Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Samstag, 18.08.2018
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Im Gespräch | Beitrag vom 04.05.2018

Sinto und Florist Zoni Weisz"Ich muss von dem vergessenen Holocaust erzählen"

Moderation: Britta Bürger

Beitrag hören Podcast abonnieren
Zoni Weisz, niederländischer Sinto und Überlebender der nationalsozialistischen Verbrechen (imago/photothek)
Trotz des Verlusts seiner ganzen Familie, sei er heute ein glücklicher Mensch, sagt Zoni Weisz. (imago/photothek)

Er hat als einziger aus seiner Familie die Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt: Heute setzt Zoni Weisz seine ganze Energie daran, an die Ermordung der Sinti und Roma zu erinnern und die Traditionen seines Volkes bekannter zu machen.

Für das größte Blumengesteck der Welt wurde er mit einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde belohnt. Zoni Weisz machte als Florist eine glanzvolle Karriere und versorgte vier Generationen der niederländischen Königsfamilie mit Blumenschmuck – von der Tischdekoration über die aufwendig floral gestaltete Hochzeit bis hin zur Inaugurationsfeier. Die Blumen hätten sein Leben sehr bereichert, sagt der 81-Jährige. Seit er in Rente ist, setzt sich Zoni Weisz dafür ein, die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma während des Nationalsozialismus ins Bewusstsein zu rufen. Er ist selbst Sinto und hat als kleiner Junge einen Großteil seiner Familie verloren.

"Ich muss das erzählen. Von diesem vergessenen Holocaust. Jeder weiß, dass sechs Millionen Juden ermordet worden sind in der Nazi-Zeit. Aber so wenig Menschen wissen, dass auch von unseren Leuten mehr als 500.000 ermordet worden sind in der Nazi-Zeit. In West- und in Osteuropa."

Mit sieben Jahren rettet er sich vor den Nazis

Sieben Jahre war er, als er auf einem Bahnsteig in den Niederlanden um sein Leben rannte. Seine Eltern und Geschwister wurden in Auschwitz ermordet. Später kam er bei Verwandten unter, die sich dafür einsetzten, dass ihr Ziehsohn in die Schule ging und ihm damit den Weg in ein besseres Leben ebneten.

"Damals war es nicht normal, dass Sinti-Kinder in der Schule waren. Mein Vater war noch Analphabet, er konnte nicht lesen und schreiben. Ich war die erste Generation, die lesen und schreiben konnte. Der Schlüssel für eine bessere Zukunft ist immer Bildung, Bildung und nochmals Bildung! Ohne Bildung kann man keine Zukunft bauen."

Noch heute würden Sinti und Roma diskriminiert, hätten weniger Bildungschancen und in Teilen Osteuropas eine niedrigere Lebenserwartung als andere Gruppen.

"Wir sind die größte Minderheit in Europa: Zwölf Millionen Sinti und Roma. Wir müssen die gleichen Chancen haben wie jeder Europäer!"

"Ich sage immer: Unbekannt macht unbeliebt."

Gleichzeitig sei es wichtig, die reichen kulturellen Traditionen seines Volkes, die über Jahrhunderte weitergegeben wurden, bekannter zu machen. Nur so ließe sich Xenophobie abbauen.

"Ich sage immer: Unbekannt macht unbeliebt. Wir müssen uns mehr und mehr öffnen. Ohne unsere Identität zu verlieren, ohne unsere Kultur zu verlieren."

Auch als Zoni Weisz schon in der Ausbildung zum Floristen steckte, zog es ihn immer wieder zurück zum nomadischen Leben anderer Sinto. Es habe eine Zeit gebraucht, bis er seinen eigenen Weg gefunden habe.

"Als junger Mann bin ich oft zurückgegangen und es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich realisiert habe: Das ist ein Leben, das passt nicht mehr zu mir. Das war eine wichtige Entscheidung, aber das dauert ein bisschen. Aber es war eine gute Entscheidung. Später bin ich dann in einen Blumenladen gekommen zum Arbeiten. Und das war der Anfang von einem sehr glücklichen, erfolgreichen Leben."

Mehr zum Thema

Zoni Weisz: Das neue Mahnmal ist ein Ort der Hoffnung
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 24.10.2012)

Zoni Weisz: Ich hasse Rassisten und Nazis, aber nicht die Deutschen
(Deutschlandfunk Kultur, Thema, 24.10.2012)

Im Gespräch

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur