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Im Gespräch | Beitrag vom 14.10.2020

Sozialunternehmer Andreas HeineckeImmer noch Menschen zweiter Klasse

Moderation: Marco Schreyl

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Der Sozialunternehmer Andreas Heinecke sitzt und lächelt in die Kamera. Er trägt ein dunkles Oberteil. (Steffen Baraniak)
Einsatz gegen Ausgrenzung: Wegen der eigenen Familiengeschichte ist für Andreas Heinecke sein Engagement gegen Diskriminierung eine Lebensaufgabe. (Steffen Baraniak)

Wie blinde oder gehörlose Menschen die Welt erleben, vermittelt das „Dialoghaus“ in Hamburg. Ein Ort der Begegnung und sinnlichen Erfahrungen, gegründet vom Sozialunternehmer Andreas Heinecke.

Was macht man mit einem Zeitungsredakteur, der plötzlich blind ist? Kann er beim Hörfunk arbeiten? Um das zu klären, wurde Mitte der 1980er-Jahre Andreas Heinecke beauftragt, damals Journalist beim SWR.

"Blindheit ist nicht das Ende der Welt"

Erfahrungen im Umgang mit Blinden hatte er keine, dafür viele Vorurteile. Beim ersten Treffen mit dem blinden Kollegen sei er sehr aufgeregt gewesen, erinnert sich Heinecke.

"Ich musste sehr schnell feststellen, dass meine gesamten Annahmen falsch waren. Der war in keinster Weise depressiv. Er hat mir sehr schnell vermittelt, dass Blindheit für ihn auch eine Abenteuerreise bedeutet hat. Weil er die Chance hatte, mit Ende 20 alles von vorne lernen zu dürfen. Er konnte mir sehr schnell den Eindruck vermitteln, dass Blindheit nicht das Ende der Welt ist. Ich dachte, das sei das Ende der Welt."

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Aus Verunsicherung wurde Neugierde und aus dem Journalisten Heinecke allmählich der Sozialunternehmer Heinecke:

"Ich wollte einfach mehr wissen. Wie ist es, blind zu sein, wie kann man sein Leben organisieren? Es waren tausend Dinge, die mir auf einmal im Kopf waren. Die haben mich angeregt, stärker ins Blindenwesen einzusteigen, mich mit philosophischen Fragen zu beschäftigen, auch mit psychologischen Fragen zu beschäftigen. Und natürlich auch festzustellen, dass Menschen mit Behinderung einfach immer noch Menschen zweiter Klasse sind."

Eine Lebensrealität von vielen

1988 eröffnete Heinecke in einer verdunkelten Garage eine Art Bar. Blinde servierten Getränke an Sehende. Das Projekt "Dialog im Dunkeln" war geboren. Heute, mehr als 30 Jahre später, ist aus dieser Idee das "Dialoghaus" in Hamburg erwachsen. Ein Haus mit Ausstellungen und einem Dunkelrestaurant. Ein "Perspektivwechsel" soll hier möglich gemacht werden.

"Wir wollen über die persönliche Erfahrung zeigen, im Austausch mit blinden Menschen, dass Blindsein eine Lebensrealität von vielen ist. Die aber auch vollwertig ist, die auch reich ist. Und die mir viele Möglichkeiten gibt, mich zu verwirklichen, ein erfülltes Leben zu leben."

Von den mehr als 100 Mitarbeitenden im "Dialoghaus" sind 45 blind. Sie führen durch die Ausstellungsräume oder bedienen Gäste im Restaurant, das komplett verdunkelt ist. Dahinter verberge sich der Gedanke, Empathie zu fördern und andere Lebenswelten zu vermitteln, sagt Heinecke.

Im Dialoghaus kann man nicht nur die Perspektive von blinden Menschen einnehmen. Wie lebt es sich als Gehörloser, wie im hohen Alter? Auch das lässt sich hier erfahren.

Weniger Chancen 

Wenn Heinecke vor mehr als 30 Jahren zu der Feststellung kam, Menschen mit Behinderung seien immer noch Menschen zweiter Klassen, wie fällt sein Fazit heute aus?

"Die ganze politische Rahmensetzung hat sich massiv verändert. Wir haben heute Teilhabegesetzte, wir haben eine inklusive Beschulung. Es herrscht eine hohe Sensibilität. Und trotz der vielen positiven Veränderungen muss man einfach festhalten, dass Menschen mit Behinderung nach wie vor länger arbeitslos sind, geringere Bildungschancen haben, einfach nicht die gleichen Möglichkeiten haben, wie wir nicht behinderte Menschen. Ich bin der grundsätzlichen Überzeugung, dass jeder Mensch in jeder Situation einen Wert hat."

Opfer und Täter in einer Familie

Heinecke stammt aus einer "verrückten Familienkonstellation". Denn: "Teile meiner Familie waren jüdisch, Teile waren sehr, sehr starke Naziunterstützer", erzählt er.

Vor diesem Hintergrund, so der studierte Historiker, setze er sich gegen Ausgrenzung ein. "Mein Grundmotiv ist, dass ich diese Spirale von Ausgrenzung, von Marginalisierung, von Diskriminierung, dass ich das nicht akzeptieren möchte. Meine Lebensaufgabe sehe ich darin, einen Beitrag dagegen zu leisten."

Auch deshalb falle es dem Sozialunternehmer besonders schwer, wenn in diesen Zeiten über das "Triageprinzip und Risikogruppen" diskutiert werde. "Welches Leben sollte erhalten bleiben, was kostet der Lebenserhalt? Da beginnt für mich auch eine ethische Frage, die ich so nicht führen möchte."

Aber Corona zwang auch den 65-Jährigen zu "schweren" Entscheidungen. Mitarbeitende im "Dialoghaus" wurden teilweise in Kurzarbeit geschickt oder mussten entlassen werden. Jetzt gab es zumindest in Teilen einen Neubeginn. Ausstellungsräume und auch das Dunkelrestaurant können wieder besucht werden. "Wir waren ausverkauft", sagt Heinecke. "Das war in dem Maße nicht zu erwarten."

(ful)

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