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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 20.10.2020

Solidarisch durch den Corona-Winter "Wir müssen reden, reden, reden"

Ralf Fücks im Gespräch mit Anke Schaefer

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Berchtesgaden: Gesichtsmasken mit einem Motiv vom Watzmann hängen in der Fußgängerzone in einem Geschäft aus.  (picture-alliance/dpa/Peter Kneffel)
In Berchtesgaden wurde wegen steigender Infektionszahlen ein Lockdown verhängt. Aber auch andernorts wächst die Sorge vor dem Pandemie-Winter. (picture-alliance/dpa/Peter Kneffel)

Der Publizist Ralf Fücks befürchtet eine Spaltung der Gesellschaft in der Coronakrise. Die öffentliche Debatte sei zentral, um gemeinsam und solidarisch über den Winter zu kommen.

Seit Kurzem gibt es nun den Hashtag #krassvermissen auf Twitter. Die Einträge dort lassen bereits erahnen, was mit einem möglichen Lockdown im Herbst und Winter noch bevorstehen könnte.

Ralf Fücks ist geschäftsführender Gesellschafter des Zentrums Liberale Moderne in Berlin. (picture alliance / Robert Schlesinger)Ralf Fücks ist geschäftsführender Gesellschafter des Zentrums Liberale Moderne in Berlin. (picture alliance / Robert Schlesinger)

Er sehe eine Gefahr der Spaltung der Gesellschaft, sagt unser Studiogast Ralf Fücks, der geschäftsführende Gesellschafter des Zentrums Liberale Moderne in Berlin. "Corona macht diese sozialen Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten in den Lebensbedingungen nochmal deutlicher und strapaziert sie", sagt er.

Verschiedene Wege des Umgangs mit Corona 

"Menschen haben ganz unterschiedliche Voraussetzungen, mit dieser Krise umzugehen", sagt der ehemalige Grünen-Politiker. Sie seien auch in unterschiedlichem Maß gefährdet. Die Jüngeren seien nicht nur weniger verwundbar als Ältere und gesundheitliche Risikogruppen.

"Wir brauchen ein sehr hohes Maß an Solidarität, an Verständnis, an Einfühlungsvermögen, und das stellt sich nur her über den öffentlichen Diskurs", so Fücks. Das bedeute: "Wir müssen reden, reden, reden." Außerdem müssten Regeln gefunden werden, die für einen großen Teil der Menschen nachvollziehbar seien.

Gesellschaftlichen Zusammenhalt könne man nicht erzwingen, betont der Religions- und Kirchensoziologe Gert Pickel mit Blick auf die derzeitige Coronakrise. "Wenn ich nicht überzeugt davon bin, dann ist es kein Zusammenhalt."

Sollte nochmal ein Lockdown kommen, wäre das für viele Menschen existenzbedrohend, sagt Fücks. Das gelte für Selbstständige, für Kleinunternehmen, für die Gastronomie, für die ganze Clubszene, für die Veranstaltungsszene. Aber auch junge Menschen und Kinder würden besonders getroffen, denn für sie stelle die soziale Isolation noch einmal eine besondere Härte dar und beraube sie eines Teiles ihrer Lebensfreude.

"Dafür muss man Verständnis haben und trotzdem von ihnen so viel Vernunft und so viel Solidarität einfordern, dass wir nicht in eine massive Krise schlittern und eine exponentielle Zunahme von Infektionen."

(gem)

Ralf Fücks ist geschäftsführender Gesellschafter des Zentrums Liberale Moderne in Berlin. Er war zuvor Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, wo er für die Inlands­ar­beit der Stif­tung sowie für Außen- und Sicher­heits­po­li­tik, Europa und Nord­ame­rika ver­ant­wort­lich war. Davor war Fücks Co-Vorsitzender der Grünen (1989/90) und Senator für Umwelt und Stadtentwicklung in Bremen. Er hat zahlreiche Bücher publiziert, zuletzt erschien der Sam­mel­band "Soziale Marktwirt­schaft öko­lo­gisch erneu­ern".

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