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Kompressor | Beitrag vom 27.04.2020

Sowjetische RaumfahrtgrafikenKreuzung aus Propaganda und Science-Fiction

Björn Eichstädt im Gespräch mit Nana Brink

Eine Grafik aus dem Jahr 1974 von V. Kotlyar zeigt eine startende Rakete. (Phaidon/ The Moscow Design Museum)
Im Kalten Krieg illustrierten zahlreiche Grafiker die kosmischen Abenteuer der Sowjetunion, nun bietet ein Bildband interessante Einblicke in ihre Arbeiten. (Phaidon/ The Moscow Design Museum)

Nicht nur die US-Popkultur hat das Weltall bildhaft ausgeschmückt, auch die Sowjetunion ließ im Kalten Krieg utopisch-sehnsüchtige Blicke ins All werfen. Der Bildband "Soviet Space Graphics" zeigt uns, wie groß dort die Lust aufs Universum war.

Wir erinnern uns: Im Kalten Krieg war lange Zeit kaum etwas drängender als die Frage: Wer schafft es zuerst ins All, wer zuerst auf den Mond? Und im Oktober 1957 sah es mit dem Sputnik-Satelliten zum Entsetzen der USA noch so aus, als hätte die Sowjetuntion die Nase weit vorn in diesem "Rennen ins All".

Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hatte der Wettlauf die Fantasien angeregt. Einen Blick in den Ostblock wirft jetzt der Bildband "Soviet Space Graphics – Cosmic Visions from the USSR", gerade erschienen im Phaidon Verlag.

Grafik eines Astronouts, der seine Hand zum Gruß hebt. (Phaidon)Der Kult um Raumschiffe und Männer auf dem Mond lebt in den Grafiken weiter. (Phaidon)

Nana Brink: Der Technologie- und Science-Fiction-Experte Björn Eichstädt hat ihn sich für uns angesehen. "Soviet Space Graphics – Cosmic Visions from the USSR": Worum geht es da genau?

Björn Eichstädt: In dem Buch kann man Illustrationen sehen, die in mehreren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hinter dem Eisernen Vorhang erschienen. Das sage ich aus meiner Perspektive, denn ich bin in der Bundesrepublik aufgewachsen. Ich persönlich kenne diese Geschichte des "Space Race" eher aus der Sicht der USA und den Verarbeitungen zum Beispiel durch Hollywood. Ich persönlich bin mit "Appollo 11" aufgewachsen, mit Neil Armstrong und seinen Astronauten-Kollegen. Die russische Seite der Medaille, die kannte ich bisher noch nicht so sehr.

In meiner Kindheit in den 80er-Jahren hatte ich eine Briefmarkensammlung und da gab es dann auch Marken mit Sputnik, mit Juri Gagarin oder dem Weltraumhund Laika, aber vielmehr wusste ich nicht. "Soviet Space Graphics" liefert da für mich einen einmaligen neuen Blick in die Tiefen der Weltraumentwicklung der Sowjetunion – von den Anfängen in den 1920er-Jahren bis in die späten 80er-Jahre.

Ein positives Zukunftsbild 

Brink: Was sind die Quellen dieser Grafiken? Woher kommen sie?

Eichstädt: Das Buch ist herausgegeben vom Phaidon Verlag, aber in Zusammenarbeit mit dem Moskauer Design Museum entstanden. Das heißt, das ist aus Museumsbeständen. Die Grafiken und Illustrationen stammen vor allem aus populärwissenschaftlichen Magazinen.

Diese wurden veröffentlicht, um die sowjetische Öffentlichkeit, gerade auch die jungen Leute, hinter die Weltraumprogramme der Sowjets zu bringen. Manche Grafiken sind dabei sehr realistisch, zeigen tatsächlich aktuelle Projekte. Manche sind eher erklärend, in dem sie zum Beispiel zeigen, wie funktionieren bestimmte Raketensysteme. Andere zeigen ganz ferne Science-Fiction-Zukunft, Weltraumstationen, interplanetare Raumfahrt, Science-Fiction-Städte auf fernen Planeten. Sehr spannende Geschichten.

Doppelseitenansicht aus dem Buch "Soviet Space Graphics". (Phaidon/ Soviet Space Graphics)Die Grafiken muten futuristisch an und waren ein wichtiges Instrument zur Förderung der Staatsideologie. (Phaidon/ Soviet Space Graphics)

Brink: Sie haben es gerade schon gesagt, Sie und ich, die im Westen groß geworden sind, wir haben noch "Apollo" im Kopf. Wie unterscheiden sich denn diese Grafiken, sind die nicht auch propagandistisch - obwohl ich nicht verhehlen will, dass die Amerikaner auch dafür gesorgt haben, dass ihr Bild richtig dargestellt wurde. 

Eichstädt: Ich würde auch sagen, was die Amerikaner gemacht haben, war sicherlich nicht weniger propagandistisch. Aber wenn man sich das Klischee der Propagandaplakate der UdSSR vor Augen hält, wo der Arbeiter- und Bauernstaat propagiert und dieser kommunistisch-realistische Look gefeiert wird, dann ist das sicherlich die Richtung. Das Ganze ein bisschen vermischt mit Science-Fiction-Filmen aus dem 20. Jahrhundert - ein bisschen Metropolis oder 2001-Odyssee im Weltraum.

Wenn man das miteinander kreuzt, diese klassischen Propagandaplakate mit Science-Fiction-Motiven, dann sind wir schon relativ nah dran an dem, was in diesem Buch gezeigt wird. Das ist ästhetisch natürlich sehr spannend, weil man merkt, wie da Lust gemacht werden sollte auf die Zukunft der Raumfahrt. 

"New Space"-Ära weckt neues Interesse 

Brink: Warum soll ich mir das heute angucken und was macht das Buch für heute interessant? Ist es die besondere Aufarbeitung, Erklärung, die Zusammenstellung? 

Eichstädt: Es sind verschiedene Aspekte: Es ist einfach historisch interessant. Zum zweiten - und das ist wohl der Ansatzpunkt, warum solche Dinge jetzt wieder aufgearbeitet werden - befinden wir uns aktuell in einer ganz neuen Ära der Weltraumfahrt, der sogenannten New-Space-Ära, die gerade in den USA sehr stark gepusht wird.

Das geschieht mit Unternehmen wie Space X und Blue Origin, die jetzt wieder die Weltraumfahrt populär machen, die in die Richtung gucken, wie sieht das aus mit einer Reise zum Mars? Werden wir künftig doch viele tausend Satelliten im All haben, die uns Internet bringen? Ist interplanetare Raumfahrt vielleicht doch ein Thema für die Zukunft? Da passiert im Moment eine ganze Menge, da werden kühne Visionen verkündet.

Da kann man in diesem Buch erkennen: Viele dieser Ideen sind überhaupt nicht neu, vieles gab es vor 50 oder 60 Jahren als Idee auch schon, und hier sieht man sehr schön, wie es damals gelungen ist, Lust auf so etwas zu machen. Das ist etwas, das aktuell - gerade jetzt, wo die Zukunft eher etwas düster ist und wir auf die Krise nach der Krise warten, ein spannendes Thema ist.

Alexandra Sankova: Soviet Space Graphics - Cosmic Visions from the USSR
In Zusammenarbeit mit dem Moskauer Design Museum
Phaidon Verlag, London 2020
267 Illustrationen, 29,95 Euro 

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