Sound-Design für die urbane Steppe

Der Schweizer Komponist Nadir Vassena vor einer der Klangstelen in Hannover. © Klaus Fleige
Von Volkhard App · 16.05.2010
See-Elefanten aus der Antarktis oder Auszüge einer Rede von Berlusconi sind hier zu hören. 16 internationale Komponisten haben Klangstücke geschaffen, die auf dem "Platz der Weltausstellung" in Hannover zum Verweilen einladen.
Seltsame Klänge aus 16 Stelen, die weiträumig über einen Platz verteilt sind, der doch eher ein Unort ist – angesiedelt zwischen himmelhoher Bausünde zur einen und banaler Kaufhauslandschaft zur anderen Seite. "Platz der Weltausstellung” nennen Stadtväter diesen Ort, weil an der Stelle mal eine Uhr stand, die im Countdown die noch verbleibenden Monate und Tage bis zur EXPO 2000 anzeigte. Wenn nun ausgerechnet hier frische Klangkunstwerke von 16 internationalen Komponisten zu hören sind, könnte der Wunsch, diesen Platz aufzuwerten, das treibende Motiv sein. Attraktives Sound-Design also für die urbane Steppe? Stephan Meier, Musiker und künstlerischer Leiter des Projekts:

"Nicht im Geringsten. Wir wollen unser Leben und unsere Musik den Menschen präsentieren - auch an Orten außerhalb des Konzertsaals. Wir wollen uns mobil zeigen und auf die Bürger zugehen. Und das muss auch an einem Durchgangsort wie diesem ausprobiert werden."

Dass gerade im Herzen der Stadt ambitionierte zeitgenössische Musik vermittelt werden muss, glaubt auch Alexander Farenholtz, Vorstand und Verwaltungsdirektor der Bundeskulturstiftung, ohne deren Geld dieses Experiment nicht möglich gewesen wäre.

"Die Rückeroberung von Orten ist, glaube ich, eine der zentralen Aufgaben der Kultur. Ich kann bei urbanen Qualitäten immer weniger anfangen mit Bezeichnungen wie 'schön' oder 'hässlich'. Im Vordergrund steht die Frage: Wie viel von Stadt wird privatisiert und wie viel kann sich die Öffentlichkeit, kann sich die Kultur zurückerobern? Diesem Projekt kann es meinem Eindruck nach gelingen."

"Daily Experiences”: jeden Tag von 7.16 Uhr an werden die Kompositionen auf dem Platz zu hören sein - mal eine Minute und 40 Sekunden lang und mal eine knappe Stunde.

Ein vielstimmiges Werk von Brigitta Muntendorf - es ist offenbar genau auf diesen Ort zugeschnitten, es heißt "Die Leute":

"Weil es auch um die Leute geht, die hier auf dem Platz umherlaufen. Die sollen von den Leuten aus den Lautsprechern angesprochen werden. Oder es wird über sie geredet. Und dadurch soll der Platz mit den Menschen ins Bewusstsein gerückt werden, die Kunst wirkt als Mittlerin."

Aus Korea ist Jin-Ah Ahn angereist, um ihre Komposition vorzustellen, die sich mit dem Aufeinandertreffen der Kulturen befasst. Schon der Titel "Ratatouille” verrät einen ironisch-spielerischen Umgang mit diesem Thema:

"Jede Kultur ist wichtig. Ich hätte meine Komposition auch Kebab oder Pasta nennen können oder nach einer koreanischen Spezialität. Das ist eigentlich egal. Wichtig ist, dass die so unterschiedlichen Kulturen auf einem Platz zu treffen sind, diese Menschen kommen und gehen."

Mit vielerlei Stadtgeräuschen mischen sich die künstlerischen Töne auf diesem Platz: mit Kirchenglocken, fernem Verkehr und Vogelgeschrei. Allerdings eilen die Menschen an dieser Stelle vorbei, haben keine Zeit inmitten ihrer Alltagsrituale - welche Reaktion versprechen sich denn Brigitta Muntendorf und Jin-Ah Ahn von den zufälligen Hörern?

Muntendorf: "Ich möchte nur kleine Unterbrechungen schaffen, weil ich weiß, dass die Menschen hier durchlaufen, von A nach B, ihre festen Strecken haben. Vielleicht drehen sie sich kurz um. Viel mehr möchte ich gar nicht."

Ahn: "Ich möchte die Farbe in der Stadt mischen. Ich habe gestern gesehen, dass die Menschen von dem Projekt nichts wussten, einfach herkamen und erstaunt waren: 'Was ist das? Und woher kommt es?'"

Hannover haben die meisten dieser Komponisten erst bei der Platzbesichtigung ein wenig kennengelernt, zuvor war ihnen allenfalls der Bahnhof vom Umsteigen her vertraut. Weltläufig aber sind diese Künstler allemal - Philip Samartzis hat sogar Laute von See-Elefanten aus der Antarktis in sein akustisches Spektakel eingebaut.

Von einem Menschen, einem politisch umstrittenen allerdings, stammen die Tonsprengsel, die Tiziano Manca in seinem Opus verwendet - es sind Sätze aus einer Rede Berlusconis. Der Komponist zitiert im Kommentar zu seinem Werk die Frage, die ein Abgeordneter im Europäischen Parlament stellte: "Wie kann die Europäische Union die rechtswidrigen Vorgänge der italienischen Regierung tolerieren?” Ein Stück Politik bei diesem facettenreichen Kunstprojekt, dass die große Experimentierlust der Künstler zeigt, Töne mit moderner Technik zu erzeugen, zu verfremden und überraschend zu montieren. Oft sind die jeweiligen Tonspuren tatsächlich auf 16 Klangsäulen verteilt - wahre Raumkunstwerke.

Ängste, mit ihrem subtilen Handwerk im Lärm der Stadt unterzugehen, haben diese Künstler offenbar nicht. Nadir Vassena:

"Hier war es von Anfang an klar, dass wir auch mit den natürlichen Klängen auf dem Platz arbeiten. Es ist kein Ort, wo man bleibt. Die Leute stehen nicht da und hören, sie kommen einfach vorbei. Mein Stück ist wirklich lang, ist eine Installation. Ich hoffe, dass man jedes Mal, wenn man durchkommt, etwas anderes hört."

Wer meint, die Geräusche der Stadt seien Musik genug und bedürften keiner Zusätze, wird hier eines Besseren belehrt. Dieses Projekt bewegt sich auf beachtlicher künstlerischer Höhe, ist weit entfernt von lokaler Eventhuberei und bloßer Stadtverschönerung. Den "Platz der Weltausstellung”, den ich sonst gerne meide, werde ich in den nächsten Wochen und Monaten noch einige Male aufsuchen, um mehr zu hören von "Ratatouille” oder von den "See-Elefanten”. Oder von dem "Traum des Kartographen”, einem Werk von Oliver Schneller, das globale Sehnsüchte in eigenartige Töne kleidet.