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Tonart | Beitrag vom 16.04.2020

Solodebüt des Radiohead-GitarristenAusbruch aus dem Hamsterrad

Von Marcel Anders

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Ed O'Brien spielt E-Gitarre und wird von einem violetten Licht im Nebel beleuchtet. (Getty Images / FilmMagic / Jim Bennett)
Im Solodebüt "Earth" von Ed O'Brien geht es vor allem um Umweltzerstörung und Erderwärmung. (Getty Images / FilmMagic / Jim Bennett)

Der Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien wagt sich 29 Jahre nach seinem Karrierebeginn zum ersten Mal allein ins Studio und nimmt mit "Earth" ein eigenes Album auf. Das Ergebnis: ein ambitionierter Grenzgang zwischen den Kulturen, in denen er zuletzt musikalisch unterwegs war.

Seine Kollegen von Radiohead nennen ihn "mum", also Mutti, weil er der ruhende Pol der Band ist und sie seit 29 Jahren und neun Alben zusammenhält. Doch erst jetzt, mit 52 Jahren, legt Ed O’Brien sein erstes Soloalbum vor: "Earth".

Ein Werk, zu dem ihn ein längerer Aufenthalt in Brasilien und sein aktueller Wohnsitz in Wales inspiriert haben – Sambarhythmen, Led Zeppelin-Folk und Vogelgezwitscher inklusive. Marcel Anders hat mit ihm gesprochen.

Vom Aussteigen zur Selbstfindung

"Ich wollte ein Abenteuer mit meiner Familie erleben und in eine Kultur eintauchen, die ganz anders ist als die britische. Da meine Frau und ich eine Schwäche für Südamerika haben, entschieden wir uns für Brasilien. Wir haben auf einer Farm in Mata Atlântica, im Bundesstaat São Paulo gelebt, wo es kein Wi-Fi und keinen Telefonempfang gab. Unsere Kinder sind zur lokalen Dorfschule gegangen, wo niemand Englisch sprach. Und mit damals 6-8 Jahren haben sie schnell Portugiesisch gelernt. Es hatte etwas davon, aus dem Hamsterrad des Lebens auszubrechen."

So beschreibt Ed O’Brien seine Flucht aus Großbritannien.

Die Familie verbringt 2013 und 2014 am Rande des tropischen Regenwaldes. Doch was zunächst als Aussteigertrip und willkommene Abwechslung zur Tätigkeit bei Radiohead gedacht ist, erweist sich schnell als Beginn von etwas Neuem: Der Gitarrist Ed O´Brien schreibt zum ersten Mal in seinem Leben eigene Stücke. 

In Brasilien habe er eine Reihe von Eingebungen gehabt, so O’Brien: "Die erste bestand darin, ‚Screamadelica’ von Primal Scream zu hören, das mich umgehauen hat. Ich dachte: ‚Das ist die Art von Musik, die ich machen möchte.’"

Die zweite war, den Sambadrome beim Karneval in Rio zu besuchen. Eine solche Show habe er noch nie erlebt: eine Explosion aus Licht, Rhythmen und Liebe. Ein unvergesslicher Moment. Auch da habe er gedacht: "Egal, was ich mache, ich muss unbedingt ein paar Elemente davon einbauen."

"Bolsonaro ist ein weiterer Trump"

Nach der Rückkehr aus Südamerika lässt sich die Familie in Wales nieder – in direkter Nachbarschaft von Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant. Dort entdeckt Ed O'Brien traditionelle Folkmusik und kombiniert sie mit brasilianischen Sambarhythmen und britischem Rave.

Das Ergebnis: ein ambitionierter Grenzgang zwischen den Kulturen. Zwischen akustischen und elektrifizierten Tönen, aber auch pulsierenden Polyrhythmen und hypnotischen Beats.

Beides, so O´Brien, verfolge dasselbe Ziel: Aktuelle Probleme mal für einen Moment beiseite zu schieben und aufzuatmen. Das war schon vor der Pandemie gültig, dank Trump, Brexit und der Rodung des Regenwalds. 

"Es ist schlimm, was da passiert", sagt er. "Und das Tragische ist: Als wir 2013 in Brasilien waren, herrschte dort großer Optimismus. Denn sie hatten Mineralquellen entdeckt und hofften, wirtschaftlich autark zu werden. Der Arbeiterpartei um Lula und Dilma gelang es, Menschen aus der Armut herauszureißen, ihnen Bildung zu geben und für eine gesellschaftliche Revolution zu sorgen. Insofern ist es traurig, was daraus geworden ist. Bolsonaro ist ein weiterer Trump."

"Wir wissen, dass wir uns ändern müssen"

Für O´Brien ist Musik das perfekte Medium zum Lancieren von soziopolitischen Informationen. Auf "Earth", an dem auch Laura Marling, Adrian Utley von Portishead und Radiohead-Bassist Colin Greenwood mitwirken, geht es vor allem um Umweltzerstörung und Erderwärmung. Darum, dem Hörer die Fehler von Politik und Wirtschaft aufzuzeigen und zum Handeln zu drängen.

Mit einem Album, das wie das Bindeglied zwischen "Ok Computer" und "Kid A" klingt – zwischen Gitarrenrock und Electronica. Und das – rein zufällig – auch zur Coronaviruspandemie passt.

In der erkennt O´Brien, der selbst infiziert war, eine große Chance: "Sie ist toll für die Umwelt – der Silberstreif in der Klimakatastrophe, auf die wir zusteuern. Und genau das, was wir gebraucht haben. Wobei die Dinge nie wieder so sein werden, wie sie mal waren. Wahrscheinlich erleben wir die größte Rezession aller Zeiten. Aber wir wissen ja auch, dass wir uns ändern müssen, weil der Planet, auf dem wir leben, das nicht mehr lange mitmacht. Vielleicht ist das der Moment, an dem mehr Leute, Politiker und Wirtschaftsbosse aufwachen." 

"Earth" von Ed O’Brien erscheint am 17. April 2020. Eine Deutschlandtournee ist für den Herbst geplant.

Tonart

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