Seit 23:05 Uhr Fazit

Mittwoch, 08.04.2020
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.04.2016

Sozialer UnfriedenVon undankbaren Ostdeutschen und gierigen Reichen

Von Sergej Lochthofen

Podcast abonnieren
Ein Obdachloser liegt am 24.01.2013 in Berlin am Bahnhof Zoo auf dem Boden (picture-alliance / dpa / Paul Zinken)
In Deutschland klafft die soziale Schere weit auseinander - vielleicht ist deshalb die Stimmung trotz guter Wirtschaftslage so schlecht. (picture-alliance / dpa / Paul Zinken)

Die Deutschen leiden unter kollektiver Depression, kritisiert der Journalist Sergej Lochthofen, obwohl es ihnen wirtschaftlich gut gehe. Über künftige Herausforderungen wie Investitionen in die Bildung werde viel zu wenig diskutiert.

Es ist wieder einmal alles schlimm. Ganz schlimm.

Die Wirtschaft brummt. Die Renten legen zu. Die Reallöhne steigen. Der Mindestlohn sorgt dafür, dass sogar die unteren Einkommensschichten den Konsum befeuern.

Aber schaut man in die Gesichter der Menschen in einer beliebigen Einkaufspassage einer deutschen Stadt, wird einem nur Trübsinn begegnen. Selbst der Umstand, dass kaum noch Flüchtlinge ins Land kommen, kann nicht für Aufhellung sorgen.

Vom üblichen Leiden zur kollektiven Depression

Das übliche Leiden der Deutschen an sich selbst ist fließend in eine kollektive Depression übergegangen. Wer noch kein Burnout hatte, rechnet stündlich damit. Wie tief inzwischen der Verdruss sitzt, war deutlich an den Ergebnissen der Landtagswahlen abzulesen. Denn mit Vernunft lässt sich das, was dort passierte, kaum erhellen.

Gewiss, die in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz werden sich kurz schütteln und dann zusammenraufen. Aber glaubt in Sachsen-Anhalt wirklich jemand, dass mit den fast 25 Prozent für die AfD irgendetwas besser wird? So einfältig kann doch kein Hilfs- und schon gar kein Facharbeiter sein. Selbst in Bitterfeld nicht.

Die quälende Debatte darüber, dass man das "Schlusslicht von Deutschland" sei, hat eine nachdrückliche Bestätigung gefunden: Ja. Ja, kann man da nur sagen. Und mit dem Wahlergebnis habt ihr die besten Voraussetzungen dafür geschaffen, dass es so bleibt.

Übrigens: Ende 2019 läuft der Solidarpakt aus. Die Chancen, dass man dem Osten mit seiner ausgeprägten Affinität für Pegidas & Co. neue Unsummen in den Rachen wirft, sind deutlich gesunken.

Verhältnis der Ostdeutschen zur Realität ist gestört

Zu viele in den neuen Ländern haben ein gestörtes Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit. In Dresden und Erfurt - wo man besonders gern durch die Straßen zieht - leben nicht die Benachteiligten und Entrechteten dieser Welt. In beiden Städten ist die Arbeitslosigkeit deutlich geringer als in den meisten Ruhr-Metropolen. Also, Abstiegsängste können es nicht sein, die zu dieser Radikalisierung beitragen.

Sicher, die Frage der Zuwanderung bleibt ein wichtiges Thema, vor allem die Überlegung, wie könnte man eine überalterte Gesellschaft etwas auffrischen? Doch dazu war im Wahlkampf nichts zu hören.

Dabei gibt es in der Tat - trotz der guten Verfassung, in der sich das Land derzeit befindet, ein kurzer Blick in die Welt dürfte zur Erhellung beitragen - Grund zur Sorge. Die Gier der Reichen in Deutschland hat das erträgliche Maß überschritten. Der Abstand zwischen unten und oben wächst.

