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Fazit | Beitrag vom 18.05.2020

Sorgen um das Institut für Gesellschaftstheorie in BelgradKritik am Schweigen der deutschen Politik

Željko Radinković im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Der serbische Philosoph und Historiker Željko Radinković (Maja Isovic-Dobrijevic )
Sieht ohne die Unterstützung durch prominente Stimmen keine Zukunft für sein Institut: der serbische Historiker Željko Radinković. (Maja Isovic-Dobrijevic )

Mit einem offenen Brief wehrt sich der Philosoph Željko Radinković gegen Eingriffe der serbischen Regierung in den Lehrbetrieb. Die Einrichtung werde zur Zweigstelle der autoritären Regierungspartei, kritisiert er.

Mittlerweile hätten mehr als 400 Kollegen aus dem In- und Ausland den Protestbrief gegen die Eingriffe in das Institut unterschrieben, sagt Željko Radinković, der seit 2011 am Institut für Philosophie und Gesellschaftstheorie in Belgrad arbeitet.

Zu den Unterzeichnern gehören Prominente wie Jürgen Habermas, Axel Honneth, Judith Butler, Étienne Balibar, Antonio Negri und der ehemalige Finanzminister von Griechenland, Yanis Varoufakis.

Liberales Denken unerwünscht

Die Tradition des freiheitlichen Denkens, für die das Institut stehe, gehe auf die 68er-Bewegung im ehemaligen Jugoslawien zurück, sagt Željko Radinković. Die klare Positionierung als internationaler Gesprächspartner sei allerdings auch den nationalistischen Kräften und der Regierungspartei um den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić nicht entgangen.

"Es sieht nicht gut aus. Es ist mir völlig unverständlich, dass ein autoritäres Regime kurz davor steht, ein Institut wie das unsere zu vereinnahmen", beklagt der Historiker. Dies sei nicht einmal dem Regime von Milosevic und den früher herrschenden Kommunisten gelungen.

Stummes Ausland

Der europäischen und der deutschen Politik wirft er "permanentes Schweigen" über die Entwicklungen in Serbien vor. Der Prozess der staatlichen Vereinnahmung durch die alten, nationalistischen Kräfte sei fast abgeschlossen. Unter diesen Umständen stehe es nicht gut um Wissenschaft und Kultur.

"Wir werden als Institut zu einer Zweigstelle der Regierungspartei degradiert, wir können dem nichts entgegensetzen."

Schon in den 70er Jahren half Habermas

Die internationale Unterstützung prominenter Personen sei im Grunde die einzige Möglichkeit, sich zu wehren. Radinković hofft nun, dass die Hilfe - wie in einem ähnlichen Fall aus der Gründungszeit in den 70er Jahren - Erfolg hat:

"Auch damals haben wir die Unterstützung der Gruppe um Jürgen Habermas und Ernst Bloch gekriegt, die sich direkt an die damalige jugoslawische Regierung gewandt haben. Sie haben bewirkt, dass ein Zentrum gegründet wurde, aus dem später dann unser Institut hervorgegangen ist."

(mle)

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