Skiverband: Bürger haben aus Angst gegen Olympia gestimmt

Christian Hirneis und Peter Schlickenrieder im Gespräch mit Marietta Schwarz · 11.11.2013
Das Nein zur Münchner Olympiabewerbung führt der Deutsche Skiverband vor allem auf eine "Angststimmung" in der Bevölkerung zurück. Der Bund Naturschutz Bayern hingegen betonte, aus der Umweltperspektive seien die Olympischen Spiele momentan nirgendwo gut aufgehoben.
Marietta Schwarz: Münchens Traum von Olympischen Winterspielen ist einmal mehr geplatzt – beim gestrigen Bürgerentscheid stimmte die Mehrheit der Wahlberechtigten gegen eine weitere Bewerbung für 2022. Aufgerufen waren die Wahlbürger in München, Garmisch-Partenkirchen sowie in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land. Alle vier Wahlkreise hätten mehrheitlich mit Ja stimmen müssen, am Ende des Tages war klar, für die meisten ist Olympia wohl eher ein Albtraum, Leute wie Christian Hirneis vom Bund Naturschutz etwa. Guten Morgen, Herr Hirneis!

Christian Hirneis: Einen wunderschönen guten Morgen!

Schwarz: Und es ist auch ein Befürworter am Telefon, nämlich Peter Schlickenrieder, Vizepräsident des Deutschen Skiverbandes. Guten Morgen, Herr Schlickenrieder!

Peter Schlickenrieder: Guten Morgen!

Schwarz: Statt viermal Ja hieß es gestern viermal Nein. Herr Schlickenrieder, haben Sie die Begeisterung in der Bevölkerung überschätzt?

Schlickenrieder: Na, überschätzt – ich sag jetzt mal, das ist halt einfach schon teilweise knappe Ausgänge, aber dass es so deutlich ausfällt, also alle vier Bürgerentscheide dagegen stimmen, das, glaube ich, hätte keiner, weder der Befürworter noch der Gegner, erwartet. Also von daher, denke ich, war das schon sehr überraschend, und ich denke, jetzt liegt es eigentlich so ein bisschen auch an uns, zu analysieren, was ist das, was sind die Hauptgründe. Ich denke, man kann sich sehr schnell natürlich irgendeinen Reim darauf machen, dass gerade die Umstände, die man in Sotschi erlebt, also sprich, diese enormen Umwälzungen, die enormen Natureingriffe, dass so was natürlich schon Angst macht. Und gerade, sagen wir bei der ganzen generellen Stimmung – ich glaube schon, dass wir im Moment in so einer Angststimmung leben – versucht man, das zu bewahren, was man hat, oder wirklich dort keine Veränderungen herbeizuführen. Und ich glaube, dass die Angst da ganz ein großer Treiber dessen war, wie man hier entschieden hat.

Schwarz: Christian Hirneis, sehen Sie das auch so? Angst vor Zuständen wie in Sotschii?

"Menschen wollen das ewige Immer-höher, Immer-weiter nicht mehr"
Hirneis: Also dass man München oder die Bewerbung Münchens mit Sotschi nicht vergleichen kann, ist uns auch klar. Also so schlimm wäre es bei uns nicht gekommen. Aber es ist mit Sicherheit keine Angst, sondern ich denke, es ist die Vernunft der Menschen in diesem Land, die mittlerweile verstanden haben, dass ewiges Wachstum, ewiges Immer-höher, Immer-weiter, Immer-mehr, und das auf Kosten in der Regel der Menschen, weil es sind unsere Steuergelder, die dafür ausgegeben werden, es ist auch unsere Umwelt und Natur, unsere Landschaften, die dafür mit Eingriffen zu rechnen haben, wo Eingriffe erfolgen werden, in welchem Umfang auch immer, die Menschen einfach nicht mehr wollen.

Nur mal nebenbei, es ist die Vernunft. Ich habe jetzt den fünften Bürgerentscheid in eineinhalb Jahren mitgemacht, da ging es immer um solche Großprojekte, Startbahnen, Möbelhäuser. Und die Menschen glauben nicht mehr an das, was ihnen versprochen wird. Wenn diese Eingriffe kommen und sagen Nein, wir wollen das nicht, weil unsere Lebensgrundlagen dabei zerstört werden.

Schwarz: Herr Schlickenrieder, sehen Sie das ähnlich? Wenn wir mal bleiben bei den Ursachen für dieses Ergebnis?

Schlickenrieder: Also ich glaube schon, dass da sehr viel Wahres dran ist oder dass das genau das Gefühl der Menschen ausdrückt. Dass man einfach Angst hat. Ich sag immer wieder Angst, vor dem – wo soll das Wachstum hinführen? Also die Entwicklung der letzten Jahre ist ja natürlich schon, egal in welchem Bereich, ob es jetzt Großbauprojekte sind oder letztlich auch Sportveranstaltungen, immer größer, weiter, höher. Und das ist natürlich was, was irgendwie so dann über den eigenen Vorstellungshorizont hinausgeht oder vor allen Dingen halt einfach diese Ängste schürt. Also das ist definitiv ein Problem, und ich sag jetzt mal, das ist einerseits Gefahr, aber andererseits natürlich auch die Riesenchance, die so eine Region hat oder die so ein Olympiabewerber hat, daraus eben das Beste zu machen.

Und ich sag', wenn jemand Olympia organisieren kann, nachhaltig organisieren kann, dann sind das wir. Und dann ist das, glaube ich auch, wäre das für die Jugend, für den generellen Industriestandort, Arbeitsplatzstandort ein ganz wichtiger, entscheidender Faktor für die Zukunft. Und ich sag, man kann halt wahrscheinlich jetzt, die Entscheidung, die man jetzt gegen so etwas fällt, noch gar nicht abschätzen. Ich sag mal, so etwas trifft uns dann in zehn, fünfzehn Jahren, wenn halt Arbeitsplätze wegbrechen, weil wir die Investitionen nicht getätigt haben. Aber es stimmt schon, man muss sich kritisch Gedanken machen, wo führt ewiges Wachstum hin?

Schwarz: Für viele galt diese gestrige Entscheidung ja auch oder viele haben sie interpretiert als Misstrauensvotum gegen die Intransparenz des IOC. Herr Hirneis, für Sie, denke ich mir, als Naturschützer, standen eher Umweltfragen im Fokus. Aber – hätten das nicht umweltfreundliche, nachhaltige Spiele mit einem selbstverordneten Ethik-Code werden können?

Hirneis: Also zum einen ist das bestimmt einer der Gründe, das IOC, dass die Menschen sich gegen Olympia entschieden haben oder gegen die Bewerbung. Es ist ein ganzer Strauß an Gründen. Für die einen waren es die Steuergelder, für die anderen eben diese Knebelverträge des IOC, das intransparente IOC. Aber natürlich auch die Naturzerstörung, die unweigerlich kommt bei so einem Großereignis. Es ist richtig, dass die Bewerbung Münchens natürlich deutlich nachhaltiger war als die zum Beispiel in Sotschi. Also so einen Wahnsinn werden wir hoffentlich nie wieder erleben.

Aber ich denke auch, wenn München sich beworben hätte, dann wäre das auch eine Legitimation gewesen für Olympische Winterspiele. Deutschland hat einen hervorragenden Ruf in der Welt, und wenn andere Länder sehen, Deutschland bewirbt sich, bewerben die sich auch. Und wir wissen nicht, was da rauskommt.

Unsere Hoffnung ist, dass das IOC jetzt sieht, dass – Deutschland ist ja angeblich die größte Wintersportnation der Welt, wurde uns ja vorher erzählt. In meinen Augen ist es die Schweiz. Die Schweiz hat es auch abgelehnt. Und wir hoffen, dass diese Ablehnungen von Wintersportnationen, die auch wirklich wintersportbegeistert sind – und ich möchte auch keinem Menschen die Wintersportbegeisterung nehmen, aber wenn im Voralpenland der Schnee liegt, dann sollen die Leute auch Wintersport betreiben und Langlaufen gehen und Skifahren. Dass das IOC vielleicht sich irgendwann mal darüber Gedanken macht, dass es so nicht weitergehen kann. Weil wir uns vom IOC diktieren lassen, wie diese Spiele auszusehen haben.

Schwarz: Herr Schlickenrieder, muss das IOC umdenken?

