratie, diese Konflikte friedlich zu organisieren. Wenn die Konflikte sich aber zuspitzen, kann es schnell zu spät sein. Die Dynamik ist dann kaum aufzuhalten, und die Gesellschaft gleitet ab, so wie ein ganz gewöhnlicher Mensch plötzlich in eine monströse Brutalität abgleitet. So rutscht die Gesellschaft von einer Stufe zur nächsten, der Widerstand dagegen wird immer geringer. Es gibt ja immer scheinbar ‚gute Gründe‘ dafür, etwas zuzulassen oder zu verhindern."

Das Grauen beginnt im Alltäglichen. Scherzhaft gemeinte verbale Anfeindungen mögen in einer gefestigten liberalen Demokratie akzeptabel sein, meint der Forscher. Sobald aber eine höhere Ebene der Verrohung erreicht sei, müssten auch scheinbar harmlose Entgleisungen genau beobachtet werden.

Der Soziologe Alain Chouraqui, Präsident der Stiftung "Camp des Milles", steht vor einer Wand in der Gedenkstätte. (imago/ Panoramic / Alain Chouraqui )Der Soziologe Alain Chouraqui in der Gedenkstätte "Les Milles". Dort wurde 1939 ein Lager für sogenannte "unerwünschte Ausländer" eingerichtet. (imago/ Panoramic / Alain Chouraqui )
 Chouraqui zeigt auf den oberirdischen Teil seiner Baum-Grafik, an deren Wurzeln man Begriffe wie "Vorurteile", "Diskriminierung" oder "Rassismus" findet. Am Stamm des Diagramms liest man Begriffe wie "Krise" und "Destabilisierung", "Antisemitismus" oder "Beleidigungen". Etwas weiter oben, im unteren Geäst der Baum-Skizze, sind "Verschwörungstheorien" angesiedelt, die "Manipulation der Sprache" und das "Fälschen der Wahrheit" – also Fake News.

"In den meisten Ländern Europas sind wir in der Etappe zwei", erläutert der Forscher seine Grafik, also bereits in der Mitte des Eskalations-Prozesses. "Die dritte Etappe ist die, in der es schon Verfolgungen gibt. Die Demokraten bekommen Angst, vor allem natürlich die Angehörigen der Gruppen, die im Fokus stehen. Frankreich und Deutschland befinden sich noch in Etappe zwei. Die Institutionen sind angeschlagen, die Eliten werden abgelehnt, die offiziellen Medien werden in Frage gestellt, es gibt vielleicht Unruhen, so wie in Frankreich, in Deutschland weniger. Das kann sich weiter entwickeln zu einer Phase, wie wir sie in Polen oder Ungarn beobachten, wo die politischen Institutionen von denen übernommen wurden, die die Demokratie bekämpfen. Und dann beschleunigt sich alles."

Dass zivilisierter Streit über mehrere Phasen hinweg zu rassistischer Gewalt umschlagen kann, macht die Grafik des französischen Wissenschaftlers deutlich. Unwillkürlich denkt man bei dieser Eskalationsspirale an den Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

In einer potenziell gefährlichen Eskalationsspirale

Ganz oben, in der Baumkrone, sind Begriffe zu lesen, die ein enthumanisiertes Staatswesen beschreiben, in dem Ideologen regieren, Schreibtischtäter agieren – und Massenverbrechen an der Tagesordnung sind.

"Wir bezeichnen unsere Methode als ‚Konvergenz der Erinnerung‘. Damit können wir gemeinsame Bewertungskriterien entwickeln. Daraus haben wir diese Karte der möglichen historischen Entwicklungen erstellt. Ich sage ‘der möglichen‘, denn auf jeder Stufe ist auch der Begriff ‚Widerstand‘ in roter Farbe verzeichnet. Denn es hängt von den Reaktionen der Gesellschaft oder jedes einzelnen ab, ob der gesamte Prozess gestoppt oder rückgängig gemacht wird – oder ob er sich zu seinem schlimmen Ende weiterentwickelt."

Wir befinden uns in einer potenziell gefährlichen Eskalationsspirale. Alain Chouraqui hat im Blick, wohin der Weg führen kann – denn er ist Gründungsdirektor einer Gedenkstätte bei Aix-en-Provence. Dort wurde 1939 ein Lager für sogenannte "unerwünschte Ausländer" eingerichtet, dann auch für Juden. Als Chouraqui dort die Gedenkstätte "Les Milles" aufgebaut hat, ging es ihm nicht nur um historische Erinnerung, sondern auch um Sensibilisierung für die Gegenwart.

