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Im Gespräch | Beitrag vom 27.04.2020

Sopranistin und Psychologin Niovi KlavdianouKosmopolitisch und hochdramatisch

Moderation: Susanne Führer

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Die Sopranistin Niovi Klavdianou in Frontalaufnahme vor einem beigefarbenen Hintergrund. (Niovi Klavdianou)
Sopranistin, Psychologin und Coach: Niovi Klavdianou betreibt zahlreiche Disziplinen gleichzeitig. (Niovi Klavdianou)

Die Sopranistin Niovi Klavdianou hat sich auf das dramatische Gesangsfach spezialisiert und hilft gleichzeitig anderen, ein bisschen weniger Drama in ihrem Alltag zu haben: Als studierte Diplompsychologin gibt sie Seminare gegen Lampenfieber.

Eigentlich hat Niovi Klavdianou zwei bis drei Berufe: Sie ist Opernsängerin und Coach für Künstlerinnen und Künstler – und das sowohl gesanglich als auch psychologisch. Denn neben dem Gesang hat sie auch Psychologie studiert. Beides passt für sie gut zusammen: "Große Gefühle bedeuten nicht unbedingt oberflächliche Gefühle."

Entsprechend ist ihr Gesangsfach der hochdramatische Sopran. Das verlangt einen Stimmumfang von ziemlich tief bis sehr hoch und das stark und auch laut, gerade für die Partien von Richard Wagner. Ihre Lieblingsrolle: die Elektra von Richard Strauss, was auch mit ihrer griechischen Herkunft zu tun hat. Denn Niovi Klavdianou stammt aus der nordgriechischen Metropole Thessaloniki.

"Man muss Kosmopolit sein"

Ihre Mutter erzog die Kinder zur Mehrsprachigkeit, "weil Griechenland so klein ist und wenn man irgendetwas aus sich machen möchte, muss man Kosmopolit sein." So machte sie ihr Abitur an der Deutschen Schule in Thessaloniki und singt und spricht perfekt Deutsch. Schon als Kind war Niovi Klavdianou "ganz bunt, ganz laut" und bis heute ist sie eine Performerin. Dabei orientiert sie sich am breit angelegten Bildungsideal der Renaissance: "Wieso nicht fünf Disziplinen haben, wieso denn nur eine?" Daher studierte sie parallel Gesang und Psychologie. Und Spanisch. Und Englisch.

An Selbstbewusstsein hat es der temperamentvollen Künstlerin nie gemangelt. Als Niovi Klavdianou für ein Jahr Auslandsstudium nach Barcelona ging, schrieb sie gleich mal die weltberühmte Sopranistin Montserrat Caballé an – und durfte tatsächlich bei ihr vorsingen. Kosmopolitisch ging es danach weiter: An der Universität von Maryland in den USA machte sie ihren Doktor in Musikwissenschaft, eher undramatisch über Wiegenlieder.

Das Singen genießen, auch für das Publikum

Doch nach sechs Jahren in Amerika zog es Niovi Klavdianou wieder nach Europa, wegen der Mischung aus entspannterem Lebensstil und öffentlich subventioniertem Kulturbetrieb. Deswegen lebt sie seit zwölf Jahren in Berlin. Hier war der Einstieg ins Berufsleben als Sängerin allerdings schwer, die Konkurrenz groß. Bis zu den ersten Engagements musste sie jahrelang die Klinken vieler Agenturen putzen. In dieser Zeit kümmerte sie sich um ihr anderes Standbein: das psychologische Coaching von Künstlern, besonders im Kampf mit dem Lampenfieber. Sie kennt es aus eigener Erfahrung, denn lange setzte sie sich als Sängerin selbst zu sehr unter Druck, bis sie merkte: "Es gibt überhaupt keinen Grund, dass ich weitersinge, wenn ich das nicht genießen kann – und durch mich auch das Publikum nicht genießen kann."

Heute ist Niovi Klavdianou eine etablierte Sängerin, die aber wie alle Künstler derzeit wegen des Coronavirus Bühnenabstinenz üben muss. Das macht sie sehr traurig. Nun produziert sie Youtube-Videos mit ihren Lieblings-Gesangsstücken, "und zumindest so ist meine Seele wieder voll."
 
(pag)

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