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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.05.2009

Skandalfreie Premiere

Tilman Knabes inszeniert "Samson und Dalila" im Opernhaus Köln

Von Ulrike Gondorf

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Premiere feierte die Oper "Samson und Dalila" in Köln. (Stock.XCHNG)
Premiere feierte die Oper "Samson und Dalila" in Köln. (Stock.XCHNG)

Der Aufruhr im Vorfeld war riesig: Ein Skandal nach dem nächsten vermutete die Presse bei Tilman Knabes Inszenierung von "Samson und Dalila" in Köln. Doch das Resultat strafte die Kritiker Lügen: Zwar kommt die Aufführung laut und schrill daher, doch die prognostizierten Skandale bleiben aus.

So kann es gehen mit den todsicher vorhergesagten Skandalen. Sie bleiben aus. Stattdessen gibt es einen spannenden und vom Publikum mit ungewöhnlich großer Konzentration verfolgten Opernabend und einen Schlussapplaus für Tilman Knabes Inszenierung von "Samson und Dalila", der zwar von ein paar entschlossenen Buhrufern konterkariert wird, aber doch so lebhaft und laut ist, wie in Köln schon lange keiner mehr.

Gewaltorgien nie gekannten Ausmaßes vermutete die Presse, Solisten und Chorsänger stiegen reihenweise aus der Produktion aus, fühlten sich in ihrer Menschenwürde verletzt und psychisch beschädigt durch sadistische Quälereien und Vergewaltigungen, 8000 Liter Theaterblut sah eine Boulevardzeitung fließen. Da der Regisseur Tilman Knabe im Vorfeld ankündigte, das Stück in Gaza spielen zu lassen - wo der Komponist Camille Saint-Saens es auch ausdrücklich verortet hat - raunte man bereits vom Verdacht des Antisemitismus.

Nichts davon scheint berechtigt, wenn man das Resultat unvoreingenommen betrachtet - wobei es weder Publikum noch Kritiker etwas angeht, ob durch die Debatten im Vorfeld manches anders aussieht als zunächst geplant. Tilman Knabe hat einen düsteren, aggressiven Abend inszeniert. Krieg und Gewalt ohne Ende, ohne Lichtblick. Schreckliche, fanatische Menschen und falsche, instrumentalisierte Gefühle. Eben genau das, was in der Oper "Samson und Dalila" steht, und zwar nicht nur im Text, dessen Hauptwort "Hass" heißt, sondern auch in der Musik, die fassadenhafte Monumentalität oder gleißende Lüge kennt und kenntlich macht.

Als wollüstige Wunschkonzertnummer funktionieren Dalilas exotische Verführungsarien nur, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt. Effekthascherei und gezielte Provokation wird man dem Regisseur also nicht vorwerfen können, auch wenn er manchmal über das Ziel hinaus schießt und zu verkennen scheint, dass Oper eben keine realistische Kunst ist: Detonationen, Gewehrsalven, Stöhnen und Schreien zu den Klängen eines Symphonieorchesters steigern nicht die Wirkung sondern führen sich selbst ad absurdum.

Verfremdung dagegen, wie Knabe sie in einer Szene mit extrem verlangsamten Bewegungen und grell-grüner Beleuchtung ausprobiert, verdichtet die Vorgänge zu zeichenhafter Bedeutung. Und die große Verführungsszene des zweiten Aktes ist eine glasklar entwickelte, atemberaubend spannende Studie subtiler Gewalt: Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, Liebe und sexuelle Hingabe instrumentalisiert für Hass und Vernichtung.

Das ist eine schauspielerische Glanzleistung von Ursula Hesse von den Steinen, die die Rolle der Dalila von einer aus Protest zurückgetretenen Kollegin übernommen hat. Wie sie singt, kann man leider noch nicht beschreiben, denn sie musste bei der Premiere krankheitshalber synchronisiert werden von Irina Mishura, die von der Seitenbühne sang, mit souveräner Verfügung über alle Lagen und Farben dieser anspruchsvollen Partie.

Sängerisch überzeugend ist auch der Samson von Ray M. Wade jr.. Der Dirigent Enrico Delamboye akzentuiert seine Interpretation in eine Richtung, die mit der Szene zusammengeht: Sehr schnelle Tempi, entschlossene, bisweilen auch martialische Steigerungen in den großen Ensembles und im berühmten Bacchanal, mehr Kalkül des Farbenrausches als naive Klangsinnlichlichkeit, ein "moderner", niemals schwülstiger Saint-Saens.

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