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Interview | Beitrag vom 23.06.2020

Sozialpsychologe über Ausschreitungen in StuttgartVon Feindbildern, Gewaltlust und Inszenierungsdrang

Andreas Zick im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Menschen stehen vor einem geplünderten Geschäft in der Stuttgarter Marienstraße. (dpa / Julian Rettig)
Randale und Plünderungen in Stuttgart: Über Social Media waren die Ausschreitungen live zu verfolgen. (dpa / Julian Rettig)

Die Ausschreitungen am Wochenende in Stuttgart hält der Sozialpsychologe Andreas Zick für nicht ideologisch motiviert. Stereotype und Vorurteilsmuster gegenüber der Polizei hätten bei dem Gewaltausbruch aber eine große Rolle gespielt.

Stephan Karkowsky: Populisten und Scharfmacher hatten mal wieder als Erste vermeintlich einfache Antworten zur Hand zur Randale-Nacht in Stuttgart.

Ich vertraue lieber einem, der seit vielen Jahren zur Gewalt forscht, er leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, der Sozialpsychologe Professor Andreas Zick.

War die Randale in Stuttgart für Sie ein singuläres Ereignis, oder würden Sie das in eine Reihe stellen mit anderen Angriffen, die wir gerade gegen Polizei und Staat im In- und Ausland erleben?

"Die Wucht war schon einmalig"

Andreas Zick: Das Singuläre war die Wucht der Gewalt, also das Ausmaß der Gewalt, der Grad der Eskalation. Und: nein.

Wir haben schon vorher Auseinandersetzungen gehabt. Wir kennen das aus Randalen, historisch, in den 50er-, in den 60er-Jahren. Wir kennen das aus den 80er-Jahren. Wir kennen das aus den Stadion-Randalen. Wir kennen das in England - wir forschen international - in England gibt es immer wieder solche Auseinandersetzungen, öffentliche Gewalt. Die Wucht war schon einmalig. Aber dass es solche Randale gibt im öffentlichen Raum, zumal in Corona-Zeiten, wo ja auch andere Räume zu sind, das war zu erwarten.

Auf der anderen Seiten müssen wir auch sehen: Die Gewalt gegen Einsatzkräfte, auch gegen Rettungsdienste, hat schon zugenommen. All das ist nicht so gut dokumentiert, wie wir es gerne hätten. Das heißt: Die Gewalt gegen Polizei und Einsatzkräfte hat da, wo sie dokumentiert wird, auch zugenommen. Die Aggressionsbereitschaft ist gestiegen.

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Karkowsky: Wo kommt das her? Nach all dem, was man weiß, mag es vielleicht Einzelfälle von Rassismus auch in der Polizei geben, aber es ist ja überhaupt gar kein Vergleich zu den Verhältnissen in den USA. Also warum wird hier diese Parallele gezogen?

Zick: Man muss jetzt genau hingucken. Bei dieser Eskalation spielt erst mal der Prozess eine Rolle. Also was für ein Prozess hat da stattgefunden? Da gab es eine Vorgeschichte. Es wird ja immer deutlicher: Da am Platz waren auch junge Leute, die schon vorher auffielen mit Aggressionsbereitschaft. Und das ist ein Risikofaktor, wenn dann Auseinandersetzungen eskalieren.

Dann muss man sehen, es gab große Ansammlungen in Stuttgart, die jungen Menschen haben eine Gruppe gebildet, spontan, obwohl die ja äußerst unterschiedlich waren. Ganz verschiedene Gruppen, die sich vielleicht zum Teil vorher überhaupt nicht gut leiden konnten. Die bilden auf einmal eine Gruppe.

In dem Moment, wo Polizei kontrolliert. Da ergibt sich eine Gelegenheit. Man kommt nicht in die Clubs rein, das ist ja auch so ein Milieu, wo sich diese Eskalation des Prozesses auch deswegen ergibt, weil man woanders nicht sein kann.

Und dann müssen wir eben halt immer gucken: Dieser Prozess zwischen der Gruppe, der Konflikt mit der Polizei, der reguliert auf einmal die Situation. Und Prozesse innerhalb der Gruppe, die erleichtern diese Eskalation, das heißt, innerhalb der Gruppe entsteht auf einmal eine Solidarität, die sonst überhaupt nicht da ist.

Das heißt, in diesem Moment spielen besondere Aspekte eine Rolle. Und Stuttgart, das ist nicht ein unspezifischer Ort, sondern da gab es eben vorher schon im Vorfeld eine Geschichte, die das erleichtert hat. Das sagt ja auch die Polizei.

