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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.08.2017

Soleen Yusef - "Haus ohne Dach" Patchwork aus vielen Geschichten

Soleen Yusef im Gespräch mit Dieter Kassel

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(Deutschlandradio / Matthias Dreier)
Die Regisseurin Soleen Yusef war zu Gast bei Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio / Matthias Dreier)

Sie wolle tragisch-komische Familiengeschichten erzählen, sagt die Regisseurin Soleen Yusef. Die Filmemacherin drehte im Heimatdorf ihrer Kindheit im Nordirak und will mit ihrer universellen Erzählung ein internationales Publikum erreichen.

Der Debütfilm der kurdischstämmigen Regisseurin Soleen Yusef, "Haus ohne Dach" wurde unter schwierigen Bedingungen und kleinem Budget im Norden des Irak gedreht. Darin erzählt die Filmemacherin von drei Geschwistern, die in Deutschland aufgewachsen sind, aber aus den kurdischen Gebieten im Irak stammen. Jeder von ihnen, die junge Frau und die beiden Männer, geht seine eigenen Wege, sie haben sich nicht viel zu sagen. Als ihre Mutter stirbt, die inzwischen mit einem der Söhne wieder im Irak lebt, reisen alle in die alte Heimat, um sie neben dem Vater zu bestatten. Die Reise zu dessen entlegenem Grab konfrontiert die Geschwister mit sich selbst, mit ihrer Geschichte und mit einem dunklen Familiengeheimnis.

Relativ sichere Dreharbeiten

Während der Dreharbeiten 2015 sei die Lage im Nordirak relativ sicher gewesen, sagte die Regisseurin im Deutschlandfunk Kultur. "Viel schwieriger war tatsächlich das logistische", sagte Yusef. Im Nordirak würden nicht viele Filme gedreht, deshalb sei es eine Herausforderung gewesen an Technik zu kommen und professionelle Mitarbeiter zu finden. Aber auch das habe sich lösen lassen und im gemischten deutsch-kurdischen Team habe die Kommunikation auch ohne gemeinsame Sprache gut funktioniert. "Man hat sich irgendwie mit Händen und Füßen verständigt." Aber sie habe auch viel übersetzen müssen und wie eine Mama alle zusammenhalten.

Biographisches ist eingeflossen

Sie wolle tragisch-komische Familiengeschichten erzählen, sagte Yusef. Dabei sei ihr aber auch der politische Kontext wichtig. Sie versuche in ihren Filmen universell zu erzählen, um ein internationales Publikum anzusprechen. "Ich verstehe den Film immer als so eine Art Patchwork aus vielen Geschichten", sagte die Filmemacherin. Dabei fließe biographisches aus ihrer eigenen Familie ebenso ein wie andere Geschichten aus dem irakischen Heimatdorf, aus dem sie stammt und wo der Film gedreht wurde.  


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Unmittelbar nach dem Sturz von Saddam Hussein stirbt in Deutschland die Mutter von drei jungen Kurden, die mit ihren Kindern halt hier lebt, und die wegen des Sturzes eigentlich gerade beschlossen hatte und ihren Kindern mitgeteilt, wir gehen jetzt zurück in den Irak, wir gehen zurück in unsere Heimat. Sie stirbt dann aber noch in Deutschland, und diese drei, die in Deutschland aufgewachsen sind, machen sich auf den Weg in die Heimat ihrer Mutter, um sie dort zu beerdigen.

Das ist nur der Anfang des Films "Haus ohne Dach". Das spielt logischerweise am Anfang noch in Deutschland. Und dann kommen die drei allerdings – und das geht auch die ganze Zeit so weiter – getrennt voneinander im Nordirak, im kurdischen Gebiet, an. Einer von ihnen, Jan, einer dieser Söhne, kennt ein Geheimnis, das die anderen beiden bis dahin nicht kennen, das sie aber dann erfahren.

"Wir beerdigen Mama im Dorf bei Papa.

Was?

Das war ihr letzter Wunsch.

Der Sarg ist unterwegs. Ja.

Das Dorf gibt es doch überhaupt nicht mehr."

Bevor Sie jetzt sagen, jetzt hat mir der Mann schon den ganzen Film erzählt – nein, nein. Ich bin mir nicht sicher, das ist so ungefähr Minute 17, was wir gerade gehört haben. Der Film ist knapp zwei Stunden lang und geht dann erst richtig los. Es wird dann wirklich zu einer Art Road Movie. Diese drei – mehr verrate ich nicht, aber das sage ich noch – stehlen dann quasi wirklich den Sarg mit der Leiche der Mutter, und versuchen ihn dann zu transportieren zum Grab des Vaters. Ob das klappt und wie es klappt, verrate ich nicht, aber eines verrate ich Ihnen, die Regisseurin dieses Films, Soleen Yusef, ist jetzt bei mir im Studio. Schönen guten Morgen!

Soleen Yusef: Guten Morgen!