Das ist unklug. Das ist ungesund. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Die Generation der Väter und Großväter des Wirtschaftswunders wusste noch, dem Unternehmen und dem Unternehmer geht es nur dann gut, wenn es auch den Beschäftigten gut geht. Dieses Wissen scheint in den letzten zwei Jahrzehnten verloren gegangen zu sein.

Steuern und Bildung wären eigentliche Herausforderung

In fast keinem anderen entwickelten Land müssen die Besitzenden so wenig Steuern auf ihr Vermögen zahlen wie in Deutschland. Das ist der sozialen Marktwirtschaft abträglich.

Inzwischen klagt man über fehlende Fachkräfte und leistet sich zugleich ein Heer von prekär Beschäftigten. Viele junge Leute hangeln sich von einem Praktikum zum anderen, von einer befristeten Anstellung zur nächsten und haben längst die Hoffnung aufgegeben, je einen festen Job zu bekommen.

Seit Jahren wird viel darüber geredet, dass Bildung das einzig verlässliche Kapital der Zukunft sei. Doch die notwendigen Milliarden fließen nicht in Hochschulen und die Einstellung von Lehrern, sondern in ein marodes Bankensystem, in dem die Zocker den Ton angeben.

Das ist die eigentliche Herausforderung, vor der dieses Land steht.

Wenn man zu Verschwörungs-Theorien neigen würde, könnte man sagen: Das Auftauchen der AfD und die Flüchtlings-Hysterie sind Teil einer Inszenierung, um davon abzulenken. Aber so bedeutend sind die Petrys und Höckes nun auch wieder nicht.

Der Schriftsteller und Journalist Sergej Lochthofen; Aufnahme vom Oktober 2014 (picture alliance / dpa-Zentralbild)Der Schriftsteller und Journalist Sergej Lochthofen; Aufnahme vom Oktober 2014 (picture alliance / dpa-Zentralbild)Sergej Lochthofen ist Journalist. Geboren 1953 in Workuta (Russland), kam er als Fünfjähriger mit den Eltern in die DDR, wo er eine russische Schule besuchte. Er studierte Kunst auf der Krim und Journalistik in Leipzig. Von 1990 bis Ende 2009 verantwortete er die Zeitung "Thüringer Allgemeine". Das Medium-Magazin wählte ihn zum regionalen "Chefredakteur des Jahres". Fernsehzuschauer kennen ihn als Stimme des Ostens im ARD-Presseclub oder in der Phoenix-Runde.

Mehr zum Thema

Marcel Fratzscher: "Verteilungskampf" - Ungleichheit mit Bildung ausgleichen
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 02.04.2016)

Was heißt Armut in Deutschland? - "Wer ein Auto besitzt, kann nicht arm sein"
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 15.03.2016)

Marcel Fratzscher (DIW): - "Chancengleichheit ist in Deutschland sehr gering"
(Deutschlandfunk, Interview, 12.03.2016)

Vermögensverteilung - "Keinen Verteilungskampf zwischen Deutschen und Flüchtlingen hochstilisieren"
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 01.03.2016)

Ungleichheit - Stoppen des Umverteilungsreflexes
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 29.02.2016)

Politologe Ulrich Hemel: - "Die extreme Ungleichheit schafft sozialen Stress"
(Deutschlandfunk, Interview, 14.02.2016)

Soziale Ungleichheit - Wie können wir die Kluft zwischen Arm und Reich überwinden?
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 30.01.2016)

Gesellschaft - Ungleich heißt nicht ungerecht
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 08.01.2016)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

Pandemie und StaatlichkeitWie viel Staat wollen wir?
Eine Person sitzt mit einer Europaflagge hinter Mauern. (Illustration) (imago images/viennaslide)

Die Coronapandemie erschüttert Gesundheitssysteme und Staaten selbst. Doch welche Form der Staatlichkeit kann die Herausforderung am besten bewältigen, fragt sich der Jurist Matthias Buth. Brauchen wir mehr Abschottung oder Kooperation?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur