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Rang I | Beitrag vom 18.04.2020

Simon Strauß: "Spielplanänderung!"Gegen den Mainstream auf der Bühne

Von Barbara Behrendt

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Alexander Khuon und Meike Droste als Boris und Mascha in dem Theaterstück "Die Möwe" am Deutschen Theater Berlin (2008) (Eventpress Hoensch)
Anton Tschechows „Die Möwe“ gehört zu den heute meistgespielten Stücken der Welt: hier in einer Inszenierung des Deutschen Theater Berlin aus dem Jahr 2008. (Eventpress Hoensch)

Immer Ibsen und Tschechow: Bei der Stückeauswahl seien die Theater einfallslos, meint "FAZ"-Kritiker Simon Strauß. In dem Buch "Spielplanänderung!" lässt er Prominente 30 vergessene Bühnenwerke vorstellen, die man statt der Klassiker spielen sollte.

Bevor Simon Strauß 30 Künstler, Theaterprofis und Autorinnen ihre Plädoyers für 30 Stücke halten lässt, legt er im Vorwort seine These dar: Das deutsche Theater, staatlich so hoch subventioniert wie kein anderes auf der Welt, experimentiere in der Stoffwahl zu wenig, sondern setze stets dieselben Klassiker auf den Spielplan: Lessing, Schiller, Ibsen, Tschechow. Oder aber Bearbeitungen von Roman- und Filmstoffen.

Sein Vorwurf: Theater setzten zwar inzwischen strukturell auf Vielfalt, indem sie mehr Frauen und Menschen mit diverseren Herkunftsgeschichten ins Ensemble integrierten, doch in der Auswahl der Stoffe seien die Häuser völlig einfallslos. Das liege auch an den schwachen dramaturgischen Abteilungen, die sich zu Organisatoren degradieren ließen und keine literarischen Entdeckungen präsentierten. Dabei sei es die Aufgabe der Theater, die Schätze der Dramengeschichte zu heben.

Die Angst der Theater vor dem Bedeutungsverlust

Strauß’ Zustandsbeschreibung ist tatsächlich unübersehbar. Die Dramaturgen organisieren und verwalten – doch hoch intellektuelle Köpfe, die auf Augenhöhe mit dem Regisseur agierten, gibt es dort (bis auf wenige Ausnahmen) keine mehr. Aus Angst vor weiterem Bedeutungsverlust setzen die Theater auf Star-Namen und bauen sich ihre Nummer-Sicher-Spielpläne. Mainstream, wohin man blickt.

Die Folge: Das literarische Theater gilt als völlig öde. Kein Wunder, werden doch immer nur dieselben zehn Autoren gespielt. Also überschreibt man Dramen, verquirlt drei Stücke zum großen Event, entwickelt Projekte mit den Biografien der Spielenden oder macht Doku- und Performance-Theater. Das kann hochspannend sein – doch wer wird widersprechen wollen, dass dem Theater das historische Bewusstsein weggebrochen ist? Auf den Seitenwegen des Dramenkanons ist niemand unterwegs. Keiner würde für einen vergessenen Autor eintreten – zu abseitig wäre das.

Früher Bühnenhits, heute vergessen

Simon Strauß verfolgt mit seiner Kampagne allerdings nur ein einziges Anliegen: vergessene Dramen wiederbeleben. Welchen Stellenwert neue Theaterstücke auf den Spielplänen einnehmen und einnehmen sollten, interessiert ihn nicht.

Viele Weltautoren vom 17. Jahrhundert bis heute werden im Buch vorgestellt. Von Lope de Vega über Gryphius, Kotzebue, Hebbel, Grillparzer bis hin zu George Bernard Shaw, Ferenc Molnár oder Peter Hacks. Auch unbekanntere Namen sind darunter: die Norwegerin Dagny Juel oder der jüdische Autor Salomon Anski.

Die Stücke selbst sind in der Tat fast vergessen. Marieluise Fleißers "Der starke Stamm" mag noch ein Begriff sein oder Else Lasker-Schülers "Die Wupper". Mit etwas Recherche zeigt sich, dass die Dramen aber in den 1950er- bis 1970er-Jahren noch Bühnenhits waren. Stücke von Jean Anouilh etwa, von Alexander Ostrowski und Marina Zwetajewa. Auch Picassos surrealistisches Stück "Wie man Wünsche beim Schwanz packt" stand damals auf dem Spielplan.

Ein Inszenierungsversuch ist es wert

Ob diese Stoffe heute noch auf der Bühne funktionieren würden, kann natürlich niemand garantieren. Dafür bräuchte man textinteressierte Regisseurinnen – und womöglich würde die Exhumierung mancher Stücke, wie man so sagt, nur deren Tod bestätigen. Einen Versuch wäre es trotzdem wert – zu verlieren gibt es ja nichts.

Der Theaterkritiker Simon Strauß während eines Festivals in Kopenhagen 2019. (picture alliance / Photoshot / Gonzales Photo / Malthe Ivarsson)Geht mit den Dramaturgen der deutschen Theater hart ins Gericht: der Kritiker Simon Strauß. (picture alliance / Photoshot / Gonzales Photo / Malthe Ivarsson)

Mehr als das, was Strauß in seiner "FAZ"-Serie veröffentlicht hat, enthält das Buch allerdings nicht. Etwas weniger sogar – die Serie hatte 40 Stücke vorgestellt, im Buch sind es 30. Vieles kann man noch online nachlesen. Doch das Buch sortiert die Dramen übersichtlich nach Jahrhunderten, zusätzlich sind kleine Szenen abgedruckt, um einen Leseeindruck zu bekommen.

Alte Bühnenschätze neu entdecken

Es lässt sich schön darin schmökern – auch, weil Strauß beste Gewährsmänner und -frauen auffährt. Fabian Hinrichs schreibt eine wunderbare Liebeserklärung auf Lord Byrons "Sardanapal". Sasha Marianna Salzmann macht Lust auf "Automatenbüffet" von der jüdischen Autorin Anna Gmeyner. Auch Burghart Klaußner empfiehlt ein Stück, Daniel Kehlmann, Johanna Wokalek.

Der Erscheinungstermin passt – zufällig – bestens: Wann, wenn nicht jetzt, haben Dramaturgen, Regisseure und Intendantinnen Zeit, um zu lesen und Schätze auszugraben?

Simon Strauß (Hrsg.): "Spielplanänderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht"
Tropen Verlag, 262 Seiten, 20 Euro

Interview mit der Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann über das weitgehend vergessene Theaterstück "Automatenbüffet" der Autorin Anna Gmeyner:

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