Kommentar

Kuratierte Verwahrlosung mit Kippe

03:52 Minuten
Das britische Model Kate Moss raucht eine Zigarette während der Paris Fashion week 2011.
Gilt als Vorbild für den heutigen Sleaze-Look bei Instagram: das britische Model Kate Moss im Jahr 2011 © picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Jacques Brinon
Von Lena Fiedler |
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In den sozialen Medien wird das Rauchen inszeniert: Die Zigarette ist zurück. Doch sie ist nicht mehr Laster wie früher, sondern nur noch Content, kein Widerstand gegen die allgegenwärtige Optimierung, sondern dessen nächstes ästhetisches Accessoire.
Ich muss gestehen: Ich bin eine schlechte Raucherin. Ich habe sehr spät angefangen, rauche unregelmäßig, vergesse es manchmal sogar. Vielleicht, weil mir vor den Bars und im Raucherbereich am Flughafen kaum noch jemand Gesellschaft leistet. Zu ungesund, zu teuer, nicht mehr angesagt – so lautet das Urteil meiner Generation über die Zigarette.

Das Rauchen kehrt als Bild zurück

Doch das scheint sich gerade zu ändern. Das Rauchen kehrt zurück. Aber nicht als Gewohnheit, sondern als Bild auf TikTok und Instagram, in Serien und Modestrecken.
In der Doku über die Pop-Sängerin Charli XCX wird die Musikerin zwischen zwei Szenen rauchend inszeniert. In der Fernseh-Serie „The Bear“ wird vor der Küche selbstverständlich geraucht. Auch in aktuellen Modekampagnen taucht die Zigarette als Accessoire auf – nicht versteckt, sondern ins Zentrum gerückt.
Dabei zeigen die Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Junge Menschen rauchen so wenig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Zigarette kehrt nicht als Massenphänomen zurück, sondern als ästhetisches Zitat. Sie ist Requisite, Symbol, Pose.

Clean-Girl-Content auf Insta und TikTok

Als real existierende Gelegenheitsraucherin keine optimale Nachricht, sie freut mich aber trotzdem. Ich kann die dominanten Wellness-Inszenierungen der letzten Jahre nämlich nicht mehr sehen: durchtrainiert, durchgetaktet, durchoptimiert. Fünf Uhr aufstehen. Hautpflege als Ritual der Selbstverbesserung. Schritte zählen. Schlaf analysieren. Wer sich nicht kümmert, ist selbst schuld.
„Clean Girl“ nennt man diesen Content auf Insta oder TikTok, wenn hübsche, blonde Frauen mit Dyson-Locken in einfarbigen Einteilern in beigen Wohnungen sitzen und ihre Routinen teilen.
Ich beobachte das inszenierte Rauchen als ästhetische Gegenfigur. Online tauchen Frauen auf, die ein chaotisches Leben des Zuspätkommens feiern. Verwuschelte Haare, verschmierter Lippenstift. Messy, aber sexy.
Die Zigarette markiert die Sehnsucht nach Ambivalenz, Risiko und demonstrativer Unordnung – kurz: nach einem Leben jenseits permanenter Selbstoptimierung.
Neu ist das nicht. Das „Messy Girl“ kenne ich noch aus meiner Jugend. Nullerjahre. Damals quetschten wir uns in Low-Waist-Jeans von Miss Sixty, aus denen Snoopy-Tangas blitzten, und studierten die Paparazzi-Fotos von Kate Moss und den Olsen Twins.

Die Zigarette als ästhetisches Accessoire

Allen drei Frauen konnte ich in der Bravo beim genussvollen Rauchen zuschauen. Ihre Zigaretten waren Accessoire und Statement zugleich: Der Körper nicht als Projekt, sondern als Schlachtfeld. Diese Frauen machten Tabak, Skinny Jeans und Nachlässigkeit zur Pflicht.
Wer sich heute mit Zigaretten zeigt, zitiert diese 90er- und 2000er-Ikonen, den Indie-Sleaze-Look, das unperfekte Celebrity-Bild vor dem Social-Media-Hochglanz. Allerdings auch die Magersucht, den Sexismus und die Size Zero dieser Zeit.
Meine For-You-Page auf Insta besteht nicht mehr nur aus Frauen, die versuchen, ihre Hintern mit Proteinen und Bulgarian-Split-Squats-Training aufzupumpen. Ich sehe wieder Videos über Diäten und Kalorienzählen. Vielleicht liegt hier der eigentliche politische Kern: Selbst das Laster ist nicht mehr Laster, sondern Content.
Die überquellende Handtasche, der volle Aschenbecher – sie erzählen nicht von einer durchlebten Nacht, sondern von kuratierter Verwahrlosung. Das Bild sagt nicht: Ich weiß, dass es schlecht ist, und tue es trotzdem.
Die Zigarette ist zurück. Aber nicht als Widerstand gegen die Optimierung, sondern als dessen nächstes ästhetisches Accessoire.
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