"Das ‚Camp des Milles‘ war ein ‚gewöhnliches‘ Lager. Das war nicht das Ende, sondern der Anfang des Wegs. Eine Ziegelfabrik in einem x-beliebigen Dorf in der Provence, wo die Zikaden singen und die Leute Boule spielen. Den Besuchern heute wird klar, dass schreckliche Dinge mitten im Alltag stattfinden können. Das ist eine Warnung. Auschwitz ist das Ende der Entwicklung. Dort fragt man sich, wie die Menschen dazu fähig waren. In ‚Les Milles‘ sieht man, wie es angefangen hat."

In den finsteren Gängen des einstigen Lagers herrscht eine gespenstische Atmosphäre. An den ansonsten kahlen Wänden sind immer wieder die Reste von Malereien zu erkennen. Fragmente von Gesichtern, von Figuren. Sie haben ein Dreiviertel Jahrhundert überdauert. Die Internierten sollten irgendwie beschäftigt werden. Und so wurde ihnen gestattet, sich auch künstlerisch zu betätigen.

"Und abends in die Katakombe" steht an einer Mauer. Die berühmte Berliner Kabarett-Bühne lud hier im Exil zu heiteren Veranstaltungen.

Erinnerungsarbeit im Kampf gegen Rassismus

Heute führen Alain Chouraqui und seine Mitarbeiter viele junge Leute durch die Gedenkstätte.

"Wir können sagen: 80 Prozent der Jugendlichen schätzen die Bedeutung der Demokratie höher ein, nachdem man ihnen gezeigt hat, was das Gegenteil von Demokratie ist – das, was sie im ‚Camp des Milles‘ vor Augen haben. Was den Rassismus betrifft, ist die Veränderung im Augenblick weniger sichtbar. 60 Prozent der Jugendlichen sprechen sich nach dem Besuch stärker gegen Rassismus aus. Das ist nicht schlecht, aber nicht genug."

Chouraqui und sein Team legen Wert darauf, die Wirkung ihrer Erinnerungsarbeit wissenschaftlich messbar zu machen.

"Wir befragen die Leute direkt nach dem Rundgang und einige Monate später noch mal. Es gibt auch weitere Begleitung in den Schulen. Eine Garantie für den Erfolg gibt es nicht. Immer mehr Einrichtungen schicken uns Leute. Im ‚Camp de Milles‘ erleben sie oft einen Schock. Auch Jugendliche aus ‚prekären Vierteln‘ fangen an zu weinen. Oft wird ihnen zu Hause ja erzählt, dass es den Holocaust gar nicht gegeben habe."

Der berühmteste Gefangene in "Les Milles" war der Schriftsteller Lion Feuchtwanger. Er hat über die grausame Haft in der Provence später die autobiografische Erzählung "Der Teufel in Frankreich" geschrieben, in denen er erschütternde Details der Unterbringung, die Demütigungen und katastrophalen hygienischen Zustände schildert, die sich kaum von denen in deutschen Konzentrationslagern unterschieden.

Dabei hatte Feuchtwanger noch Glück: Ihm gelang die Flucht nach New York. Sein Kollege Walter Hasenclever hatte sich, als die deutsche Wehrmacht nach Frankreich vorrückte, in "Les Milles" das Leben genommen.

Für Alain Chouraqui ist die Erinnerung an die Grausamkeiten der Vergangenheit ein Mittel, das die Wachsamkeit erhöht, um ein erneutes Abgleiten in die Barbarei zu verhindern.

"Auch die Feinde der Demokratie haben aus der Vergangenheit gelernt. Und sie wissen sehr gut, dass man sich tarnen muss. Deshalb geht das meist schleichend voran, nicht durch einen Staatsstreich oder ein spektakuläres Wahlergebnis. Es handelt sich um sogenannte hybride Systeme, die dann eine ‚illiberale Demokratie‘ einführen – ein in sich völlig widersprüchliches Konzept, denn Demokratie heißt Freiheit. In dieser Phase ist der Übergang zu einem autoritären Regime durchaus möglich", sagt der 69 Jahre alte Extremismusforscher.

Alain Chouraqui nimmt noch einmal das große Faltblatt mit dem Baum und den Schlagwörtern zur Hand und fährt von unten nach oben über die Grafik, von der Wurzel bis zur Krone.

