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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.04.2006

Sinn fürs Groteske in Momenten großer Tragik

Verleihung des Cervantes-Preises 2005 an Sergio Pitol

Von Gregor Ziolkowski

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Windmühlen in Campo de Criptana in der Region La Mancha (AP Archiv)
Windmühlen in Campo de Criptana in der Region La Mancha (AP Archiv)

Dem mexikanische Schriftsteller Sergio Pitol, Cervantes-Preisträger des Jahres 2005, wurde jetzt die Auszeichnung überreicht. In seiner Dankesrede hob Pitol insbesondere den Geist der Freiheit heraus, der sich in Cervantes "Quijote" verewigt hat. Freiheit, durchaus verstanden in einem politischen Sinn als die Freiheit des Individuums.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Cervantes-Preises, das seine Verkündigung zwar auf das Ende jenes Jahres fällt, für das die Auszeichnung verliehen wird, die Überreichung freilich auf das Frühjahr des Folgejahres. Der mexikanische Schriftsteller Sergio Pitol, Preisträger des Jahres 2005 also, wurde auf diese Weise zum Gekürten in einem doppelten Jubiläumsjahr: zum 30. Mal wurde die Auszeichnung jetzt verliehen und das für jenes Jahr, in dem mit hohem Aufwand des 400. Jubiläums der Erstveröffentlichung des "Don Quijote" gedacht wurde. Der Autor, sich dieser Bürde durchaus bewusst, trug denn auch eine sehr klassische, fast möchte man sagen: artige Dankesrede vor. Und die begann bei seinen Anfängen, bei den Tragödien seines Lebens: Mit vier Jahren Vollwaise, wuchs Pitol bei seiner Großmutter auf. Eine Malariaerkrankung fesselte ihn, seit er fünf war, für mehrere Jahre praktisch ans Bett.

"Meine Großmutter las den ganzen Tag über, ihr Lieblingsautor war Tolstoi. Meine Krankheit führte auch mich zum Lesen. Ich begann mit Verne, Stevenson und Dickens, mit zwölf Jahren hatte ich "Krieg und Frieden" von Tolstoi gelesen. Mit sechzehn, siebzehn Jahren war ich vertraut mit Proust, Faulkner, Thomas Mann und Virginia Woolf, ich kannte Kafka, Neruda und Borges, die zeit-genössische mexikanische Dichtung und die spanische Generation von 1927, ebenso wie die klassische spanische Literatur."

Der Student in Mexiko-Stadt, eingeschrieben für Jura, Philosophie und Litera-turwissenschaft, trifft auf Lehrer, die ihn tief prägen. Jede Verneigung vor ihnen legte in dieser Rede immer auch ein Stück von Pitols eigener Poetik frei. Im Fall des Staatsrechtlers Manuel de Pedrosa hob er die tiefe Verwurzelung in der Weltliteratur und die unorthodoxe Lehrmethode hervor; die Begegnung mit dem Schriftsteller Alfonso Reyes weckte seine Sensibilität für die Nuancen und die Musikalität der Sprache sowie die Lust auf weite Reisen.

All das findet sich wieder in seinen Büchern wie auch in seiner Biographie: 30 Jahre lang bereiste er die Welt, zum Teil als Diplomat. Mehrere seiner Lehrer waren spanische Republikaner, die im Ergebnis des Bürgerkriegs ins mexikanische Exil geflüchtet waren. Luis Buñuel, Max Aub und María Zambrano, Luis Cernuda oder Manuel Altoalguirre - Pitol rief diese und weitere Namen auf, um auch ihnen seinen Dank abzustatten.

"Das spanische Exil hat auf bemerkenswerte Weise die mexikanische Kultur bereichert. Universitäten, Verlage, Zeitschriften, das Theater und der Film, die Wissenschaft und die Architektur wurden erneuert. Diese Fremden, besiegt in einem schrecklichen Krieg, schufen bei uns ein deutlich besseres intellektuelles Klima. Sie lehrten uns, dieses Spanien, dessen Vertreter sie waren, zu verstehen und zu lieben. Und sie erweiterten dabei unsere Horizonte."

Und natürlich fehlte in dieser Rede nicht die Danksagung an Cervantes und den "Quijote". Sergio Pitol hob insbesondere den Geist der Freiheit heraus, der sich in diesem Werk verewigt hat. Freiheit, durchaus verstanden in einem politischen Sinn als die Freiheit des Individuums. Aber auch auf einen anderen Aspekt der Freiheit ging er ein, und wieder enthüllte die Würdigung wesentliche Elemente seines eigenen Schreibens.

"Cervantes demonstriert bei der Konstruktion des "Don Quijote" seine abso-lute Freiheit. Der Wahnsinn Quijotes setzt einen weiten Rahmen für jede Idee, jeden Einfall. Es gibt mehrere hervorragende Kurzromane, die sich auf der Rei-se Quijotes und Sanchos ereignen. Einige von ihnen haben keinerlei Bezug zur Haupthandlung, zu ihrer Zeit und ihrem Ort. Und wie aus dem Nichts treffen wir im Roman auf philosophische Monologe und akademische Diskussionen über Literatur und Theater. Und nicht zuletzt ist es sehr schwer für einen Schriftsteller, eine Handlung schlüssig zu entwickeln, in der sich eine Tragödie oder Grausamkeit verbindet mit dem Karnevalesken, der Parodie und der Kari-katur."

Die Maßgaben, die er bei Cervantes und seinen anderen Lehrern herausgearbei-tet hat, gelten auch für Pitols eigenes Werk. Romane wie "Defilee der Liebe" oder "Eheleben" - in deutscher Sprache erscheinen seine Bücher im Verlag Klaus Wagenbach - sind Zeugnisse für die große Virtuosität, mit der der Mexikaner seine Geschichten erzählt. Sie offenbaren seinen Sinn fürs Groteske, das sich nicht selten in Momenten großer Tragik enthüllt.

Nicht anders sein Buch "Die Reise", das einen Besuch in der Sowjetunion schil-dert, den der Autor 1986 unternahm. Das Absurde einer restriktiven Kulturbü-rokratie mischt sich mit der Aufbruchstimmung der Perestroika einerseits, wird aber - andererseits – konterkariert durch die eingearbeiteten Tragödien von Schriftstellern und Künstlern während der Stalinzeit. Russland, die russische Literatur bildet einen Kern in der anderen Facette dieses Autors, seiner Arbeit als Übersetzer. Gogol und Tschechow hat er ins Spanische übersetzt, aus dem Polnischen Gombrowicz und Andrzejewski, aus dem Englischen Henry James und Jane Austen.

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