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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 29.11.2016

Singvogel OrtolanIn Deutschland geschützt, in Frankreich verspeist

Von Philipp Juranek

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Ein Ortolan in einer Pfanne (Deutschlandradio/Philipp Juranek)
Der Ortolan gilt manchen in Frankreich noch immer als Delikatesse. (Deutschlandradio/Philipp Juranek)

Mit seinem Gesang soll der Ortolan Beethoven beim Komponieren inspiriert haben. Das Tier ist mittlerweile in weiten Teilen Deutschlands ausgestorben. In Frankreich gilt der Singvogel allen Verboten zum Trotz als Delikatesse.

Es ist Anfang Mai im Wendland. Der Weizen steht schon hoch auf den Feldern. Die Ornithologin Petra Bernardy bahnt sich ihren Weg durch die noch grünen Ähren. Das Fernglas fest in der Hand. Ihr Blick: nach oben. Immer wieder bleibt sie stehen und fixiert die Krone einer alten Eiche. Sie ist auf der Suche nach einem besonderen, sehr seltenen Singvogel. Dem Ortolan. Zu hören ist er schon von Weitem - bloß entdecken lässt er sich kaum.

"Da oben in der Krone!"

Kaum größer als ein Spatz, perfekt getarnt im gelblich-grünen, noch jungen Eichenlaub, sitzt dort ein Ortolan-Männchen und schmettert sein Lied. Jene Weise, die einst Ludwig van Beethoven beim Komponieren seiner 5. Sinfonie inspiriert haben soll.

In Beethovens rheinischer Heimat ist der Vogel längst ausgestorben. Wie im übrigen Westen Deutschlands. Zwei Dinge machen dem Singvogel zu schaffen: in seinem deutschen Brutgebiet nehmen ihm Monokulturen und die intensivierte Landwirtschaft jede Lebensgrundlage. Außerdem droht dem Zugvogel auf dem Weg ins westafrikanische Winterquartier eine viel größere Gefahr. Französische Wilderer fangen die Vögel zu Tausenden - verkaufen sie danach für viel Geld auf dem Schwarzmarkt. Der Ortolan ist seit Jahrhunderten eine Delikatesse der französischen Oberschicht – seit 2002 illegal, und doch: die Fangzahlen gehen nicht zurück. Der Ortolan-Bestand in Europa aber sehr wohl.

Pestizide gefährden den Ortolan in Deutschland

Petra Bernardy ist auf dem Weg zu einem Landwirt, um über seinen Beitrag zum Schutz der Vögel zu reden. Die Biologin versucht im wendländischen Brutgebiet die letzten Ortolane zu retten.

"Ja das Wendland hat eine große Bedeutung für den Ortolan, weil hier gibt es noch diese kleinräumige Nutzung. So mit diesen kleinen Ackerschlägen und dem Mosaik an Kulturen. Es gibt noch viele alte Eichenalleen und Feldgehölze."

Das größte Problem für den Ortolan in Deutschland: auf den meisten Äckern wird Gift gespritzt – die Pestizide sollen die Erträge steigern, indem sie die Insekten töten. Die Nahrung für den Ortolan. Der europäische Bestand ist seit den 80’er Jahren um 90 Prozent eingebrochen. So geht es vielen Vögeln, die ihren Lebensraum rund um die Äcker haben. Oder hatten.

Ein Ortolan wird gehalten (Deutschlandradio/Philipp Juranek)Der Ortolan hat es nicht leicht. Er wird in Frankreich noch immer heimlich gefangen. (Deutschlandradio/Philipp Juranek)

Angekommen bei Landwirt Markus Jeberien. Petra hat ein Programm entwickelt, das den Vögeln helfen soll. Die Landwirte bekommen Geld von der Europäischen Union, wenn sie einen Teil ihrer Äcker vogelfreundlich gestalten, keinen Dünger ausbringen und heimische Pflanzen aussäen, unter denen der Ortolan sein Nest bauen kann.

"Wie ist das dieses Jahr, so Ihr Eindruck von der Fläche?"

"Alles ein bisschen mickrig. Durch das trockene Frühjahr und vor allem kalte Frühjahr hat sich halt vor allem der Hafer noch einigermaßen entwickelt, die Erbse die kommt jetzt nach dem Regen denke ich mal auch und die Lupine, die sieht irgendwie ganz mickrig aus dieses Jahr."

"Für den Ortolan ist es ja gar nicht so schlecht, dass da so ein bisschen was offenes ist und dann wieder so ganz dichte Bereiche. Also er stört sich ja jetzt nicht so an dem ganzen Beikraut, aber wenn’s zu dicht wird ist es natürlich auch nicht mehr so ideal."

