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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 07.04.2020

Sozialarbeiter über Obdachlose und CoronaWer auf der Straße lebt, ist doppelt gefährdet

Von Nadine Wojcik

Porträt von Andreas Klein (Clara Wollenweber)
Andreas Klein ist Sozialarbeiter in Berlin und leitet eine Notunterkunft für Menschen auf der Straße. Sie musste wegen der Coronakrise schließen. (Clara Wollenweber)

Den ganzen Tag in der Wohnung - manchen fällt da die Decke auf den Kopf. Andere hingegen wünschen sich nichts sehnlicher als einen sicheren Ort. Notunterkünfte für Obdachlose bieten Hilfe. Doch in der Pandemie tragen auch sie besondere Risiken.

"Das ist eine einzige Risikogruppe", sagt Andreas Klein. "Wenn man sich so viel draußen aufhält - also, ich denke, das Immunsystem von vielen unserer Gäste wird nicht gerade das Beste sein. Die Hälfte ist sowieso immer leicht erkältet. Die kann es schwer treffen, wenn sie sich infizieren."

Klein ist Sozialarbeiter und koordiniert eine Kälteunterkunft in Berlin. Das Haus hält in den Wintermonaten 40 Übernachtungsplätze für Wohnungslose bereit, acht für Frauen und 32 für Männer. Unter den Gästen sind Senioren von 76 und von 90 Jahren.

Zuflucht auf engstem Raum

Etwa einen Monat früher als sonst hat die Unterkunft daher wegen des Coronavirus Anfang April ihre Türen geschlossen. 

Die neuen Hygienevorschriften seien in einer Sammelunterkunft mit Sechs-Bett-Zimmern gar nicht umzusetzen, sagt Klein: "Man kommt sich da auf jeden Fall nahe, auch wenn die Mitarbeitenden in der Küche sind, das ist ein kleiner Raum, man ist da zu dritt teilweise, es ist gefährlich."

Geeignete Schutzausstattung fehlte wochenlang. "Es war selbst für uns nicht möglich, Masken aufzutreiben", erzählt Andreas Klein. "Wir tragen Handschuhe, so viel es eben geht, Desinfektionsmittel ist schon lange aus."

Hohes Ansteckungsrisiko auf der Straße 

Als Kleins Unterkunft schloss, wurden zum Abschied noch Schlafsäcke und Isomatten an die Gäste ausgeteilt. Die sind nun wieder auf der Straße und suchen dort nach halbwegs sicheren Schlafplätzen. "Natürlich entstehen dann Personengruppen im Freien", sagt Andreas Klein. "Es gibt halt die berühmten Spots, und natürlich tummeln sich da Leute auch." Vor ein paar Tagen habe er beobachtet, wie die Polizei eine Gruppe von sechs Obdachlosen auflöste, die sich vor einem Supermarkt zusammengefunden hatte.

"Aber ja, gut - der eine konnte nicht wirklich laufen. Ich denke mal, die bleiben dann schon zusammen, was natürlich auch einen Infektionsherd darstellt."

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