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Weltzeit | Beitrag vom 01.07.2021

Sozialismus in PeruHoffnung der Armen, Schreck der Eliten

Von Anne Herrberg, Ivo Marusczyk, Hildegard Willer

Ein Mann in dunkler Jacke steht mit emporgereckten Armen jubelnd auf einem Balkon. In der einen Hand hält er ein Mikrofon, in der anderen einen hellen Sombrero. (imago images / Agencia EFE / Stringer)
Der sozialistische Wahlsieger Pedro Castillo steht für Umverteilung - gesellschaftspolitisch vertritt er eher konservative Werte. (imago images / Agencia EFE / Stringer)

Anfang Juni gewann der bis dahin unbekannte sozialistische Dorfschullehrer Pedro Castillo knapp die Präsidentschaftswahl in Peru. Seitdem steht das Land Kopf, weil seine Gegner Castillos Ernennung mit allen Mitteln zu verhindern versuchen.

Im Herzen von Perus Hauptstadt Lima campieren seit Wochen Bauern aus allen Teilen des Landes und protestieren: 

"Wir haben uns auf eigene Faust auf die Reise gemacht, der eine hat eine Ente verkauft, der andere ein Huhn, um hierherzukommen und unserem Anführer zum Sieg zu verhelfen", erzählt einer. "Man macht sich offenbar lustig über unsere Stimmen, über die Stimmen der Landbevölkerung. In Wirklichkeit sind wir die Mehrheit!"

"Sie bemühen wirklich alle juristischen Tricks"

Die Protestierenden stehen hinter Pedro Castillo, einem politisch unerfahrenen Dorfschullehrer, der zu aller Überraschung als Kandidat einer marxistisch-leninistischen Partei die Wahlen am 6. Juni gewonnen hat. Allerdings ganz knapp. Er müsste eigentlich längst zum Präsidenten ernannt worden sein, aber seine Konkurrentin, die rechtskonservative Keiko Fujimori, versucht mit allen Mitteln und mit großer Unterstützung der "Eliten" des Landes, dies zu verhindern. Ihr Vorbild scheint dabei Donald Trump zu sein:

"Sie bemüht wirklich alle juristischen Tricks. Sie wollte die Wahlen sogar annullieren lassen und klagt nun bereits in der Revision Wahlbetrug an. Die erste Untersuchung hat keine Unregelmäßigkeiten gezeigt. Das heißt vor allem konkret, dass die Wahlbehörden jetzt mit diesen Klagen beschäftigt sind", sagt Hildegard Willer, Journalistin und Autorin, die schon seit über 20 Jahren in Peru lebt. "Das ist alles Hinhaltetaktik. Denn solange diese Anfechtungen nicht geklärt sind, kann die Wahlbehörde Pedro Castillo nicht offiziell zum Sieger ausrufen." 

Auch die internationalen Wahlbeobachter konnten keine Wahlfälschungen bestätigen. Dennoch schart Keiko Fujimori zahlreiche Anhänger um sich, auch wenn die zum großen Teil nicht hinter ihr als Person stehen – sie ist der Korruption verdächtigt und saß sogar bereits in Untersuchungshaft –, sondern Angst vor dem Kommunismus haben. Diese Angst wird mit dem Hinweis auf die Situation in Venezuela und Kuba geschürt. 

Pedro Castillo, ein dunkelhaariger Mann mit weißem Sombrero, spricht in ein Mikrofon. (imago images / ZUMA Wire / Carlos Garcia Granthon)Vom Dorfschullehrer zum Präsidenten: Pedro Castillo wurde vor allem von der armen Landbevölkerung gewählt. (imago images / ZUMA Wire / Carlos Garcia Granthon)

Pedro Castillo war bis zur Wahl praktisch unbekannt. Er kommt aus dem Hochland Perus, wo sich Reporterinnen und Reporter inzwischen versuchen, ein Bild von dem Mann zu machen. Das Zuhause der zukünftigen Präsidentenfamilie ist außergewöhnlich.

"Hier bauen wir unseren Mais an", sagt Lilia Paredes, "dort Kartoffeln, Bohnen und Erbsen". Hühner gackern, im Hintergrund grasen ein paar Kühe. Das bescheidene Farmhaus mit Blechdach liegt auf einem Hügel, etwas abseits des Weilers Chugur, eingebettet in die grüne Berglandschaft der peruanischen Anden. Über ihren Mann Pedro Castillo sagt Lilia Paredes: 
"Ich bin sehr bewegt, denn wer hätte gedacht, dass einer von uns hier aus der Provinz so hoch hinauskommen kann. Er ist ein sehr intelligenter Mann und dazu sehr bescheiden."

