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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.08.2011

Sittenbild einer verunsicherten Gesellschaft

Yassin Musharbash: "Radikal", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 398 Seiten

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In "Radikal" schmieden islamkritische Bildungsbürger geheime Aktionspläne. (AP)
In "Radikal" schmieden islamkritische Bildungsbürger geheime Aktionspläne. (AP)

Der Thriller "Radikal" macht einen politisch motivierten Anschlag in Deutschland zum Thema. Der Arabist und "Spiegel Online"-Journalist Yassin Musharbash hat deutsche und jordanische Wurzeln. Er hat als Rechercheur für Altmeister John le Carré gearbeitet und tritt mit diesem Buch, in dem es um die offenen Konflikte um Integration und Identität geht, in dessen große Fußstapfen.

Bislang ist Deutschland von islamistischen Terroranschlägen verschont geblieben. Das kann sich aber jederzeit ändern. Das ist der Ausgangspunkt des Romans "Radikal" -, etwa dadurch, dass ein charismatischer muslimischer Intellektueller Bundestagsabgeordneter wird und dadurch eine größere Aufmerksamkeit für seine Botschaft eines aufgeklärten, demokratischen Islam bekommt. Dieser Lutfi Latif beeindruckt durch seine Reden und seine Botschaften – und zieht Hass auf sich, der sich erst in feindseligen Briefen äußert und schließlich in einem Attentat während einer Live-Fernsehsendung endet, bei dem Latif und neun weitere Menschen sterben.

Seine deutsch-palästinensische Mitarbeiterin und sein auf Islamisten spezialisierter Sicherheitsberater haben Zweifel an der kurze Zeit darauf geäußerten Erklärung, es handele sich dabei um einen Anschlag aus dem Umfeld von El Kaida, denn unter den Drohungen gegen Latif waren auch viele Briefe von Islamhassern. Deswegen machen sie sich auf die Suche nach einer klandestinen Anti-Islam-Organisation, die sich offenbar aus wohlsituierten Bürgern rekrutiert.

"Radikal" ist ein beklemmendes Sittenbild unserer verunsicherten Gesellschaft zehn Jahre nach dem Anschlag von New York und ein Jahr nach der Veröffentlichung von Tilo Sarrazins Thesen gegen die islamische Bevölkerung in Deutschland. Vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Misstrauens gegen Rolle und Verhalten des großen Bevölkerungsanteils mit muslimischem Hintergrund stellt sich die Frage nach den wahren Urhebern des Anschlags. Dabei zeigt sich, dass islamkritische Bildungsbürger geheime Zirkel bilden, in denen sie nicht nur ihre Abneigung austauschen, sondern auch Aktionspläne schmieden. Es gibt im Roman sogar einen gewaltbereiten Elitezirkel der Islamhasser. Vor noch gar nicht langer Zeit hätten wir das für eine absurde Konstruktion gehalten, nach den Anschlägen von Norwegen bleibt diese Kritik im Halse stecken.

Musharbash ist ein politischer Thriller gelungen, wie es ihn in Deutschland nur selten gibt. Vielleicht gelingt das Horst Eckert und Jacques Berndorf in ihren besten Momenten, aber im Grunde kann der Roman nur mit Romanen vom Niveau der Altmeister John le Carré oder Frederick Forsyth verglichen werden. Musharbash hat für Le Carré zwei Jahre als Rechercheur gearbeitet, er ist ein Kenner des islamischen Terrorismus, worüber er seit vielen Jahren als Journalist bei Spiegel-Online schreibt. Ein satirisches Glanzlicht setzen seine pointierten Beobachtungen über die Verhältnisse in einer Nachrichten-Magazin Redaktion.

So muss ein Thriller sein, mit verschiedenen ineinander verschachtelten Handlungssträngen sowie der genauen Zeichnung der persönlichen Eigenheiten von Protagonisten und Nebenfiguren, zusammengeführt zu einer atemberaubenden Geschichte, die durch die präzise Kenntnis sowohl Berlins als auch der inneren Verhältnisse der politischen Berliner Republik ihre Überzeugungskraft erhält. Ein nachhaltiger politischer Thriller wird Musharbashs Buch durch die unangestrengte Thematisierung der offenen Konflikte um Integration und Identität. Dadurch wird die Frage zugespitzt, wann und warum die Bereitschaft zu radikalem Tun erwächst.

Besprochen von Andrea Fischer

Yassin Musharbash: Radikal
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 14,99 Euro, 398 Seiten

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