"Es gibt erste Versuche, um den Gigantismus einzudämmen"
Schlickenrieder: Also ich sag mal, man muss sicherlich daran arbeiten, das, was man schon macht, auch entsprechend zu kommunizieren. Ich sag mal, wenn man immer so von "dem" IOC spricht, dann muss man ja ganz ehrlich sagen, sind am Ende des Tages wir, die in einem Verein sind, die Vereinsmitglied sind, der wieder in einem Landesskiverband, in einem Dachverband ist – wir sind ja letztlich, also ein großer Teil der Menschen ist im weitesten Sinne IOC. Und von daher sage ich einmal, ich erlebe es ja jetzt am Beispiel meines Präsidenten: Wir haben einfach die Möglichkeit, dort mitzugestalten und mitzuarbeiten.

Also sagen wir mal, das IOC ist am Ende des Tages eine ganz breit gestreute gesellschaftliche Vereinigung. Und drum sag ich, es nützt einfach, dort in der Familie diese Themen anzugreifen, anzupacken, beziehungsweise auch das, was Gutes passiert – aber das ist natürlich oft so, alles was in einem Verein, in einem ehrenamtlichen Verein passiert, die guten Dinge, schafft man oft nicht, nach außen zu transportieren. Die muss man einfach erleben, wenn man in dem Verein ist, und das, denke ich, muss eigentlich so den Anlass geben, dass man versucht, seine Familie näher zusammenzurücken, natürlich über die einen oder anderen kritischen Entwicklungen nachzudenken, wie man die aufhalten kann. Ich denk, man sieht ja erste Bemühungen, wenn man versucht, Olympische Spiele zu verschlanken und Sportarten, die vielleicht nicht mehr in der Breite ausgeführt werden, aus dem olympischen Programm zu nehmen. Also das sind ja erste Versuche, um den Gigantismus einzudämmen.

Schwarz: Hätte man denn mit diesem Ethik-Code überhaupt eine Chance auf Realisierung gehabt zum einen als Bewerber gegenüber den Konkurrenten und zum anderen auch mit diesem Papier als Druckmittel?

Schlickenrieder: Als Druckmittel – also ich glaube, Druckmittel funktionieren immer schlecht. Ich sag jetzt, wie ich es gerade dargestellt habe. Es ist ja nicht das ferne IOC. Das sind letztlich auch Menschen, die irgendwann selber Sportler waren. Wenn man jetzt an einen Herrn Bach denkt, der jetzt IOC-Vorstand ist, der selbst in einem Verein mit dem Degenfechten begonnen hat, also wirklich in einer kleinen Institution.

Man baut da immer so, sagen wir mal, die Großen, Bösen vom IOC auf, und das ist ja nicht. Das sind Leute, die genau das gleiche wie wir in einem kleinen Verein oder letztlich zu Hause, die Langlaufen und Skifahren gehen wollen. Wir wollen einfach letztlich Spaß in der Natur haben, ohne die Natur, weil das einfach unser wichtigster Freizeitraum ist, ohne die Natur zu schädigen.

Also, letztendlich haben wir alle die gleichen Beweggründe, aber je größer so Institutionen werden, desto schwieriger und desto langsamer geht natürlich so ein Veränderungsprozess einher. Und ich sag einmal, den müssen wir halt einfach gemeinsam gestalten.

Schwarz: Christian Hirneis, zum Schluss noch die Frage: Olympische Winterspiele in München sind erst mal vom Tisch, aber woanders werden Sie stattfinden. Wo sind sie denn besser aus Umweltperspektive aufgehoben als in München?

Hirneis: Nirgends. Also aus Umweltperspektive sind die Olympischen Spiele, in der Art, wie sie momentan durchgeführt werden, nirgends gut aufgehoben auf der Welt. Nur ganz kurz, das IOC hat sich die Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben, die Bewerberstädte müssen auch Nachhaltigkeit mittlerweile in ihre Konzepte reinschreiben. Und nachdem die Nachhaltigkeit in die Konzepte geschrieben wurde, hat Sotschi die Spiele bekommen. Also da sieht man, dass das IOC da auch nur irgendwelche Worthülsen vergibt.

Es ist nirgendwo auf der Welt gut aufgehoben. Die Olympischen Winterspiele müssen kleiner werden, wieder dahin zurückkommen, was sie wirklich sind, nämlich ein Sportfest für die Jugend der Welt, das keinerlei Zerstörung und keinerlei Kosten für die Bürger nach sich zieht.

Schwarz: Danke an Christian Hirneis vom Bund Naturschutz und Peter Schlickenrieder, Vizepräsident des Deutschen Skiverbandes. Wir sprachen über das gestrige Nein zu den Olympischen Winterspielen in München 2022.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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