Kassel: Ich gucke immer Filme zur Vorbereitung einfach erst mal so, ohne irgendwas zu wissen, ich lese nichts nach. Und ich habe mich bei diesem Film, oft auch nicht, weil ich von der Handlung abgelenkt war, aber auch immer wieder gefragt, mein Gott, wo hat die das gedreht. Und dann habe ich es nachgelesen und natürlich erfahren: Im Großen und Ganzen da, wo es spielt. Sie haben das wirklich im Jahr 2015 im Irak, im Nordirak, in Kurdistan drehen können.

Yusef: Ja, genau.

Kassel: War das nicht unglaublich schwierig und gefährlich zu der Zeit?

Verständigung mit Händen und Füßen

Yusef: 2015 war es schon recht sicher, nachdem der IS dann 2014 einmarschiert ist. Die Region Kurdistan ist ja auch autonom, und man hatte sich auch mit dem irakischen Militär zusammengetan, sodass die ganze Region recht sicher war und auch ein Zufluchtsort für viele Flüchtlinge aus Mossul und aus Sindschar. Viel schwieriger war tatsächlich das Logistische, weil in Kurdistan nicht so viele Filme gedreht werden, besteht oft das Problem, dass man eben schwieriger an Technik kommt, schwieriger an Team-Mitglieder, die professionell am Film arbeiten. Wir haben aber eine gute Lösung gefunden. Die Hälfte des Teams war aus Deutschland, und jeder hat sozusagen seinen kurdischen Partner vor Ort gehabt.

Kassel: Es war wahrscheinlich auch bei der Arbeit ein ziemliches Sprach-Wirrwarr, weil der Film spielt natürlich einerseits in kurdischer Sprache sehr oft, dann wird wieder Deutsch gesprochen. Aber wahrscheinlich konnten ja nicht alle am Set immer beides, oder?

Yusef: Komischerweise hat das auch irgendwie ohne Sprache funktioniert. Viele haben dann eben kein Englisch gesprochen. Viele Kurden sprechen Arabisch und Kurdisch meistens. Aber die Barriere war dann weg. Man hat sich irgendwie mit Händen und Füßen verständigt. Aber ich war auch oft Bindeglied, muss ich auch ehrlich sagen. Ich habe mehr gemacht als einfach nur Regie. Da war ich schon ein bisschen die Mama, die alle zusammengehalten hat und immer übersetzen musste und überall dabei war.

Kassel: Ich habe es erwähnt, es beginnt mit dem Sturz Husseins, was die Handlung betrifft, spielt aber auch seine Diktatur indirekt eine sehr große Rolle. Es endet nicht ganz, aber das ist so ungefähr die Zeit, was die Spielfilmhandlung angeht, mit der Einnahme Mossuls und dann auch Sindschars durch den IS. Mein Eindruck ist aber, es ist trotzdem kein politischer Film.

Yusef: Ich mag es immer gern, tragisch-komische Geschichten, vor allem aber auch Familiengeschichten zu erzählen. Und gerade in dem Fall war es mir wichtig, eine Biografie zu erzählen, die einen Lebensweg erklärt, aber gar nicht jetzt politisch, sondern näher bringt, einen Lebenslauf einer Familie, die flüchtet und zwischen diesen beiden Ländern hin- und hergerissen ist.

Der politische Kontext ist mir sehr wichtig, na klar, auch in meinem privaten Leben. Der beeinflusst ja auch so eine Biografie ganz unmittelbar. Dennoch ist es am Ende eine Geschichte über Menschen. Und um die näherzubringen, muss ich halt sehr universell erzählen. Das ist schon immer mein Wunsch gewesen, eben sehr tragisch-komische, universelle Geschichten zu erzählen, mit der sich auch ein internationaler Zuschauer identifizieren kann. Das ist, glaube ich, ganz gut gelungen mit dem Film.

Über Geheimnisse hinweg schweigen

Kassel: Was halt spannend ist, es geht ja auch ganz stark um diese drei Geschwister, die wahnsinnig unterschiedlich sind. Ich glaube, stärker geht es nicht. Zum Beispiel Jan ist so ein bisschen der Heimatverbundenste, ich sage mal, er ist schon auch der Spießigste auf gewisse Art und Weise –

Yusef: Auf jeden Fall.

Kassel: – und der kennt auch als Einziger das Geheimnis von Anfang an und läuft auch im Anzug mehr oder weniger rum. Dann gibt es den eher – Loser möchte ich nicht sagen, aber den eher orientierungslosen Adam, der irgendwie auch in Deutschland schon andere Probleme hat und den das alles auch nicht sehr interessiert und der eigentlich immer rauchen will.

Und dann gibt es noch Lia, das Mädchen, das irgendwo dazwischen ist, sehr mutig, auch oft alleine unterwegs, und man weiß auch nie so richtig, gehen ihr die Brüder auf den Wecker oder will sie die zusammenbringen. Aber was ich interessant finde, diese drei, man müsste sagen, so, wie ich es beschrieben habe, die hassen sich, doch eigentlich lieben sie sich die ganze Zeit. Das spürt man.

