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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 05.12.2016

Sinnsuche statt Konsumrausch Die Rückkehr der Religion in China

Von Sebastian Hesse

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Die katholische Kirche Nanqiao im Distrikt Fengxian in Shanghai, China. Die Kirche erinnert an den französischen Missionar und ehemaligen Admiral Auguste Leopold, welcher am 17. Mai 1862 bei Kämpfen gegen die Taping Rebellen im Süden Shanghais ermordet wurde. (picture alliance / Imaginechina / Weng Lei)
Die katholische Kirche Nanqiao im Distrikt Fengxian in Shanghai, China. (picture alliance / Imaginechina / Weng Lei)

In chinesischen Großstädten ist eine Rückbesinnung auf spirituelle Traditionen zu beobachten, nachdem die aufstrebende chinesische Mittelklasse bisher im Konsumrausch gelebt hat. Der Staat lässt seine Bürger gewähren - solange die Sinnsuche nicht am Machtanspruch der Kommunistischen Partei kratzt.

"Alle Probleme können durch Liebe und Mitgefühl gelöst werden. Der Buddhismus setzt auf Güte und Weisheit."

Als "Lebende Buddhas" werden im tibetischen Buddhismus bedeutende Mönche bezeichnet, die als Wiedergeburten verstorbener Lamas, also buddhistischer Lehrer, verehrt werden.

Der Abt des Klosters Dazha trägt diesen Ehrentitel. Er dürfte Ende dreißig sein, hat eine runde Brille mit Stahlrand auf der Nase und lächelt zur Begrüßung so warmherzig und freundlich, wie man es bei einem Mann seiner Profession erwartet.

Im Gespräch überrascht er mit offenen Worten: 

"Der Dalai Lama ist wie der Panchen Lama und  viele andere lebende Lamas hier in Tibet ein hochangesehener religiöser Lehrer. Wir respektieren sie alle gleichermaßen."

Respekt für den Dalai Lama - den kann man in China nur öffentlich bekunden, wenn man sich ansonsten mit der Staatsmacht arrangiert hat.

"Religiöser Glaube und Sozialismus gehen Hand in Hand" – so war es bereits bei der Herfahrt auf einem Banner zu lesen - am Rand der Straße, die zum Dazha Tempel führt. Auch die politische Führung der Region ist stolz auf die Kunstschätze und die beeindruckende Architektur des Klosterbaus. Im Gegenzug stellt die Klosterführung die politischen Verhältnisse nicht in Frage. Tibetische Religiosität und chinesischer Sozialismus gehen hier tatsächlich Hand in Hand. 

Offiziell herrscht in China Religionsfreiheit. Es gibt fünf staatlich anerkannte Glaubensgemeinschaften: Den Taoismus, den Buddhismus, den Katholizismus, den Protestantismus und den Islam.

Dem Wohlstand folgt die innere Leere

Auch wenn es keine Statistiken gibt: China erlebt eine spürbare Renaissance der Religion. Je materiell wohlhabender das Wirtschaftswunderland wird, desto mehr wächst das Bedürfnis nach spiritueller Orientierung. Das glaubt auch der katholische Geistliche Michael Bauer. Er ist Seelsorger der deutschen katholischen Gemeinde in Shanghai. Pfarrer Bauer lebt seit vielen Jahren in China. 

"Bei allem Gewaltigen, was China in den letzten Jahren erreicht hat – hunderten Millionen Menschen geht es besser – , spürt man doch so etwas wie eine innere Leere bei einer ganzen Reihe von Menschen und da ist im Moment ein Vakuum, wo sicher auch Religion für viele eine Antwort sein kann."

Chinas buddhistische Tempel haben Zulauf: Jeden Tag sieht man dort Gläubige Weihrauch räuchern, beten, sich in alle vier Himmelsrichtungen verneigen.

Der Jade Tempel ist eines der wenigen aktiven Klöster in Schanghai. Die Anlage ist vergleichsweise jung. Sie wurde zwischen 1918 und 1928 erbaut. Ihr Herzstück ist die namensgebende, knapp zwei Meter große Buddha-Statue aus blassgrüner Jade.

Während die Gebetsräume mit den Kunstschätzen des Tempels die weltentrückte Ruhe chinesischer Tempelanlagen ausstrahlen, besteht der Rest des Klosters aus eher nüchtern-funktionalen Seminarräumlichkeiten.

Der Fuhrpark des Tempels ist stattlich

Auch der Fuhrpark mit eher höher preisigen Limousinen wirkt befremdlich. Offenbar ist ein spirituelles Zentrum im modernen, materialistischen China nur als wirtschaftlich funktionierender Betrieb überlebensfähig. Die Nachfrage jedenfalls steigt.

Die Buddha-Insel Putuoshan: Die Überfahrt dauert gerade einmal 20 Minuten. Von Schanghai aus fährt man etwa vier Stunden die Küste hinab. Dann hat man den Fährableger, der alljährlich zehntausende von Pilgern auf die Buddha-Insel bringt, erreicht. Wer aber sind die Gläubigen? Und was erwarten sie sich von ihrer Wallfahrt nach Putuoshan? 

Im höchstgelegenen Tempel auf der Insel, dem Huiji Tempel auf dem Foding Berg in Putuoshans Mitte, ein Geschäftsmann, 46 Jahre alt:

"Ich hatte das Gefühl, dass es mit meiner Familie nicht mehr so richtig läuft. Also kam ich hierher, um mit Weihrauch zu räuchern. Danach wurde alles besser. Aber ich hatte beruflich jede Menge Stress. Jetzt komme ich einmal im Jahr hierher und das verleiht mir innere Ruhe."

Abstand gewinnen, seine eigene Mitte wiederfinden, zur Ruhe kommen; viele suchen ein Wellness–Angebot mit spirituellem Überbau. Das sich dann durchaus gewinnbringend nutzen lässt:

"Eine Menge Geschäftsleute haben den Buddhismus für sich entdeckt. Sie wollen bessere Geschäfte machen und dass ihre Familie gesund bleibt."

Und, wie macht man das? Was muss man auf sich nehmen? 

"Ich zünde acht Räucherstäbchen für meine Geschäfte an und sechs Räucherstäbchen für meine Familie. Die sechs sollen dafür sorgen, dass meine Familie gesund bleibt."

Die äußeren Abläufe auf den Pilgeretappen folgen einem gleichbleibenden Ritus: Das Räuchern, die Verneigungen in alle Himmelsrichtungen, das Niederknien vor den Buddha-Statuen.

Der Frau geht es um das Innere und Geistige

Ein eher schlichtes Ritual, das sich bereits mit wenig Übung wie in Trance absolvieren lässt. Den ernsthaften Pilgern, wie dieser 35-jährigen Dame, geht es ohnehin um das Innere, das Geistige.

"Viele junge Leute behaupten, sie seien Buddhisten. Aber im Alltag handeln sie nicht nach ihrem Glauben. Es ist wichtig, den Buddha im Herzen zu tragen. Man sollte immer darauf achten, Gutes zu tun, ein guter Mensch zu sein. Es geht nicht darum, teure Räucherstäbchen und teure Kerzen zu kaufen."

Doch auch Putuoshan ist ein Gewerbebetrieb, der mit dem Pilgertourismus sein Geld verdient. In Harmonie mit dem klösterlichen Leben auf der Mönchsinsel.

Meister Jingmin ist Mönch, Gelehrter und Funktionär der Buddhistischen Gesellschaft auf Putuoshan. Er nimmt den kommerziellen Aspekt des Pilgertourismus gerne in Kauf und sieht darin einen Weg, möglichst vielen eine Auszeit zwischen Klöstern und Natur zu gönnen. 

