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Sein und Streit | Beitrag vom 23.06.2019

Sozialphilosophin Rahel JaeggiWarum wir Kritische Theorie heute brauchen

Moderation: René Aguigah

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Die Philosophin Rahel Jaeggi, vor einer dunklen Hauswand, lächelt in die Kamera. (Sibylle Baier)
Die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi knüpft in ihrem Denken eng an die Kritische Theorie an - und entwickelt sie weiter. (Sibylle Baier)

Was hat uns die Kritische Theorie heute noch zu sagen? Die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi meint: jede Menge. Denn sie kann uns helfen, die Krise der Demokratie und die Gefahren einer am Markt orientierten Gesellschaft besser zu verstehen.

In der vergangenen Woche hatten gleich zwei Schwergewichte des kritischen Denkens öffentlichkeitswirksame Auftritte: Jürgen Habermas hielt anlässlich seines 90. Geburtstages ein Plädoyer gegen nationale Egoismen. Und Charles Taylor dachte am Berliner Walter-Benjamin-Chair in drei Vorträgen über die Krisen der Demokratie nach. Im Gespräch mit der Berliner Philosophin Rahel Jaeggi, die den Taylor-Vortrag ausgerichtet hat und sich ebenso wie Habermas in der Kritischen Theorie verortet, haben wir über die Aktualität dieser traditionsreichen Denkschule gesprochen.

Jaeggi selbst forscht seit langem an der Berliner Humboldt-Universität zu sozialphilosophischen Fragen und insbesondere zur Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie. Am Denken Charles Taylors schätzt sie vor allem, dass dieser "wichtige Brücken" zwischen der kontinentalen und der angloamerikanischen analytischen Philosophie gebaut habe, indem er sich mit Hegel beschäftigt hat: Dieser war auf der anderen Seite des Atlantiks lange Zeit als allzu spekulativ und unverständlich verschrien, Taylor aber habe es geschafft, aus einer analytischen Haltung heraus an die großen Themen Hegels anzuschließen, indem er etwa über die "widersprüchlichen Wurzeln der Moderne" nachgedacht hat.

Der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor am 02.06.2015 in Köln auf der 3. phil.COLOGNE, das internationale Festival der Philosophie. (dpa / Horst Galuschka)Der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor (dpa / Horst Galuschka)

Dieser Hintergrund zeigt sich auch in seinem Nachdenken über die Krisen der Demokratie:

"Taylors Perspektive geht sehr darauf aus, die möglichen Degenerationserscheinungen als ein schon in der Vorstellung und Wirklichkeit der Demokratie angelegtes Spannungsverhältnis zu beschreiben."

Darf Wohnen Ware sein?

Unter anderem denkt Taylor dabei über das schwierige Verhältnis von Marktwirtschaft und Demokratie nach – ein Thema, das auch im Denken von Habermas eine zentrale Rolle einnimmt und ihn zu der Diagnose führt, dass demokratische Kommunikationsformen "durch Marktimperative und eine bestimmte Form der Warenförmigkeit bedroht sind", so Jaeggi. Dessen große Leistung sieht Jaeggi vor allem darin, gesellschaftliche Zustände nicht nur normativ zu kritisieren, sondern kritische Perspektiven aus einer Analyse der Funktionsbedingungen von Gesellschaft überhaupt zu entwickeln. Als Beispiel nennt Jaeggi das aktuelle Mietenproblem:  

"Darf Wohnen Ware sein? Was passiert mit unseren Städten, mit unserem Zusammenleben, wenn eine der materiellen Grundbedingungen für das Zusammenleben, nämlich das Wohnen droht, in einem immer wahnwitziger werdenden Wohnungsmarkt zugrunde zu gehen? Verhältnisse der Nachbarschaft, des Zusammenlebens, die Möglichkeit öffentlicher Räume – verschiedene Dinge, die Gesellschaften brauchen, um zusammenleben zu können – drohen durch die Imperative, die hier wirksam werden, auszutrocknen."

Jaeggi selbst hat in ihren Büchern unter anderem darüber nachgedacht, auf welcher Grundlage sich bestimmte "Lebensformen" kritisieren lassen. Als solche sieht sie auch den Kapitalismus, insofern dieser "unsere Lebensweise im Ganzen prägt" und "die Selbstverhältnisse und die Weltverhältnisse der Menschen grundlegend transformiert". Allerdings weist sie auch darauf hin, dass der Kapitalismus "Dinge ermöglicht, ohne die die Menschen eigentlich nicht mehr leben wollen". Ebendies sei der Grund dafür, "warum die Leute an Verhältnisse, von denen sie zum Teil wissen, dass sie ihre eigenen Interessen nicht befördern und dass sie das eigene Leben schlecht und nicht gut machen, trotzdem gebunden sind".

Gibt es gesellschaftlichen Fortschritt?

Angesichts der modernen Widersprüche, die die Kritische Theorie aufzeigen hilft – und vor dem Hintergrund der düsteren Aussichten, die gerade weltweit zu beobachten sind – kann man geneigt sein, die Kategorie des Fortschritts selbst in Frage zu stellen. Jaeggi hingegen hält – trotz aller "Rückschritte, Ambivalenzen und Paradoxien" – die Idee des Fortschritts für unabdingbar, um Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zu üben:

"Wir können nicht sagen, warum das, was wir gerade erleben, falsch ist, ohne den Begriff des Fortschritts – und eine Vorstellung davon, dass Gesellschaften krisenhafte, dynamische Entwicklungen durchlaufen, und dass diese Entwicklung fortschrittlich oder regressiv sein kann."

Ebendiesem Problem wird auch Jaeggis nächstes Buch gewidmet sein, das im kommenden Herbst unter dem Titel "Fortschritt und Regression" erscheinen wird.

Rahel Jaeggi: "Kritik von Lebensformen"
Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2013
451 Seiten, 20 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

Wochenkommentar zu Deepfaks: Trau deinen Augen nicht!
In einem viralen Clip schwadroniert Facebook-Chef Mark Zuckerberg vermeintlich über seine Weltherrschaft. Ein perfekt manipuliertes Video, das auf die Gefahren der "Deepfakes" aufmerksam macht. Was tun, wenn wir unserer Wahrnehmung nicht mehr glauben können? Antworten sucht Catherine Newmark im philosophischen Wochenkommentar.

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