"Form der Gewalt, die nicht ideologisch ist"

Karkowsky: Ich habe mal versucht, die Handykameras zu zählen, die da in die Luft gehalten worden sind.

Zick: Ja.

Karkowsky: Auf manchen Bildern waren es 30 bis 40 mindestens, die einfach draufhalten, wie Gewalttäter Polizeiwagen demolieren. Was für eine Rolle spielt das?

Zick: Es spielt eine große Rolle. Das haben wir schon bei der Kölner Silvesternacht gesehen, wo wir diese Gewaltexzesse in Deutschland zum ersten Mal in so einem Ausmaß diskutiert haben.

Wir müssen sehen, das sind auf der einen Seite die Akteure, und auf der anderen Seite haben wir wahrscheinlich wieder am Ende – es wird ja noch ermittelt – mehrere hundert Stunden Videomaterial. Es gibt hier insofern eine andere Form der Gewalt, die eben nicht ideologisch ist, die kein besonderes Motiv hat, sondern die Gewalt wird inszeniert.

Da kommt ja auch dazu, dass die Gewalt gegen die Polizei dann kippt in eine Plünderung von Geschäften, auch das ist alles aufgenommen worden. Das heißt, man versucht sich hier zu bereichern, man nimmt die Gelegenheit wahr. Und diese Interaktion zwischen denen, die drumherum stehen, die alles abfilmen und die Inszenierung der Gewalt …

Wir sehen ja auch bei einigen Äußerungen in den Videos: Lust an der Gewalt spielt eine Rolle. Und da muss man fragen: Welche Faktoren legitimieren eigentlich die Täter, die dann ungebremst Gewalt ausüben? Wir müssen genau hingucken. Es kann sein, dass Drogen natürlich eine Rolle spielen heute. Das wird unterschätzt, das Ausmaß, in dem wir auch aggressionssteigernde Drogen haben.

"Stereotype Bilder, die nicht bearbeitet sind"

Karkowsky: Nun wird vereinzelt auch versucht, Stuttgart politisch zu instrumentalisieren, das ist immer so nach solchen Events. Als geistige Brandstifter genannt wurden SPD-Chefin Esken mit ihrem Rassismus-Verdacht gegen die Polizei und sogar die umstrittene taz-Kolumne, die Polizisten einen neuen Job als Müllwerker empfohlen hat. Auch in ihr sieht Horst Seehofer offenbar eine geistige Brandstifterin. Glauben Sie, die Jungs, die da randalierten, lesen alle die taz?

Zick: Nein, natürlich lesen die nicht die taz, wenn man die befragt, sondern die gucken ins Internet, die chatten, Social Media war enorm aktiv. Das heißt: Aus der Gewalt heraus wird sofort berichtet. Aber das Feindbild Polizei spielt schon eine Rolle.

Ich glaube, wir müssen uns nicht so sehr darüber unterhalten, was ist das politische Motiv gegenüber der Polizei, sondern über Stereotype und Vorurteilsmuster auf allen Seiten. Welches Stereotyp hat eigentlich in der Situation die Gewalteskalation reguliert?

Wir haben so eine Eskalation nur dann, wenn diese großen heterogenen Gruppen auf einmal eine gemeinsame Identität bilden können - gegen ein Feindbild von Polizei. Und woher kommt dieses sehr vereinfachende, sehr polarisierte Feindbild, dieses Stereotyp von Polizei?

Das ist in vielen Fällen so gewesen, Wir reden seit einigen Jahren über diese Wahrnehmungsmuster, die ja wie ein Filter sind in so einer Situation. Man greift ja nicht irgendeine Polizistin, einen Polizisten an, sondern "die" Polizei. Da gibt es stereotype Bilder, die nicht bearbeitet sind, vorurteilige Bilder. Und natürlich muss da Sensibilität rein, weil das jetzt in eine Zeit fällt, in der immer deutlicher wird, dass eben auch Polizei Gewalt und Aggression ausüben kann.

Aber jetzt da hineinzufallen in eine neue Konfliktkonstellation - ist man für oder gegen die Polizei - das ist auch Quatsch. Wir haben selbst viel mit der Polizei gearbeitet nach der Kölner Silvesternacht, und versucht, durch eine gute Prävention auch solche gegenseitigen Stereotype zu bearbeiten. Die Vorurteilsmuster gegenüber den jungen Menschen sind ebenso falsch und nicht präventiv wirkend wie einfache Bilder über die Polizei.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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