Slavoj Žižek: "Unordnung im Himmel“

Verstopfte Ausfahrt in eine bessere Welt

07:24 Minuten
Buchcover zu "Unorndung im Himmel" von Slavoj Zizek mit ihm auf dem Titel.
© wbg Theiss Verlag

Slavoj Žižek

Aus dem Englischen von Axel Walter

Unordnung im Himmel. Lageberichte aus dem irdischen Chaoswbg Theiss, Darmstadt 2022

288 Seiten

25,00 Euro

Von Arno Orzessek  · 21.11.2022
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Kraftstrotzend die Gegenwart durchdenken und den Kapitalismus fürchterlich nerven: Das ist es, was Slavoj Žižek gerne tut, so auch in seinem neuen Buch. Thematisch geht es von Thunberg bis Hegel, von Rammstein bis Trump.
Dieses Buch kommt genau zur richtigen Zeit. Vorausgesetzt, Sie brauchen mal wieder eine Dosis Žižek. Denn egal, auf welches Thema sich der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Žižek wirft: Es ist die kraftstrotzende intellektuelle Performance, die seine Texte zu typischen Žižeks macht. Es kann schon mal nervig sein, der misslichen Realität im späten Kapitalismus auf die Nerven zu fallen. Es ist aber Žižeks Mission. Und langweilig oder uninspiriert geht es dabei selten zu. Das ist auch gut so.
Denn "Unordnung im Himmel" ist eine recht beliebige Ansammlung von 35 Aufsätzen, die Žižek in den letzten Jahren verfasst hat. Der Verlag wbg Theiss hat die englische Originalausgabe "Heaven in Disorder" um einige Stücke ergänzt. Es dürfte sich hier wie dort um Zweitverwertungen handeln (klargestellt wird das nicht). Die Žižek-Dosis bleibt indessen stark genug.

Ein bisschen von gestern

Lenins Forderung nach der "konkreten Analyse der konkreten Situation" stets im Sinn, wirbt Žižek mehrfach um Engagement für den Politaktivisten Julian Assange, den er 2019 im Gefängnis besucht hat: "They are killing him softly" (Žižek variiert hier einen Fugees-Hit). Wer von dem Unrecht, das Assange widerfährt, nicht reden wolle, der "sollte auch von Menschenrechtsverletzungen in Hongkong und Belarus" schweigen.
Slavoj Žižek sitzt auf einem kleinen Motorboot in einem See umgeben von Möwen.
In dem Dokumentarfilm "The Pervert's Guide To Ideology" der Regisseurin Sophie Fiennes aus dem Jahr 2012 spielt Slavoj Žižek sich selbst. © imago images / Mary Evans
Wie, Belarus? Nicht Russland, nicht Katar? Tja, so ist das hier: Vieles wirkt zunächst hochgradig aktuell, erweist sich aber als ein bisschen von gestern. Wenn Žižek Corona als Heimsuchung der Menschheit durch die Koalition von Virennatur und globalem Kapitalismus beleuchtet, ist das scharfsinnig, aber weder brandheiße Gegenwart, noch bereits Zeitgeschichte, sondern irgendwas dazwischen.

Aufrührend, anrührend, rührselig

Dass die Band Rammstein fast so viel Aufmerksamkeit erhält wie Donald Trump, verblüfft nur Neulinge in Žižeks pop-politik-philosophischem Spezialuniversum. Verblüffend für alle jedoch ist, dass der Aufsatz "Trump und Rammstein - eine Gegenüberstellung" kaum von den beiden handelt. Dafür von der Retrospektive "Philip Guston Now", die auf Eis gelegt wurde, weil Gustons düster-satirische Ku-Kux-Klan-Bilder Beifall von rechts außen erheischen könnten. Ein Umstand, der auch Rammsteins musikalischer Nazi-Persiflage zur Last gelegt wurde.

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Für Žižek eine Dummheit. Wie er indessen die Rammstein-Zeilen "Weiter, weiter ins Verderben. / Wir müssen leben, bis wir sterben" mit Blick auf die Pandemie interpretiert und den Leuten im Gesundheitswesen widmet, ist aufrührend, anrührend und ein bisschen rührselig.

Die linke Ausfahrt

Žižek findet Trump natürlich fürchterlich, aber er hält Joe Biden welthistorisch auch nur für das kleinere Übel: "Democracy reborn? Nicht mit Joe Biden!" Er schwärmt vom linken Demokraten Bernie Sanders. Und wie auch anders: Restlos entflammt ist Žižek immer dann, wenn er die kapitalistische Wirklichkeit attackiert und nach der linken Ausfahrt eine bessere Welt sucht. Wo selbige liegen könnte, bleibt diffus.
Mit dem real existierenden Sozialismus hat Žižek gebrochen. Dennoch bleibt er Kommunist, denn Kommunismus sei "die einzige Wahl". Žižeks Begriff von Kommunismus ist jedoch schmerzhaft unterbestimmt: "Beim Kommunismus entscheiden wir frei, was zu tun ist, was getan werden muss." Könnte auch ein Liberaler sagen, oder? Aber nun, Žižeks Zeitangabe trifft den Zeitgeist: "Es ist fünf nach zwölf." Umso mehr gilt: "Wir müssen leben, bis wir sterben."
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