"An den Buddha zu glauben, spendet den Menschen Trost, verleiht ihnen Hoffnung. Gläubige Menschen sind in der Regel glücklicher. In den letzten drei Jahrzehnten habe ich eine Menge Veränderungen erlebt. Heute kommen nicht nur alte Frauen nach Putuoshan. Nicht dass nur ältere Städterinnen kommen. Nein, die alten Damen sind jetzt in der Minderheit. Bei all unseren Zeremonien überwiegen die Jungen und die mittleren Alters."

 Auch Meister Jingmin sieht einen Zusammenhang mit den Begleiterscheinungen des chinesischen Wirtschaftsbooms. 

"Der Konkurrenzkampf, der Stress, die Unsicherheit haben so sehr zugenommen in unserer modernen Welt. In solchen Zeiten wir die Religion wieder essenziell." 

Viele müssen Religion erst wieder lernen

Doch viele sinnsuchende Chinesen müssen Religion erst wieder erlernen. Auch wenn sich die kommunistische Staatsmacht tolerant gibt in Bezug auf Glauben, so ist ihre Ideologie doch unverändert eine atheistische und hat das Land über Jahrzehnte geprägt.

Und während Maos Kulturrevolution, zwischen 1966 und dem Tod des Große Vorsitzenden zehn Jahre später, wurden nicht nur Gotteshäuser und Tempel geschliffen. Religiosität galt als konterrevolutionär. Erst jetzt erlebt China eine allmähliche Erholung von der Gleichschaltung dieses verheerenden Jahrzehnts.

In ganz China wurden die Tempel aufwendig saniert. Meditationszentren, buddhistische Retreats, Wallfahrtsorte springen wie Pilze aus dem Boden. Sich hier zu orientieren - das spirituell Seriöse vom rein Kommerziellen zu unterscheiden - fällt schwer. Das ist der Preis für den materiellen Wohlstandsschub seit Chinas Öffnung und Reform.

Und dennoch: Gerade die Beliebigkeit vieler spiritueller Lehren im heutigen China, ihre Unverbindlichkeit, Kommerzialität und mangelnde Tiefe irritieren so manchen Sinnsuchenden. Und so erklärt sich, dass in China eine Religion boomt, die aus einem ganz anderen Kulturkreis stammt: Das Christentum!

Eine regelmäßige Gottesdienstbesucherin ist Ester. Die 32-jährige ist bekennende Christin. Esther ist der biblische Name, den sich die junge Frau nach ihrer Taufe zugelegt hat. Hier betet sie das "Vater unser" auf Mandarin.

Die gertenschlanke, fast ein wenig zerbrechlich wirkende Frau hat mich in ihre Wohnung im siebten Stock eingeladen, direkt unterm Dach. Das Christentum hat die junge Chinesin nach längerer Suche entdeckt:

"Ich habe studiert, eine Menge Bücher gelesen, viel gearbeitet. Aber ich habe darin keine Zukunft für mich gesehen. Nichts, wofür es sich zu leben lohnte. Buddhismus und Taoismus haben mir nicht weitergeholfen. Das sind reine Philosophien. Und dann kam ich in Kontakt mit einer christlichen Gruppe."

Die Taufe war für Esther eine Art Rebellion

Die Taufe war für Esther auch eine Art Rebellion, eine Auflehnung gegen ihr Elternhaus, das Weltbild und Lebensverständnis ihrer Familie, die an der Grenze zu Myanmar lebt.

"Meine Eltern wissen nicht einmal, wofür sie eigentlich beten. Sie machen nichts als mit Weihrauch zu räuchern und sich vor Buddha-Statuen zu verneigen. Sie haben noch nie ein buddhistisches Buch gelesen, um zu verstehen, welchem Glauben sie da anhängen."

Es könnten bald 100 Millionen Chinesen sein, die sich zum Christentum bekennen: 80 Millionen Protestanten und 13 Millionen Katholiken gibt es nach aktuellen Schätzungen. Und damit mehr Christen, als die Kommunistische Partei Mitglieder hat. Und das Christentum ist keine Kirche im Verborgenen, sondern ausgesprochen sichtbar in China. 