Pedro Castillo tritt stets im traditionellen Strohsombrero auf, trägt Wollponcho und Sandalen aus alten Autoreifen. Der 51-Jährige stammt aus armen Verhältnissen, ist in einer elfköpfigen Familie in Cajamarca aufgewachsen, wo vor 500 Jahren Atahualpa, der letzte Inkaherrscher, von Eroberer Pizarro hingerichtet wurde und das spanische Kolonialreich seinen Ausgang nahm. Heute beheimatet Cajamarca die größten Goldmine Südamerikas und gehört trotzdem zu den ärmsten Regionen des Landes, mit einer Analphabetenrate von 14 Prozent.

"Einer, der sich nie hat kaufen lassen"

"Dass Herr Castillo heute dort ist, wo er ist, ist Folge der Vernachlässigung des Staates unserer Regionen. Pedro kennt das Leiden hier, er weiß, wie es ist, drei, vier Stunden zur nächsten Schule laufen zu müssen", sagt Miguel Mendoza, ein einstiger Mitschüler Castillos. Der wurde später selbst Lehrer an Schulen im armen Bergland – und dazu "Rondero". So heißen die Bauern-Selbstverteidigungsgruppen der Andenregion. Gegründet zuerst gegen Viehdiebe, verteidigten sie die Landbevölkerung später gegen den Terror der maoistischen Guerilla Leuchtender Pfad.

"Und es bekümmert mich, wenn man Herrn Castillo als Terrorist bezeichnet, als einer vom Leuchtenden Pfad, wo er doch immer einer war, der die Gewalt bekämpft hat, der für Ordnung gesorgt hat, der sich nie hat kaufen lassen. Deswegen glauben wir, dass er derjenige ist, der dieses Land voranbringen kann, das so viel Reichtum besitzt und gleichzeitig so viel Armut."

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Über Jahre hinweg boomte Peru dank seines Rohstoffreichtums. Auch die Armut sank, nicht aber die Ungleichheit und die Vetternwirtschaft, das Gros der politischen Elite ist in Korruptionsskandale verwickelt.

Pedro Castillo nicht. Das ist der wesentliche Grund für seine Popularität, meint Hildegard Willer aus Lima.

"Pedro Castillo wurde vor allem von den Menschen in den Anden gewählt. In einigen Regionen hat der bis zu 90 Prozent der Stimmen gewonnen. Und was vielleicht erstaunlich ist im ersten Moment, ist, dass er vor allem auch in den Regionen, wo eigentlich der Reichtum Perus geschaffen wird, gewonnen hat, in den Bergbauregionen. Das ist ein sehr starkes Zeichen, dass von diesem Reichtum nichts bei den Leuten vor Ort angekommen ist. Die Menschen sehen die Umweltverschmutzung, die sehen die Risiken. Die Baulöcher auf ihrem Land. Die Bauern haben weniger Wasser oder schlechtes Wasser, und sie sehen vor allem, dass die öffentlichen Dienstleistungen auf dem Land überhaupt nicht besser werden."

Wirtschaftspolitisch links, gesellschaftspolitisch konservativ

Die extreme Spaltung, die sich derzeit in Peru zeigt, hat sich durch die Pandemie noch verschärft. Peru-Expertin Hildegard Willer vermutet sogar, dass Pedro Castillo ohne die Pandemie gar nicht gewonnen hätte.

"Die Erfahrung, dass man ganz auf sich allein gestellt ist, wenn man krank wird, dass man von staatlichen Krankenhäusern abgewiesen wird, dass man Tage und Nächte lang um Sauerstoff anstehen muss und sich wahrscheinlich noch verschulden muss, um überhaupt welchen kaufen zu können. Dass man, wenn man in eine Privatklinik kommt, horrende Rechnungen bekommt oder das Geld vorher bezahlen muss. Dass die Leute zu Hause sterben, dass sie zum Teil dann in Gräbern verscharrt werden, dass man die toten Angehörigen nicht mehr sehen kann. All das hat sich zutiefst ins kollektive Gedächtnis der peruanischen Gesellschaft eingegraben."

Dauerthema ist auch die grassierende Korruption in Peru. Sie hat innerhalb von fünf Jahren bereits vier Präsidenten verschlissen.

