SMS oder Liebesbrief?

Liebesbotschaften werden immer häufiger per SMS verschickt. © Deutschlandradio / Andreas Lemke
Von Hans Christoph Buch · 27.12.2006
Was waren das doch für Zeiten, als eine Liebesgeschichte mit einer auf ein Streichholzheft oder einen Bierdeckel gekritzelten Telefonnummer begann? Damals gab es noch keine Anrufbeantworter, nur ein einziges Telefon, das im Flur auf der Kommode stand und endlos lang läutete, wenn niemand den Hörer abnahm.
Trotzdem haben dringende Anrufe ihre Adressaten erreicht, denn nichts ist erfindungsreicher die Liebe, die Abgründe überbrückt, Mauern übersteigt und Schlösser und Riegel durchdringt - siehe Hero und Leander, Tristan und Isolde, Romeo und Julia und andere Paare der Weltliteratur. Heute ist an ihre Stelle der Lebensabschnittspartner getreten, dem man, je nach Grad der Zuneigung, seine Büro- und Privat-, Festnetz- oder Handynummer notiert und - höchste Stufe der Intimität - das Codewort für E-Mails und den Geheimcode fürs Bankkonto überlässt. Manch eine und manch einer hat das bereut, denn wenn die Beziehung im Unfrieden endet, genügt es nicht, Kennwort und Geheimnummer zu ändern – um vor unliebsamen Überraschungen gefeit zu sein, ist es ratsam, sich nach einem neuen Provider oder einer andern Bank umzusehen.

Was ist im Zeitalter der E-Mails aus Liebesbriefen geworden, wie sie Werther an Lotte und Kafka an Felice Bauer schrieb, handgeschriebene Briefe, die gedruckt ganze Bücher füllen und nicht bloß herzzerreißend, sondern große Kunstwerke sind? Als Franz Kafka jeden zweiten Tag seiner Berliner Verlobten schrieb, gab es schon Telefon, und wenn Felice Bauer ihn in Prag anrief, war Kafka so aufgeregt, dass er kein Wort hervorbrachte – nicht nur weil Ferngespräche teuer waren, sondern weil er sich im Büro der Unfallversicherung befand, wo Vorgesetzte und Kollegen das Gespräch mithörten.

In den 50er Jahren, als die Post ihre Kunden noch duzte, stand in allen Telefonzellen der Spruch "Fasse dich kurz", und zehn Jahre zuvor hieß es "Feind hört mit", ein Slogan, den bald niemand mehr ernst nahm, obwohl die Stasi später, wie wir heute wissen, seit den 60er Jahren auch in der Bundesrepublik mithörte. Wenn meine Mutter telefonierte, schrie sie in die Sprechmuschel, um die Nebengeräusche zu übertönen, das Knistern und Knacken in der Leitung, das bei transatlantischen Telefonaten wie Meeresrauschen klang. Und kaum war das Gespräch in Gang gekommen, beendete sie es abrupt, weil Telefonieren teurer als Briefeschreiben und in ihren Augen überflüssiger Luxus war. Erst später kam das Plaudern in Mode, als die Deutsche Post, der Vorläufer der Telekom, den Mondscheintarif einführte; nach 22 Uhr waren die Leitungen blockiert, weil alle auf einmal telefonierten, und bei Fehlschaltungen hörte man fremde Gespräche ungewollt mit wie heute in U-Bahn, Zug und Bus, wo unter Handybenutzern das Schreien wieder Mode in kommt.

Was wird aus Liebesbriefen im Internet, das selbst ausschweifende sexuelle Phantasien in Nanosekunden befriedigt - virtuell und, wenn es sein muss, auch real wie im Fall des Kannibalen von Rotenburg? Echtheit hin oder her: Durch ihre technische Reproduzierbarkeit sah Walter Benjamin die authentische Aura der Kunst bedroht, doch Andy Warhol drehte den Spieß einfach um und machte die Reproduzierbarkeit zum Hauptanliegen seiner Kunst. Umgekehrt behauptet Günter Grass, gute von schlechten Romanen unterscheiden zu können, je nachdem, ob sie mit Schreibmaschine oder Computer geschrieben sind, ohne zu bedenken, dass die kleine Olivetti, auf der er die "Blechtrommel" tippte, ein Vorläufer des Laptop war. Der Olivetti hat Grass nicht nur dichterisch, sondern auch zeichnerisch gehuldigt und so die Rückverwandlung der technischen Reproduzierbarkeit in Kunst demonstriert.

In der Zwischenzeit ist der handgeschriebene Liebesbrief vom Internet in die E-Mail abgewandert und taucht als abgesunkenes Kulturgut auf dem Handydisplay wieder auf, in einem Mischmasch aus Türkisch, Englisch und Deutsch, den keiner spricht aber jeder versteht. Früher verabredete man sich oder vereinbarte ein Rendezvous, heute schickt man eine SMS, und damit ist die Frage beantwortet, was aus der auf einen Bierdeckel notierten Telefonnummer geworden ist.


Hans Christoph Buch, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las im Jahr seines Abiturs (1963) bereits vor der Gruppe 47. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung "Unerhörte Begebenheiten". Ende der 60er Jahre verschaffte er sich Gehör als Herausgeber theoretischer Schriften, von Dokumentationen und Anthologien. Auch mit seinen Essays versuchte er, politisches und ästhetisches Engagement miteinander zu versöhnen. Erst 1984 erschien sein lang erwartetes Romandebüt: "Die Hochzeit von Port au Prince". Aus seinen Veröffentlichungen: "In Kafkas Schloß", "Wie Karl May Adolf Hitler traf", "Blut im Schuh". 2004 erschien "Tanzende Schatten".