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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.08.2012

Sonst wird der Zuschauer düpiert

Leiter der Duisburger Filmwoche über die Pflicht von Dokumentarfilmern zur Wahrheit

Werner Ruzicka im Gespräch mit Klaus Pokatzky

Ein Dokumentarfilmer darf alle filmischen Mittel einsetzen, die auch einem Spielfilmregisseur zur Verfügung stehen. Doch er darf keine falschen Tatsachen vorspielen, sagt Werner Ruzicka, Leiter der Duisburger Filmwoche. Er kritisiert damit den Dokfilm "This Ain’t California" über Skateboarder in der DDR, der eine in weiten Teilen fiktive Geschichte erzählt.

Klaus Pokatzky: Im schönen Kalifornien wurde in den 1960er-Jahren das Skateboardfahren entwickelt. Langsam trat es seinen Siegeszug durch die Welt an und kam Anfang der 80er-Jahre in der kleinen DDR an. Da hießen die Skater dann Rollbrettfahrer. Das war eben nicht Kalifornien. "This Ain’t California" heißt denn auch der Dokumentarfilm von Marten Persil, der morgen in den Kinos startet. Dokumentarfilm? Ein klassischer Dokumentarfilm ist das auf jeden Fall nicht, sondern es sind Erinnerungen, die in Form einer Collage zusammengefügt werden.

Am Telefon begrüße ich nun den Leiter der Duisburger Filmwoche, Werner Ruzicka – guten Tag!

Werner Ruzicka: Guten Tag!

Pokatzky: Herr Ruzicka, wie viel künstlerische Freiheit darf ein Dokumentarfilm haben, was darf daran erfunden und nachgespielt werden, wie viel Poesie verträgt er?

Ruzicka: Im Grunde darf ein Dokumentarfilm erst mal alles, was ein Spielfilm auch darf – es gab halt zu Anfang der Filmgeschichte keine Trennung. Da machte man Filme, und Werner Herzog sagt heute noch, er macht nicht dokumentarische Spielfilme, er macht einfach nur Filme.

Aber natürlich gibt es immer wieder eine Auseinandersetzung, wo die Grenzen denn sind, wo man bestimmte Grenzen überschreitet, wo man Grenzen erreicht, wo man Sachen probiert. Es gibt ja auch den umgekehrten Fall, dass man im Spielfilm selber manche Szenen dokumentarisch empfindet. Hat zu tun mit bestimmten Cam-Bewegungen, mit bestimmten realen Gegenden, in denen man die Sachen aufnimmt – wir kennen ja die Dogma-Angelegenheiten. Also ich würde sagen, ein Dokumentarfilm darf im Prinzip alles, er darf seine Erzählmöglichkeiten voll ausloten, und welche Grenzen er hat und welche Grenze es geben muss, ist eine Frage von Verhandlungen zwischen Macher und Zuschauer, und das Publikum entscheidet, auf welcher Seite er den Film dokumentarisch oder fiktional empfindet.

Pokatzky: Ja, eine Verhandlung zwischen Machern und Zuschauern, das klingt ja fast schon so wie so ein Vertrag mit dem Zuschauer. Und jetzt muss ich aber mal sagen, ich gehe ins Kino und ich denke, ich sehe jetzt einen Dokumentarfilm, und diese Person, von der mir erzählt wird, der Soldat, der in Afghanistan gefallen ist, der existiert wirklich, und am Ende heißt es alles, nee, ätsch, war gar nicht so. Ist das in Ordnung oder wird da nicht dann doch gegen den Vertrag verstoßen?

Ruzicka: Ich denke, ja. In dem Moment, wo bestimmte, ich würde fast sagen ethische Vereinbarungen überstiegen werden, nicht eingehalten werden, wird der Zuschauer sich düpiert fühlen und wird auch ein bisschen abgestoßen sein von dem, was erzählt werden soll.

Es gibt bestimmte Sachen, die man im Dokumentarfilm nur mit größten Schwierigkeiten legitimieren kann, zum Beispiel dass man den Körper der Menschen seiner Würde beraubt oder dass man Geschichten erfindet, die einen real auf der Leinwand befindlichen und dargestellten Körper mit irgendwelchen fiktionalen Girlanden umgeben.