"Genau, genau."

Im Wendland wird viel getan für den kleinen Vogel. Ende des Sommers machen sie sich auf den Weg nach Westafrika. Petra hat einige von ihnen mit Mikrochips ausgestattet – um die exakte Route der Vögel nachvollziehen zu können. Sie alle fliegen über das französische Department Landes am Fuße der Pyrenäen. 

"Was wir bestätigten konnten, ist, dass der, also unsere Ortolane hier aus dem Wendland über Frankreich ziehen und über Landes. In Landes werden die Ortolane vor allem gefangen und dort ist die Wilderei praktisch noch am weitesten verbreitet."

Es ist ein Millionengeschäft – der Ortolan-Fang in Südwestfrankreich. Nach alter Tradition werden die kleinen Vögel auf ihrem Herbstzug gefangen, gemästet, und gegessen. In den Hinterzimmern feiner Gesellschaften. Das Ganze ist hochgradig illegal – und dementsprechend teuer: Ein Ortolan-Menü kostet bis zu 500 Euro. Frankreichs Präsident Francoise Mitterand soll auf seinem Sterbebett nach Ortolanen verlangt haben – Für viele Franzosen eine Delikatesse als Kulturgut.

September. Petra ist nach Frankreich gereist, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Die Wissenschaftlerin kommt zum ersten Mal hier her. In der Nähe von Dax in der Region Landes ist sie mit ehrenamtlichen Vogelschützern verabredet – Axel Hirschfeld und Willi Schuppert vom Komitee gegen den Vogelmord gehen Jahr für Jahr gegen die Wilderei vor.

"Hallo!"
"Hallo!"
"Du bist bestimmt die Petra."
"Genau, Du bist Axel? Super Euch zu treffen. Hallo Willi, Dich habe ich schon gesprochen per Skype."
"Ja, wir haben schon gesprochen per Skype!"
"Wie lange seid ihr denn jetzt schon hier?"
"So drei Tage, so lange braucht man auch ungefähr, um das Hauptfanggebiet einmal abzufliegen von oben. Es gibt immer noch so ein paar versteckte Fangplätze im Wald, die kriegt man auch  nicht mit dem Flugzeug, aber den Großteil kriegt man von oben."
"Und wie groß ist das Gebiet...?"

Die Aktivisten haben in den vergangenen Tagen Aufklärungsflüge über die Region gemacht und einige illegale Fangplätze für Ortolane entdecken können. Einen  wollen sie am nächsten Morgen aufsuchen – alles genau dokumentieren damit später die Gendarmerie gegen die Wilderer vorgehen kann.

Schätzungsweise 30.000 Vögel werden gefangen

Es fünf Uhr morgens, die Vogelschützer hoffen zu dieser Zeit von den Wilderern nicht entdeckt zu werden. Nach zwanzig Minuten Fußmarsch stehen sie vor einem Elektrozaun.

Dahinter ein professioneller Fangplatz für Ortolane. Verängstigte Lockvögel in kleinen Käfigen, umringt von Drahtfallen. Allein diese Tiere sind mehrere 1.000 Euro Wert. Mindestens dreißig Fallen zählen die Vogelschützer – alle leer. Waren die Wilderer bereits hier und haben die wertvolle Beute abgeholt?

"Wenn wir jetzt aufpassen und keine Spuren machen, besteht eine gute Chance, dass die Polizei den hier morgen oder übermorgen schnappt! Und das ist ja viel wichtiger, als denen die Fallen kaputt zu machen."
"Ja, okay!"

Im nächsten Jahr, so viel ist sicher, wird hier kein Vogel mehr gefangen. Ein Erfolg für die Ortolanretter. Die Polizei hat die Wilderer ausfindig gemacht. Französische Richter haben in den letzten Jahren Strafen zwischen 80 und 100 Euro verhängt. Weit weniger, als ein Vogel wert ist.

"Dass die hier gefangen werden, getötet, das ist unglaublich. Wir bemühen uns um den Schutz, dass der Bestand sich wieder entwickelt, und hier werden sie eben weggefangen! Hier werden sie gefangen, um sie aufzuessen."

Schätzungen zufolge werden jährlich bis zu 30.000 der Vögel von Wilderern gefangen – das sind zehnmal mehr, als überhaupt noch im Wendland brüten. Nur Dank des Einsatzes von Menschen wie Petra Bernardy und dem Komitee gegen den Vogelmord gibt es überhaupt noch Ortolane in Deutschland. Wer weiß, wie lange noch.

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