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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.10.2009

Skeptisch beäugte Annäherung

Armenische Intellektuelle zum türkisch-armenischen Abkommen

Von Mirko Schwanitz

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Der armenische Außenminister  Eduard Nalbandian und sein türkischer Kollege Ahmet Davutoglu schütteln sich die Hände nach der Unterzeichnung eines Abkommens zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen beider Länder. (AP)
Der armenische Außenminister Eduard Nalbandian und sein türkischer Kollege Ahmet Davutoglu schütteln sich die Hände nach der Unterzeichnung eines Abkommens zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen beider Länder. (AP)

Erstmals in ihrer Geschichte wollen Armenien und die Türkei diplomatische Beziehungen aufnehmen. Die Türkei will sogar die 1993 im Gefolge des Karabach-Konflikts geschlossenen Grenzen zum kleinen Nachbarn Armenien wieder öffnen. Ob das Abkommen das Papier wert ist, auf dem es unterzeichnet wird, muss sich erst noch zeigen. Viele armenische Intellektuelle sind skeptisch. Nicht nur, weil die Türkei kurz nach Unterzeichnung erneut Forderungen an Armenien stellte, sich aus den besetzten Gebieten in Aserbaidschan zurückzuziehen. Sondern auch, weil es in Armenien starke politische Kräfte gibt, die jede Annäherung ablehnen, solange die die Türkei den Genozid an den Armeniern nicht anerkannt hat.

"Charles Aznavour" steht auf dem Namensschild des riesigen, neuen Kulturzentrums in Stepanakert, der Hauptstadt von Nagorny Karabach. Drinnen probt eine der wenigen Rockbands in der der kleinen und von keinem Staat der Welt anerkannten Republik.

Gagik Arakelian: "Sechs oder sieben Rockgruppen gab es bei uns. Vor dem Krieg. Während des Krieges sind einige Musiker umgekommen, andere flüchteten und wieder andere verstummten. Wir, die übrig blieben, vereinten uns dann zu einer Band."

In den letzten Tagen klingt Gagik Arakelians E-Gitarre so, als wolle sie eine innere Unruhe ausdrücken. Denn auch Gagik verfolgt mit Interesse die Verhandlungen zwischen den so lange verfeindeten Ländern Armenien und Türkei. Im Prinzip findet er es gut, dass beide endlich diplomatische Beziehungen aufnehmen wollen.

Gagik Arakelian: "Mit diesem Schritt, glaube ich, wird sich die Situation entspannen. Ich glaube, dass das vielleicht der Anfang zur Anerkennung des Genozids ist, und das wäre für die Türkei ein großer geistiger Schritt. Es ist gut, wenn man den Nachbarn zeigt, dass man Fehler eingestehen kann."

Doch so richtig wollen die Musiker in Nagorny Karabach noch nicht an eine wirkliche Entspannung glauben. Für uns ist vor allem wichtig, welchen Preis wir hier dafür zahlen sollen, meint Gagik. Nur einen Tag nach Unterzeichnung des Abkommens hatte der türkische Ministerpräsident Erdogan dessen Ratifizierung erneut mit einem Rückzug der Armenier aus den besetzten aserbaidschanischen Gebieten verknüpft.

Eine Rückgabe dieser Gebiete kommt im Moment weder für den Rockmusiker Gagik noch für die junge Kulturministerin Karine Agabalian in Frage.

Karine Agabalian: "Wir sind Nachbarländer und wir müssen zusammenleben. Wir bedauern sehr, dass den aserbaidschanischen Kindern in der Schule beigebracht wird, dass wir Armenier ihre Feinde sind. Solange Aserbaidschan eine solche Politik betreibt, wird ein Aussöhnungsprozess sehr schwer sein. Wenn sie das aserbaidschanische Fernsehen einschalten, werden sie schnell das Gefühl haben, als würde über nichts anderes gesprochen als über die Rückeroberung von Berg-Karabach und die damit zusammenhängenden Probleme."

Wegen der aggressiven Töne aus Aserbaidschan sind die neuen Beziehungen zur Türkei für die meisten armenischen Kulturschaffenden nicht von der Frage zu trennen, was in Nagorny Karabach passieren wird. Wieso mische sich die Türkei eigentlich in Probleme ein, die Armenien und Aserbaidschan miteinander zu lösen haben, fragt der der Vorsitzende des armenischen Schriftstellerverbandes, Howhannes Grigorjan:

"Ich bin sehr für gute Beziehungen zwischen Armeniern und Türken. In meinen Büchern und meinen Vorlesungen vor Studenten spreche ich immer wieder darüber. Das Problem, das wir haben, ist ein psychologisches - wir trauen den Türken nicht! Auch ich traue ihnen nicht. Wir glauben nicht, dass sie die Wahrheit sagen."

Die jüngsten Äußerungen des türkischen Premiers, der erst Verträge unterzeichnet und deren Erfüllung dann von etwas abhängig macht, das nicht in diesen Verträgen steht, scheint die Meinung vieler Armenier zu bestätigen. Für viele, auch für Howhannes Grigorjan, ist die Türkei nach wie vor ein Land mit zwei Gesichtern: Noch immer leugnet die Türkei den Genozid an einer Million Armeniern während des Ersten Weltkrieges. Die jetzt beschlossene Gründung einer gemeinsamen Historikerkommission betrachten die armenischen Künstler als Farce. Schließlich seien alle Dokumente der Weltöffentlichkeit seit langem zugänglich.

Howhannes Grigorjan: "Während sie über die Öffnung der Grenzen sprechen und über die Erforschung der Geschichte, baut man in der Türkei ein Denkmal - ein Denkmal für den Genozid, den Armenier am türkischen Volk begangen haben sollen."

Der jungen Künstlergeneration Armeniens sind die politischen Spielchen ziemlich egal. Anders als bei der älteren Generation sind Vorurteile und Ängste bei uns nicht so fest zementiert, meint die Saxofonistin der Band "Gohara Payl", Hasmik Matirosjan.

"Als ich das erste Mal mit meiner Band in der Türkei auftreten sollte, hatte ich große Angst. Doch dann wurden wir dort sehr freundlich empfangen. Nirgends habe ich ein schlechtes Wort gehört. Weil bei uns immer ein ganz anderes Bild über die Türken und die Türkei herrschte, war ich sehr erstaunt."

Noch immer gibt es auch in Armenien Hardliner, die jede Öffnung zur Türkei von der Anerkennung des Genozids abhängig machen. Doch die Künstler beider Länder haben sich längst auf den steinigen Weg zu einer Versöhnung ohne Vorbedingungen gemacht. Seit fünf Jahren begegnen sich türkische und armenische Maler, Bildhauer und Fotografen auf der noch jungen Kunstbiennale in Armeniens zweitgrößter Stadt Gymri. Eine Grafik des Malers Zolak Topchyan zeigt eine blutrote Fläche, von der dem Betrachter weiße armenische Lettern entgegenschreien: Es ist genug!

Zolak Topchyan: "Es gibt heute eine Menge Künstler, die gegen die herrschenden Auffassungen protestieren. Wir haben schon immer abgelehnt, jeden Kontakt zur Türkei an eine Anerkennung des Genozids zu knüpfen. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. Ich will aber auch, dass wir Künstler uns klarer ausdrücken, sodass die Leute unsere Meinung auch erkennen können."

Vor allem für die Türken werde die nun begonnene Annäherung ein schwieriger Prozess sein. An dessen Ende, da ist sich Zolak Topchyan sicher, wird auch die Anerkennung des Genozids an den Armeniern stehen.

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