Da, würde ich sagen, ist der Vertrag einseitig gebrochen, und da ist ein Zuschauer auch düpiert, und da wird ein Zuschauer auch dann solche Ungenauigkeiten im ganzen Film sozusagen aufs Konto legen und sagen, der Film hat mich nicht überzeugt, er ist einfach ein Konstrukt, ein Artefakt und trifft mich nicht.

Pokatzky: Also da hört der Spaß auf. Würde es sonst noch Bereiche geben, wo Sie sagen würden, da hört der Spaß für mich auch auf und das gehört auch nicht in einen Dokumentarfilm?

Ruzicka: Ich denke, wenn man Leute in Situationen bringt, in denen sie nicht mehr autonom reagieren können. Es gab eine bestimmte Zeit in den 70er-, 80er-Jahren, wo man Leute unter Vorspiegelung von falschen Tatsachen vor die Kamera brachte, sie ertappte oder – was auch leider so gewesen war – dass man Leute mit kleinen Dosen von Alkohol locker machen wollte. Das sind dann Sachen, wo man die Leute in Situationen erwischt, in denen sie nicht ganz aktionsfähig sind, und solche Sachen müssten im Dokumentarfilm nicht erlaubt sein, sollten nicht erlaubt sein.

Pokatzky: Die Filmemacher sagen nun, dass sie damit ja was Neues gemacht hätten und eine ganz erzählerische Form, also diese dokumentarische Erzählung – ist das wirklich so neu, haben die das erfunden?

Ruzicka: Ich denke, jeder Dokumentarfilm ist eine Erzählung, weil sie Anfang und Ende hat, und jeder Film wie auch ein Dokumentarfilm wird sich bestimmten literativen Mustern annähern müssen und sich derer bedienen. Ein bisschen skeptisch bin ich, wenn man sagt, dass Dokumentarfilm deswegen schon wahrhaftig sei, so im cinéma verité als auch "Kino der Wahrheit".

Es riecht ein bisschen ranzig. Und ich finde, man sollte auch nicht seinen eigenen Film poetisch nennen. Einen Film poetisch zu empfinden, ist eine Reaktion des Zuschauers, die er empfindet, weil eine bestimmte Art von Stimmung, eine bestimmte Art von Sequenz, einer Redensart, ein Gesicht, ein Lächeln, einem poetisch anmuten, aber man kann nicht sagen, der Film ist poetisch, und deswegen kann man bestimmte Ungenauigkeiten sozusagen wegschmirgeln.

Pokatzky: Im Deutschlandradio Kultur fragen wir den Leiter der Duisburger Filmwoche, Werner Ruzicka, wie viel künstlerische Freiheit ein Dokumentarfilm haben darf. Herr Ruzicka, gibt es Themen, wo ein Dokumentarfilm ja auch nach künstlerischer Freiheit schreit und der Poesie bedarf?

Ruzicka: Ich denke schon. Es gibt im Augenblick ja eine Bewegung, dass die Menschen mehr im Zusammenhang ihrer Umwelt wahrgenommen werden, dass bestimmte Fragen des Älterwerdens etwas sind, was einen sehr beschäftigt, und das sind Sachen, die im Augenblick verantwortlich von vielen Filmemachern aufgenommen werden. Also über Altern, über Sterben zu handeln, das sind Sachen, die unglaublich viel Geschmack und Dezenz erfordern.

Und ich denke, da kann der Dokumentarfilm verantwortlich ganz viele neue Handlungs- und Darstellungsformen sich verschaffen, aber nicht um des billigen Schocks wegen, nicht um irgendeines vordergründigen Effektes wegen, denn da kommt der Dokumentarfilm oder käme er ganz schnell wieder dahin, wo sich im Augenblick bei irgendwelchen Privatsendern die Dokumentationen spreizen und sagen, nie gesehene Bilder, Schock, Schock, Schock …

Da ist also etwas, wo ein Dokumentarfilm viel tun kann und wo die Zuschauer auch darauf warten. So manche Erfolge, die ein Dokumentarfilm im Kino hat, weisen darauf hin, dass die Menschen wieder wegwollen vom … (O-Ton an dieser Stelle nicht verständlich, die Red.), weg wollen von schnellen, glatten Bildern und wieder etwas sehen wollen, was sie auch anregt und aufregt und anmutet und auch verzaubert.

Pokatzky: Aber wenn ich jetzt so etwas, dieses Element der Poesie in einen Dokumentarfilm einfüge, ist dann nicht eine Grundregel – ich komm noch mal zurück auf den Vertrag mit den Zuschauern –, dass ich dann ganz klar sagen muss, also im Grunde so ein großes Warnschild hochheben muss, Vorsicht, jetzt kommt was Fiktionales, etwas Erfundenes?

