Soziales

Der Staat zahlt nicht

Von Julia Macher  · 08.01.2014
Das spanische Pflegegesetz war ein Prestige-Projekt der Regierung Zapatero. Seit der Wirtschaftskrise ist nicht mehr viel von ihm übrig geblieben. Überall warten Familien auf Pflegegelder, die ihnen zustehen. Im vergangenen Jahr wurden die Ausgaben für die 1,5 Millionen Pflegebedürftigen um ein Drittel gekürzt. Und das mitten in der Krise, wo das Geld ohnehin knapp ist.
„Xavi, weisst du, was du zu tun hast?", fragt der Probenleiter. Xavi, 21 Jahre alt, große braune Augen hinter dicker Brille, nickt. Er schnappt sich einen Schemel, stapft zur Mitte des Raums und beginnt mit ausladenden Gesten einen imaginären Tisch zu decken. Ihm folgen ein Dutzend anderer Kellner: Die jungen Männer und Frauen hängen unsichtbare Girlanden auf, stoßen kichernd mit nicht vorhandenen Champagnergläsern an. Manche der Schauspieler haben das Downsyndrom, bei Xavi ist die Behinderung schwerer zu erkennen. Er ist Autist und hyperaktiv. Gerade reisst er in stummem Jubel die Arme nach oben.
"Das Theater ist sehr wichtig für Xavi, weil es eine Möglichkeit ist, aus sich herauszukommen - Trauer, Wut zu zeigen, das, was er sonst nicht macht",
sagt Mari-Carmen Casanellas, Xavis Mutter, die gemeinsam mit anderen Eltern draußen vor der Tür wartet. Dass die Gruppe gerade ausgerechnet die Festtags-Szene von „Romeo und Julia" probt, wirkt wie ein unfreiwillig ironischer Kommentar auf die sozialpolitische Lage. Denn nach Feiern ist den wenigsten zumute.
"Todo privado ..."
Alles müssen wir uns inzwischen privat organisieren, klagt die zurückhaltend elegant gekleidete Mittfünfzigerin: Überall wird gekürzt. Die monatlich 90 Euro für das von einer privaten Elterninitiative organisierte Theater spart sie sich vom Haushaltsgeld ab.
Eigentlich stehen ihrem autistischen Sohn laut Pflegegesetz monatlich 416,91 Euro zu, doch bisher hat die Familie nur eine einzige Zahlung erhalten - innerhalb von vier Jahren.

Im Wohnzimmer der Casanellas. Xavi hat sich zum Computerspielen in sein Zimmer zurückgezogen; Carles, der Vater, ein schlanker Mittfünfziger mit grauem Schnauzbart, holt einen dicken Ordner aus dem Regal.
Auf 13.875 Euro belaufen sich die Schulden der Verwaltung inzwischen. Geld, das die Familie dringend braucht: Ein behindertes Kind kostet. Psychologen, Arztbesuche, Förderunterricht - rund 19 000 Euro pro Jahr gibt eine Familie dafür durchschnittlich aus, hat Mari-Carmen in einer Studie gelesen. Dazu kommen die versteckten Kosten: Um ihren Sohn, eingestuft in die höchste Pflegegruppe, besser betreuen zu können, hat die ausgebildete Krankenschwester ihren Beruf aufgegeben. Dafür bekommt sie zwar monatlich 300 Euro Aufwandsentschädigung - doch wie lange noch, ist offen. Dazu kommt der Kampf mit den Ämtern um die ausstehende Unterstützung für Xavi.
"Ich rufe an, dann sagt die eine, das wird über acht Jahre gezahlt, eine andere sagt, man könne noch überhaupt nichts sagen, jedes Mal höre ich etwas anderes. Sie wissen selber nicht, was Sache ist."
Pflegefälle pauschal zurückgestuft
Mari-Carmen senkt den Blick, das Thema ist ihr unangehm. Sie will nicht geldgierig wirken, schließlich sind andere Familien noch schlechter dran. Ihr Mann hat trotz Krise als selbstständiger Architekt sein Auskommen, der Kühlschrank ist voll, das Wohnzimmer geheizt, in den Regalen stehen Reisesouvenirs. Ihr geht es nicht um Extras wie das Elektrorad, das sich ihr Sohn so sehnlichst wünscht, sondern um seine Zukunft:
"Es ist einfach sein Geld, sein Geld für die Zukunft - und deswegen ärgert mich das so. Wir hätten das Geld auf die Bank legen können und bräuchten uns keine Gedanken mehr machen. Xavi hat einen älteren Bruder, aber wir können nicht erwarten, dass der sich um ihn kümmert, wenn es uns einmal nicht mehr gibt. Das Gesetz muss Xavi schützen, das ist doch ein Gebot der Vernunft."
Fast alle Sozialgesetze der letzten Jahre sind schnell zusammengeschusterte Wahlgeschenke gewesen, meint Carles. Und jetzt, in der Krise, macht man ihnen nach Gutdünken der Garaus: Die Förderungen für Tagesbetreuungseinrichtungen wurden gestrichen, Pflegefälle pauschal zurückgestuft und Zentral- und Regionalregierung schieben die Verantwortlichkeiten dafür hin und her. Aber dagegen Protest zu organisieren, ist schwer.
"Viele in diesem Land verstehen solche Hilfen als Zugaben, nicht als ihr Recht, und das Protestieren sind hier viele nicht gewohnt. Leider."
Die Kosten der Sparorgie, so Carles, trägt am Ende doch die ganze Gesellschaft.
Das spürt auch Jordi Sanchis, Ausbilder an der Schule Lexia, an der Xavi gemeinsam mit 31 anderen schwer geistig Behinderten zum Assistenten für Sportlehrer ausgebildet wird - eine spanienweit einzigartige Initiative. Der agile Mittfünfziger steht am Spielfeldrand, überwacht wie Xavi und zehn andere zum Aufwärmen eine Runde Fangen spielen.
"Ich kenne Fälle, da mussten die Familien eben den Psychologen streichen oder die Bewegungstherapie, weil das Pflegegeld nicht kam - dabei sind solche außerschulischen Aktivitäten für die Entwicklung der Kinder extrem wichtig. Wenn da jemand zurückfällt, wirkt sich das auf die ganze Gruppe aus. Das ist einfach wahnsinnig traurig."
Wenn Integrationsprogramme scheitern, steigen doch letztlich die Kosten - für Ärzte und Psychologen, sagt Sanchis. Gemeinsam mit den Familien versucht die Schule so viel wie möglich abzufedern, auch wenn Überstunden schon längst nicht mehr bezahlt werden, zuletzt Subventionen und Sachmittel gestrichen wurden.
Dann klatscht Jordi Sanchis in die Hände. Ihr könnt jetzt die Bälle holen, aber seid vorsichtig, ruft er, die müssen noch eine Weile halten! Und setzt leise nach: Hoffentlich noch ziemlich lange.