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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.11.2006

Skrupelloser Kampf um Rohstoffe

John Le Carré: "Geheime Melodie". List Verlag 2006 Berlin, 215 Seiten

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John Le Carre, hier auf dem Berliner Filmfestival, Februar 2001 (AP)
John Le Carre, hier auf dem Berliner Filmfestival, Februar 2001 (AP)

Der eitle Londoner Dolmetscher Bruno Salvador fühlt sich geschmeichelt, als er für den britischen Geheimdienst eine Konferenz dolmetschen soll, zumal es dabei um die Zukunft seines Geburtslandes Kongo geht. Doch bei dem Treffen mit kongolesischen Rebellenführern dämmert ihm, dass es gar nicht um die Rettung der Demokratie in seiner Heimat geht, sondern um die Sicherung von Rohstoffen. Der anfangs naive Bruno wird schließlich zum verfolgten Verräter.

Aktueller geht es kaum. Eine schwer bewaffnete europäische Friedenstruppe steht Gewehr bei Fuß in Kinshasa. Sie sollte verhindern, dass im Kongo während des Wahlkampfes die Kontrahenten mit Waffengewalt aufeinander losgehen. Jetzt ist gewählt worden und jeder befürchtet, einer der unterlegenen Kandidaten könnte einen landesweiten Bürgerkrieg entfachen. Für Optimismus wenig Anlass. Gleichzeitig sichern sich britische Öl- und Bergbaufirmen entgegen eines internationalen Moratoriums exklusive Schürfrechte im Kongo.

Zu diesem realen Szenario passt John Le Carrés jüngster Spionagethriller "Geheime Melodie" perfekt. Als er ihn schrieb, konnte er nicht ahnen, was im Kongo passieren würde. Aber er kannte die Verhältnisse, war er doch vor Ort, um seiner Geschichte jenes authentische Flair zu geben, jenen verblüffenden Detailreichtum, der all seine Romane auszeichnet.

Der Ostkongo, die Grenzregion zu Uganda, Ruanda und Burundi ist ein permanenter Krisenherd. Zerlumpte Rebellentruppen kämpfen um den Zugriff auf wichtige Mineralien, verscherbeln die Rohstoffe an den Meistbietenden, liefern sich untereinander und mit den ebenfalls beutegierigen Regierungstruppen Scharmützel trotz UN-Anwesenheit. Ethnische Unterschiede werden systematisch geschürt, immer wieder ganze Dörfer massakriert.

Vor diesem Hintergrund spielt John Le Carrés Geschichte, die ohne aufregende Verfolgungsjagden oder nervenzerfetzende Action aufwartet. Aber das war noch nie sein Stil. Er liebt das Kammerspiel, die lächelnde Konfrontation in kleinem Kreis, gepflegt und gesittet, mit tödlichen Folgen.

Im Mittelpunkt seines Romans steht Bruno Salvador, ein Sprachgenie, der außer Englisch auch Französisch und Swahili sowie die verschiedenen Dialekte, die im Ostkongo gesprochen werden, perfekt beherrscht und sich als Übersetzer in London einen Namen gemacht hat. Bisweilen heuert ihn der Geheimdienst als Dolmetscher an. Darauf ist er als britischer Bürger besonders stolz.

Seine Fähigkeiten sichern ihm ein gutes Einkommen und erlauben es ihm, seinen kleinen Marotten nachzugeben. Er trägt nur sündhaft teure Nobelmarken. Salvo, wie ihn alle Welt nennt, ist eitel und genießt das Leben, auch wenn er mit seiner Frau, beste britische Upperclass und Starkommentatorin der Boulevardpresse, gerade etwas Ärger hat und eine Affäre mit einer schwarzen Krankenschwester aus seiner Heimat beginnt.

Als der Geheimdienst an ihn herantritt, um ihn für eine wichtige, natürlich streng geheime Konferenz anzuheuern, fühlt er sich ebenso geschmeichelt wie aufgeregt. Dass man ihm über seinen Auftrag nicht viel mitteilt, stört ihn weniger, als dass er dafür in schäbige Alltagskleidung schlüpfen soll. Doch für das Ungemach winkt ein fürstliches Honorar. Also übersieht Salvo alle Ungereimtheiten.

Ein Hubschrauber bringt ihn auf eine einsame Insel in der Nordsee, auf der kurz darauf vier eigentlich miteinander verfeindete ostkongolesische Kriegsherren eintreffen. Sie sollen nach dem Willen des Veranstalters, des britischen Geheimdienstes gemeinsam den alten Politiker Mwangaza an die Macht bringen, um dem Kongo endlich Frieden zu bringen.

Salvo ist von dem Plan durchaus angetan, immerhin hat er seine Jugend im Kongo verbracht - Ergebnis einer sündhaften und darum auch verschwiegenen Liaison eines irischen Missionars mit einem kongolesischen Dorfmädchen, aufgewachsen als Waisenkind in einer Missionsstation. Nachdem er sich trickreich nach England durchgeschlagen hat, schützen ihn sein nur mäßig brauner Teint und seine glatten Haare vor allzu offener Diskriminierung.

Dass man ihn eher benutzt als akzeptiert, versucht er zu übersehen, auch wenn es ihn kränkt. Dass er plötzlich Spion spielen darf zu Ehren des Vaterlands, findet er aufregend. Naiv verschließt er sich der Erkenntnis, dass ganz andere Interessen auf dem Spiel stehen, als im Kongo die Demokratie einzuführen. Im Laufe der Verhandlungen verliert er dann allmählich seinen Kinderglauben an britische Fairness und Unparteilichkeit, entdeckt, wie arg er belogen und getäuscht worden ist und wird plötzlich zum verfemten Außenseiter, gejagten Verräter.

John Le Carré steigt die Dramatik der Handlung peu á peu, beginnt in ruhigem Plauderton, bevor er seinen "Helden" immer tiefer in das tückische Gestrüpp der politischen Amoral des britischen Geheimdienstes jagt, ihm seine demokratischen Illusionen raubt, schließlich sein Leben bedroht. Das Spiel funktioniert allerdings nur, weil Salvo so leichtgläubig und naiv ist. Das erlaubt es seinem geistigen Vater, die Enthüllungen wohl dosiert zu präsentieren.

Ein anfangs nur amüsanter, zu guter Letzt dann doch spannungsgeladener Roman über die Skrupellosigkeit und Geldgier der britischen Wirtschaft und ihres Handlangers, des Geheimdienstes. Big Business unterliegt ausnahmsweise. Doch dieser Ausgang ist ebenso unrealistisch wie die Hoffnung auf einen friedlichen Wahlausgang im Kongo.

Rezensiert von Johannes Kaiser


John Le Carré: Geheime Melodie
Übersetzung Sabine Roth, Regina Rawlinson
List Verlag 2006 Berlin
215 Seiten, 22 Euro

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