Ruzicka: Ja, ich glaube, dass dieses große Warnschild nicht immer so groß ausfallen muss, weil die Leute in den letzten Jahren gelernt haben – nicht zuletzt wegen der embedded Journalisten und so weiter mehr –, dass das, was einem im Fernsehen und in Bildern angeboten wird, nicht mehr eins zu eins zu nehmen ist. Es gibt eine bestimmte Skepsis, und eher gibt es eine Art von Vorbehalt gegenüber allen Bildern. Die Warntafel also ist, wenn man so will, als Filter in jedem Kopf schon drin.

Aber gerade deswegen gibt es Möglichkeiten im Dokumentarfilm, zum Beispiel indem man Menschen zeigt, indem sie in anderen Menschen interagieren, indem man Menschen zeigt, in Landschaften zum Beispiel, indem man den Landschaften das zurückgibt, was ein Lebensraum für Menschen bedeuten kann, sozusagen Interaktion, Kommunikation, Weite und Offenheit und so manche Sequenzen, die Volker Koepp gedreht hat, der ja immer Landschaftsfilme auch macht, also öffnen einem die Seele und sind poetisch, ohne dadurch ihren dokumentarischen Anspruch zu versäumen.

Sie sind, wenn man so will, durch brillante Kameraleute und eine großartige Kameraarbeit ins Künstlerische hin transponiert, aber sie bleiben dokumentarische Bilder. Und dass sie ein poetischen Effekt haben – in manchen Filmen einen romantischen, ein Seelen öffnenden – hat damit zu tun, wie man die Bilder verantwortlich macht und künstlerisch zusammenfügt und dann zu einem Gesamtwerk macht, das man dann als Dokumentarfilm auch als Kunstwerk goutieren kann.

Pokatzky: Sie hatten mal auf der Duisburger Filmwoche als Motto "true or false", also Wahrheit oder Fälschung.

Ruzicka: Ja, das hieß, weil wir immer noch deutsch sind, "echt falsch", und das war schon auch die Lust am Spielen, die man hat, ob man irgendetwas auf die Spur kommt – also Sie kennen das, ist wahr oder falsch – und hat eine bestimmte Art von Lust. Und es gibt auch manche Filme – also Mockumentarys –, die sich lustig machen über unsere Erwartung, dass irgendetwas wahr ist. Das sind meistens so Sachen, die auch ein bisschen launisch sind und auch so Handlungsreisende sind als Filmer zwischen Fiktionalem und Dokumentarischem, aber da, wo es den Bereich der Politik, wo man ja selbst Verschwörungen oder solche Zusammenhänge beschreiben kann, wo es dann geht in die Integrität von realem Schicksal und Menschen, da würde ich sagen, ist, um Ihren Begriff aufzunehmen, der Spaß nicht gerade zu Ende, aber der Spaß muss schon total ausgepichten und ausgedachten Kriterien folgen, sonst wird es irgendwie eine Spielerei mit untauglichen Objekten.

Pokatzky: Könnte "This Ain’t California" nur der Beginn sein für eine Entwicklung, dass wir so was in Zukunft öfter bekommen und die Verwischungen immer mehr zunehmen?

Ruzicka: Die Gefahr ist groß und die Versuchung ist auch groß, aber gleichwohl glaube ich, dass der Zuschauer am Ende schlau genug ist – gerade ein Kinozuschauer –, um mit diesem kollektiven Erlebnis, was es im Kino ja gibt, genau mitzubekommen, was ist daran nur Effekt oder was ist daran eine künstlerische Strategie, um mehr aus dem Stoff herauszuholen als blasse, reine Abbildungen. Wie bei allen Kunstwerken gibt es misslungene Annäherungen an diesen prekären Grenzbereich, und es gibt auch großartige Filme, die gerade aus dem ungefähren, aus dem angedeuteten Leben, dem Geheimnisvollen zwischen Wahrheit und Fiktion einen unglaublichen Reiz schlagen.

Pokatzky: Sagt der Leiter der Duisburger Filmwoche, Werner Ruzicka zur Frage, wie viel künstlerische Freiheit darf ein Dokumentarfilm haben. Vielen Dank und tschüss!

Ruzicka: Tschüss!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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