Nimmt die identitäre Frage überhand, wird es gefährlich

"In unserem Schema zeigen wir auf, wie sich die öffentliche Debatte auf identitäre Fragen zuspitzt. Genau das hat in der Geschichte zur Katastrophe, zum Massenmord geführt. Wenn in einer Gesellschaft die identitäre Frage überhand nimmt, ist die Gefahr sehr groß. Natürlich ist das in gewissem Maße legitim. Wir machen uns alle Gedanken über unsere kollektiven und individuellen Identitäten, sei es in einer Stadt, einer Region oder in einem Beruf. Und natürlich auf der Ebene der Bevölkerung oder der Religion. Aber wenn das Thema dominant wird und immer wiederkehrt, wie heute die Migration oder die Globalisierung – dann wird es gefährlich."

Alain Chouraqui nennt Ungarn und Italien als Beispiele für europäische Gesellschaften, in denen die Entwicklung weg von der Demokratie schon weit fortgeschritten ist.

"Wenn die Begeisterung für das Identitäre überwiegt, verlässt man den Rahmen der Demokratie. Demokratie braucht die Vernunft für den Dialog. Wenn Furcht, Neid, Zukunftsangst überwiegen, dann sind die Risiken groß."

Die Risiken für die freiheitlichen Demokratien sieht Alain Chouraqui sowohl im Nationalismus als auch in einer allgemeinen Furcht vor Veränderung. Es sind Faktoren, die den Hang von Nationen zur Abschottung befördern.

"Derzeit werden die Nerven einer Gesellschaft ständig gereizt. Die Technologie entwickelt sich ständig weiter. Wie geht man mit seiner Ehefrau oder seinem Ehemann, mit den Kindern um? Oder auf der Arbeit: Wo werde ich in drei oder fünf Jahren sein? Das führt zu einer starken psychosozialen Destabilisierung. Es gibt Leute, die sich verloren fühlen und verkrampfen. Und dann macht die Gruppe sie stärker. Das ist wie bei den Tieren, derselbe Reflex. Man sucht ein Gruppengefühl."

Wenn soziale Probleme in Revolten umschlagen

Die Demokratien stehen wohl vor ähnlich großen Herausforderungen wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als sich ein aggressiver Nationalismus ausbreitete – mit den Folgen, die wir heute in Gedenkstätten sehen können. Alain Chouraqui setzt auf die Kraft der Aufklärung, indem er zeigt, dass Muster der Vergangenheit auch für die Gegenwart bedeutsam sind.

"Die Entwicklung wird von vielen Aspekten beeinflusst. Entsprechend vielschichtig muss die Antwort sein. Man muss die Mechanismen der Vergangenheit kennen und analysieren. Wir machen in ‚Les Milles‘ auch viele Schulungen mit Polizisten und Verwaltungsbeamten, mit Sportlern oder Jugendlichen aus Problemvierteln. Die Jugendlichen – aber nicht nur die - erkennen im ersten Moment oft nicht die Dynamik, die zur Katastrophe führen kann. Beim Blick in die Vergangenheitsarbeit kommt man zu dem Schluss, dass man nichts durchgehen lassen darf."

Chouraqui deutet wieder auf sein Baum-Schema mit den Etappen von den Wurzeln bis zur Krone:

"In der ersten Etappe mag ein Witz über Araber, Juden, Schwarze oder Weiße durchgehen. Wenn man sich auf einer weiter fortgeschrittenen Stufe befindet, gehen solche Witze nicht mehr. Dann muss man sagen: Nein, Witze sind nicht mehr möglich. Gegenüber Freunden oder im Internet. Das sind die individuellen Reaktionen. Aber es gibt auch Gesetze, in Deutschland ebenso wie in Frankreich."

Gesetze, um rechtzeitig den Weg in die Barbarei zu versperren – und, mehr noch:

"Man muss verhindern, dass soziale Probleme in identitäre Revolten umschlagen*). So war es bei den Gilets jaunes in Frankreich. Wie geht man auf die nachvollziehbaren sozialen Forderungen ein, um zu verhindern, dass sich die Bewegung zum Extremismus entwickelt."

Alain Chouraqui wiederholt immer wieder, wie wichtig es ist, ständig daran zu erinnern, wie kurz der Weg von Beleidigung und Diskriminierung von Minderheiten bis zu deren Verfolgung und Ermordung sein kann.

"Wir versuchen, die gemeinsamen Punkte in allen Gesellschaften, die von Krisen betroffen sind, herauszufinden. Die Tendenzen sind in Frankreich und Deutschland und überall in Europa. In jeder Gesellschaft gibt es ein Gift und ein Gegengift."

Ein Gegengift, dessen Mischung aus staatlichen Gesetzen, aus Wachsamkeit und aus historischem Bewusstsein besteht.


*) Wir haben an diese Stelle die Übersetzung präzisiert.
 

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