"Der brasilianischen Baukonzern Odebrecht hat hier praktisch alle Präsidenten und ganz viele hohe Funktionäre bestochen. Man muss sich das vorstellen: Alle Präsidenten seit 1985 sind oder waren im Gefängnis wegen Korruption, einer hat sich sogar erschossen. Die Korruption ermüdet die Leute, sie sind erzürnt. Sie glauben nicht mehr an das System. Und es gibt diesen großen, großen Wunsch hier in Peru nach einem Wechsel. Nach jemandem, der von außen kommt, nicht beschädigt ist und alles neu angehen kann," erklärt die Journalistin Hildegard Willer.

Ob Pedro Castillo dafür der Richtige ist, muss sich erst noch erweisen. Der Linke steht zwar für die Umverteilung des Reichtums, er vertritt aber gesellschaftlich äußerst konservative und autoritäre Ansichten, zum Beispiel wenn es um Abtreibung oder Homo-Ehe geht.

Porträt der peruanischen Präsidenschaftskandidatin Keiko Fujimori, eine Frau mit glatten dunklen Haaren in weißer Bluse und dunklem Blazer (imago images / Agencia EFE /JOHN REYES)Keiko Fujimori ist die Tochter des früheren Präsidenten Alberto Fujimori, der im Gefängnis sitzt. (imago images / Agencia EFE /JOHN REYES)

Seine Rivalin Keiko Fujimori geht aufs Ganze und tritt inzwischen sogar als Predigerin auf. Aber ihre Geschichte ist keineswegs so rein wie ihre Gebete.

Sie ist die Tochter des Autokraten Alberto Fujimori, der Peru in den 90er-Jahren zeitweise diktatorisch regierte. Sie dürfte tief im Odebrecht-Korruptionssumpf stecken, dem großen Schmiergeld-Skandal Lateinamerikas. Ihr Vater regierte zunächst demokratisch, entmachtete dann das Parlament und griff mit äußerster Brutalität gegen die maoistische Guerillaorganisation Leuchtender Pfad durch. Fujimori schickte Todesschwadronen ins Land, die tausende Zivilisten töteten, er wurde wegen Menschenrechtsvergehen verurteilt. Außerdem hat er dafür gesorgt, dass Zehntausende indigene Frauen gegen ihren Willen sterilisiert wurden.

Seine Tochter Keiko war damals schon nahe an der Macht, sie nahm nach der Scheidung ihrer Eltern die Rolle der First Lady an der Seite ihres Vaters ein. Die Verstrickung in den Odebrecht-Schmiergeldskandal hat sie immer von sich gewiesen. Sie habe nie Geld von Odebrecht oder dessen Firma angenommen, sie sei völlig unschuldig und habe ein reines Gewissen, wiederholte die 46-Jährige erst vor wenigen Tagen in einer Anhörung.

Castillos Gegner haben Macht und Geld

Nach der Wahl wäre sie fast wieder im Gefängnis gelandet, der oberste Korruptionsermittler des Landes versuchte vergeblich, einen neuen Haftbefehl zu erwirken. Die Vorwürfe gegen sie sind aber so konkret, dass sie schon 16 Monate in Untersuchungshaft saß und selbst im Wahlkampf die Hauptstadt nur mit einer Sondererlaubnis der Ermittlungsbehörden verlassen durfte.

Vor diesem Hintergrund wirkt es reichlich seltsam, wenn ausgerechnet Keiko Fujimori im Wahlkampf versprach, mit einer ganzen Serie neuer Maßnahmen gegen Korruption vorzugehen.  Doch ihr wichtigstes Argument ist und bleibt, man müsse ein Linksregime wie in Venezuela verhindern - gemeint ist natürlich ihr Gegner Pedro Castillo.

"Wollt ihr den Kommunismus? Wollt ihr ein Peru nach dem Modell von Maduro und Chavez? Ein Land, in dem Gewalt herrscht und in dem freie Meinungsäußerung verfolgt wird?" Solche rethorischen Fragen stellt bei ihren öffentlichen Auftritten und fügt siegessicher hinzu:
"Wir werden nicht aufgeben, wir werden uns nicht geschlagen geben!"

Die staatliche Wahlbehörde ist zwar momentan durch die zahlreichen Anfechtungen gelähmt, aber es kann nicht mehr lange dauern, dann wird vermutlich der Dorfschullehrer und Bauernsohn, Pedro Castillo, zum Präsidenten gekürt. Was dann folgt, wird spannend. Denn die Gegner mögen vielleicht in der Minderheit sein, aber Macht und Geld sind auf ihrer Seite.

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