Die Wallfahrtskirche von Sheshan liegt eine Autostunde südlich von Schanghai auf einem Berg. Das neugotische Gotteshaus ist schon von weitem sichtbar. Ein Kreuzweg führt vom Fuß der Berges hinauf zu der Kirche.

Jedes Jahr zu Pfingsten strömen tausende von Pilgern nach Sheshan, schreiten betend die Stationen des Kreuzweges ab, knien auf ihren Gebetskissen im Schatten der alten Bäume an den Hängen des Sheshan-Berges.

Eine Pilgergruppe aus Wenzhou. Wenzhou ist eine wohlhabende Hafenstadt, etwa eine Flugstunde südlich von Shanghai, in der besonders viele Christen leben.

"Weil wir stark im Glauben sind, würden wir niemals gefälschte Waren verkaufen, Plagiate. Wenn wir Ärger mit unseren Geschäftskunden haben, dann geben wir meistens nach. Ich denke, mein glauben hilft mir dabei, bessere Geschäfte zu machen."

Chinesische Christen sind nichts Exotisches

In diesem Glauben mit durchaus handfester Ausrichtung angeleitet werden die Pilger aus Wenzhou von Priester Wang. Der 40 Jahre alte Geistliche wehrt sich dagegen, in chinesischen Christen etwas Exotisches zu sehen.

"Glaube ist eigentlich eine natürliche Sache. In Wenzhou gibt es gar nicht so außerordentlich viele Gläubige. Das kommt einem nur so vor, weil Geschichte und Politik die Religion im Rest des Landes so unterdrückt haben. Mit der Religion ist es wie mit der Wirtschaft. Solange sich der Staat raushält, wächst und gedeiht sie."

Doch der chinesische Staat hält sich nur so lange aus kirchlichen Angelegenheiten heraus, wie seine eigene Vormachtstellung unangetastet bleibt. Und reagiert mit aller Härte, wenn er religiöse Gemeinschaften als Bedrohung empfindet. So geschehen etwa in Wenzhou, Chinas Jerusalem, dem Herkunftsort der Pilger von Sheshan. 

Im Sommer 2014 hat die Staatsmacht dort ein Exempel statuiert und als Demonstration ihrer Macht bei mehreren Kirchen die Kreuze abgehängt. Der damalige ARD-Korrespondent im Studio Schanghai fuhr hin, machte sich selber ein Bild vor Ort und interviewte unter anderem einen Aktivisten namens Daoming.

"Am 28. Juni kamen Sicherheitsleute und Arbeiter hierher, um das Kreuz abzubauen. Wir fragten sie nach einer offiziellen Anordnung, nach irgendeinem rechtlichen Dokument. Doch sie konnten uns nichts zeigen. Sie drängten herein und nahmen das Kreuz ab. Unser Kreuz hatte fast dreißig Jahre auf dem Dach gestanden und das legal. Am nächsten Tag haben wir es wieder aufgestellt."

Die Polizei hat den Gesprächspartner verhaftet

Zwei Jahre später fahre ich selber nach Wenzhou, um zu sehen, was aus dem Kulturkampf um die Kreuze geworden ist. Die Reise endet im Desaster: Besagten Daoming, mit dem ich für ein Interview verabredet bin, hat man bereits verhaftet, bevor ich in Wenzhou ankomme. Einen Tag Sicherheitsgewahrsam, bis der ausländische Journalist abgereist ist. Der Fahrer, den mein Assistent und ich angeheuert haben und der uns am Flughafen abholt, entpuppt sich als gekauft oder als getarnter Polizist. Jedenfalls behindert und verzögert er nach Kräften unseren Trip. 

Andere Gesprächspartner, mit denen wir verabredet sind, werden so eingeschüchtert, dass sie das Interview absagen. Schließlich werden wir selber von Regierungsoffiziellen abgefangen und so massiv von der Arbeit abgehalten, dass wir am Ende des Tages unverrichteter Dinge wieder abreisen müssen. Je größer der Zulauf zu Kirchen und Tempeln, so scheint es, desto nervöser wird Chinas Führung.

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