Yusef: Ja, klar. Es hält sie ja auch viel zusammen. Das ist natürlich auch diese ganze Geschichte der Familie. Trotzdem dürfen auch Geschwister unterschiedlich sein und sich mal natürlich nicht verstehen, so wie wir alle. Ich habe auch vier Geschwister, und wir sind komplett unterschiedlich, und auch manchmal gerade, was die Weltanschauung angeht. Aber wenn es dann um die Familie geht oder wenn es um die Eltern geht, kommen alle wieder zusammen.

Wenn da mal jemand ein Problem hat oder wenn was zu Lösen ist sozusagen, steht man sich bei. Und es war mir wichtig, dass ich schon Konflikte habe zwischen den Geschwistern, aber dennoch irgendwie das Gefühl habe, ja, die verstehen sich eigentlich gut, hatten aber nie die Möglichkeit, richtig miteinander zu reden. Es wurde ganz viel geschwiegen, über Probleme hinweg, über Geheimnisse hinweg auch, die das ganze Zusammenleben irgendwie schwieriger machen. Und jetzt bekommen sie mal die Gelegenheit durch den Tod ihrer Mutter, sich eben damit auseinanderzusetzen, auch auf irrwitzige und auch traurige Art und Weise. Aber das Schöne ist, dass sie dadurch die Möglichkeit bekommen, sich eben besser kennenzulernen und den anderen auch.

Leben zwischen zwei Welten

Kassel: Es ist interessant, dass Sie jetzt selbst auch ein, zwei Sachen schon über Ihre eigene Familie erzählt haben. Dieser Ort in dem Film, in dem der größte Teil des kurdisch-irakischen Teils der Familie lebt, ist Duhok, und das ist der Ort, in dem Sie selbst auch geboren wurden. Sie sind, glaube ich, mit neun Jahren damals dann nach Deutschland gekommen mit Ihrer Familie. Wie viel von Ihnen selbst, von Ihrer Familie, wie viel Biografisches steckt denn in diesem Film?

Yusef: Ich verstehe den Film immer als so eine Art Patchwork aus vielen Geschichten aus meinem Umfeld. Die Beziehung zwischen den Geschwistern wie auch der Konflikt zu den Eltern ist, glaube ich, sehr autobiografisch. Alles andere ist so eine Art Geschichtserzählung aus einem ganzen Ort sozusagen, die irgendwie zusammengewebt worden sind zu einer Familienbiografie.

Kassel: Es beginnt, und damit enden wir beide jetzt, wir haben leider nicht mehr viel Zeit, der Film beginnt ja mit einer Eröffnung, da lebt die Mutter noch, in Deutschland, wo sie ihren Kindern sagt, auch wieder der Spießer Adam weiß es schon vorher, die anderen nicht, wir gehen jetzt zurück in den Irak. Saddam ist weg, wir gehen zurück in den Irak, nach Kurdistan, in unsere Heimat, wovon die beiden anderen nicht so begeistert sind. In der Situation, wie wir sie jetzt haben, 2007, ich weiß, Sie sind ja nicht nur zum Filmedrehen, auch so immer mal wieder da, könnten Sie sich das vorstellen, jetzt im Irak zu leben, in Kurdistan?

Yusef: Ich habe mir oft schon die Frage gestellt, ob ich irgendwann zurückgehe. Ich bin auch immer länger da. Ich bin da nicht immer eine Woche, sondern tatsächlich einen Monat oder zwei dort, weil ich auch eben eine große Familie da habe, noch Freunde da habe. Und auch – ja, das ist immer noch der Ort meiner Kindheit sozusagen. Es ist gerade ein bisschen nicht politisch unbedingt schwierig, ich meine, Kurdistan will sich ja bald unabhängig erklären vom Irak sozusagen. Es ist, glaube ich, aber so, dass ich schon mein Standbein, also mein ganzes Leben doch auch in Berlin sich gerade abspielt oder in Deutschland, und dann doch der Kern der Familie hier ist, meine Geschwister und auch meine Freude und überhaupt. Das Filmemachen spielt sich, glaube ich, eher in Berlin ab.

Kassel: Und man muss sich ja eigentlich auch nicht entscheiden. Warum soll man? Sie können ja beides haben.

Yusef: Ja, ich habe den totalen Luxus. Das ist ja irgendwie ein Schatz, zwischen diesen beiden Ländern, zwischen diesen beiden Kulturen – ich kann so viel machen, das ist ganz was Tolles.

Kassel: Und ich finde, ab heute kann jeder, der will, ja ein bisschen was, so ein tiny little bit von diesem Schatz ab haben durch diesen Film. "Haus ohne Dach" heißt der Film. Er ist ab heute in den deutschen Kinos zu sehen. Und die Regisseurin dieses Films, Soleen Yusef, war bei uns zu Gast. Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen viel Erfolg!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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