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Fazit | Beitrag vom 04.04.2020

Soforthilfen für KünstlerRegionaler Flickenteppich bei der Auszahlung

Von Dorothea Marcus

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Ein leerer Stuhl steht auf einer Theaterbühne. (Arno Burgi/dpa-Zentralbild)
Genügen die bisher getroffenen Maßnahmen von Bund und Ländern, um den Kulturschaffenden durch die Corona-Krise zu helfen? Die behördlichen Stellen zeigen sich jedenfalls gesprächsbereit und kooperativ, ob in Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Sachsen. (Arno Burgi/dpa-Zentralbild)

Die Soforthilfen für freie Theatermacherinnen und Theatermacher unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland erheblich. Während in Berlin recht unkompliziert ausgezahlt wird, sorgen sich Betroffene in Hessen oder Sachsen um ihre Zukunft.

"Es gibt in Nordrhein-Westfalen momentan zwei Möglichkeiten für Künstlerinnen, Hilfe zu beantragen: Ein Programm vom MKW, also vom Kulturministerium, wo bis zu 2.000 Euro für freie Künstlerinnen und Künstler jeglicher Sparten beantragt werden können. Und dann gibt es die Bundesmittel, die auch von den Ländern jeweils vergeben werden. Und auch aus dem Soforthilfeprogramm haben wir schon von einigen Theatern gehört, dass da tatsächlich schon echte Euros auf dem Konto angekommen sind und das vergleichsweise schnell zu gehen scheint."

Das sagt Ulrike Seybold vom Landesbüro Freie Darstellende Künste in Dortmund, die auch die unbürokratische Abwicklung lobt.

Auch in Berlin sind bereits über 1,4 Milliarden Euro an Freie aller Sparten ausgezahlt worden. Zwei Milliarden aus Bundesmitteln werden bald folgen.

Doch so zuversichtlich wie in Berlin und Nordrhein-Westfalen sind freie Theaterkünstler nicht an allen Orten. In Hessen etwa wurde in der letzten Woche ein Warnruf veröffentlicht: Die Soforthilfe des Landes helfe freien Theaterkünstlern nicht. Jan Deck vom hessischen Landesverband Professionelle Freie Darstellende Künste (laPROF)  etwa glaubt, dass die Hilfe dort an der Arbeitsrealität von Künstlern eher vorbei gehe.

Warnruf aus Hessen

Eine Umfrage hat Einnahmeverluste der Szene von rund 3,8 Millionen Euro bis zum Sommer prognostiziert.

"Diese Finanzhilfen, die haben das Problem, dass ganz wichtige Einnahmeverluste dort nicht geltend gemacht werden können. Es ist ja so, dass vor allem Betriebsausgaben dort eingereicht werden können. Aber das größte Problem sind ja Einnahmeausfälle, die sie haben, weil, Zuschauereinnahmen fehlen, Gastspiele, die abgesagt wurden,  Auftritte, die abgesagt wurden. Das sind die Gelder, die eigentlich fehlen - und die können leider nicht geltend gemacht werden", sagt Jan Deck.

"Freies Theater ist ein Kind der Wende"

Noch prekärer sieht die Lage im Osten Deutschlands aus. Auch in Sachsen hat die Servicestelle Freie Szene eine Blitzumfrage gestartet, in der sich die Einnahmeausfälle bis zum Sommer auf rund 2,4 Millionen Euro belaufen. Helge-Björn Meyer, Leiter der Servicestelle Freie Szene: 

"Wir haben es in Sachsen mit Strukturen zu tun, die noch sehr jung sind. Freies Theater ist ein Kind der Wende, und das sind ganz fragile Strukturen, die auch erst im Wachsen sind, und diese Arbeit ist jetzt sehr gefährdet. Die Soforthilfe des Bundes, die ich persönlich für wichtig erachte, greift nicht unbedingt für Freiberuflerinnen, die künstlerisch tätig sind. Wir haben auf der anderen Seite dann nur noch den Gang in Hartz 4. Beides ist nicht für künstlerische Arbeit gedacht, das heißt: künstlerische Arbeit würde wegbrechen." 

Gesprächsbereite und kooperative Behörden

Gesprächsbereit und kooperativ jedoch zeigen sich alle behördlichen Stellen, ob in Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Sachsen. Und in Dresden gibt es von Seiten der Stadtverwaltung durchaus kreative Lösungen:

Beim Amt für Kultur und Denkmalschutz können Künstler unter #stayathomeandbecreative Clips ihrer kreativen Arbeit zu Hause hochladen, die dann auf den Social-Media-Kanälen von Dresden gezeigt und natürlich auch honoriert werden. Auch die Stadt Heidelberg geht mit ihrem Programm "Solo Fantastico" einen ähnlichen Weg. 

Plädoyer für bedingungsloses Grundeinkommen

Was aber würde Künstlern noch grundsätzlicher helfen? Marie Köhler etwa, Medienkünstlerin aus Köln, kämpft gerade für ein bedingungsloses Grundeinkommen:

"Das bedingungslose Grundeinkommen ist deswegen für Künstler so notwendig, weil wir dann neben eben dem, dass wir unsere Lebenserhaltungskosten finanzieren könnten, weiterhin Kunst machen können. Es ist ja nicht so, dass vor drei Wochen alles weggebrochen ist und wir zu Hause sitzen und nichts mehr tun. Sondern wir haben unser Kunstschaffen komplett online gestaltet. Das heißt: Wenn wir jetzt Grundsicherung über das Arbeitslosengeld II für Künstler nur machen, dann bedeutet das, dass wir Anfang des Jahres keine Künstler mehr haben."

Neue Förderprogramme testen

In der Tat könnte im Augenblick die Zeit dafür reif sein, mit neuen Förderformaten zu experimentieren. Ulrike Seybold:

"Es ist sowieso die politische Konsequenz, die sich für uns gerade aus der Krise ergibt, zu sagen: Man muss Kultur längerfristig fördern, weil man genau sieht über die kurzfristigen Einzelprojektförderungen, wie extrem anfällig ein System für Krisen wird. Und da hoffen wir tatsächlich, dass es da vielleicht eine Konsequenz geben wird, wo man über mehr Förderungen nachdenkt, die nicht immer sofort eine Produktion, ein Endergebnis haben müssen, die mittelfristiger ausgelegt sind."

Und was wäre, wenn Künstler jetzt einfach mal nicht weiter jammern, sondern zu Erntehelfern würden, die so dringend gebraucht werden? Jan Deck: 

"Also es gibt alles Mögliche an Arbeitsformen, die entwickelt werden, auch Präsentationsformen ändern sich gerade. Von daher, glaube ich, wäre es schade, wenn Künstlerinnen jetzt Spargel stechen gehen, weil ich glaube, sie machen gerade sinnvollere Dinge."

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