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Konzert / Archiv | Beitrag vom 21.01.2015

Sinfonische MusikRätselhafte Variationen

Aufzeichnung aus Lugano

Der 1963 ausgebürgerte russische Pianist, Kammermusiker und Dirigent Vladimir Ashkenazy dirigiert 1999 das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin im Forum Leverkusen. (picture alliance / dpa / Hermann Wöstmann)
Der Dirigent Vladimir Ashkenazy (picture alliance / dpa / Hermann Wöstmann)

Zwischen England und Schottland mussten sich das Orchester der Italienischen Schweiz kurz vor Weihnachten entscheiden. Vladimir Ashkenazy dirigierte im Kongresszentrum Lugano Werke von Edward Elgar und Max Bruch.

Max Bruch war kein Ossianist wie manche seiner Zeitgenossen. Er hing nicht in romantischer Schwärmerei einem mythischen Schottland-Bild an, sondern nutzte Melodien aus den Highlands für seine "Schottische Fantasie" ebenso frei und ohne Hintergedanken, wie er es mit einem jüdischen Gebetsgesang auch für sein "Kol Nidrei" getan hatte: Die Melodien aus dem Volk dienten ihm als Anregung für stimmungsvolle Konzertmusik, in der sich ein Solist, im Schottischen Fall ein Geiger, mit langen gesanglichen Linien profilieren konnte. Dem Orchestra della Svizzera Italiana steht mit Daniel Dodds, dem Konzertmeister der Festival Strings Lucerne, ein hervorragender Solist zur Verfügung.

Welches Verhältnis Edward Elgar zum schottischen Regionalismus empfunden hat, weiß man nicht. Überhaupt vermied er es, sich mit allzu deutlichen Bezügen zur Volksmusik oder zu religiösen Bräuchen dem Publikumsgeschmack anzubiedern. Das hatte er auch nicht nötig, denn mit seinen Enigma-Variationen hatte er die Ehre der britischen Musikwelt insgesamt wieder hergestellt. Sein an Johannes Brahms geschultes und dessen Musik durchaus ebenbürtiges gewaltiges Orchesterwerk - die "rätselhafen" Variationen namens Enigma - machte ein für alle Mal mit dem negativen Mythos Schluss, die Insel sei ein Land ohne Musik, nur weil sie keinen Beethoven oder Brahms hervorgebracht hatte.

Am Anfang des Konzerts aus Lugano steht Elgars Streicher-Serenade op. 20, ein erfrischendes dreisätziges Werk, das auf Skizzen aus Elgars Jugend zurück geht und zeitgleich mit den Enigma-Variationen entstand. Die Serenade verrät durchaus einige Vorbilder Elgars, allerdings kontinentale. Tief in die böhmische Musik schien der "junge Mann aus der englischen Provinz" eingetaucht gewesen sein, hatte er als Geiger selbst unter Antonin Dvorak im Orchester gespielt... 

 

Kongresszentrum Lugano
Aufzeichnung vom 11.12.2014
Edward Elgar
Serenade für Streicher e-Moll op. 20
Max Bruch
Schottische Fantasie für Violine und Orchester Es-Dur op. 46
Edward Elgar
Variationen über ein Originalthema für Orchester op. 36 "Enigma Variations"
Daniel Dodds, Violine
Orchestra della Svizzera Italiana
Leitung: Vladimir Ashkenazy

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