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Rang I | Beitrag vom 16.11.2019

Simon Strauß' "Sieben Nächte" auf der Bühne"Die Theater machen es sich zu leicht"

Simon Strauß im Gespräch mit Janis El-Bira

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Die Szene aus dem Stück "Sieben Nächte" zeigt einen rauchenden Mann an einer Bar. (Lukas Frank / E.T.A. Hoffmann Theater Bamberg)
Eine Szene aus der Bühnenadaption des Romans "Sieben Nächte" von Simon Strauß. (Lukas Frank / E.T.A. Hoffmann Theater Bamberg)

An deutschen Theatern wird zu oft das Gleiche gespielt, findet Theaterkritiker Simon Strauß. Auch sein eigener Roman "Sieben Nächte" wurde schon für die Bühne adaptiert. Die Theater könnten ruhig mutiger werden, findet Strauß.

Die Theater nehmen sich, was sie in die Finger kriegen: Romane, Filme, Serien – nichts ist mehr vor einer Bühnenadaption sicher. Aber die eigentlichen Theaterstücke, die scheinen es gegenüber diesem Trend immer schwerer zu haben. Einer, der diese Entwicklung regelmäßig mit Skepsis verfolgt, ist Simon Strauß, Theaterkritiker und Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Und da staunt man nicht schlecht, wenn man auf dem Spielplan des ETA-Hoffmann-Theaters in Bamberg liest, dass dort kommende Woche der Roman "Sieben Nächte" Premiere feiern soll. Dessen Autor: Simon Strauß. Wie es dazu kam, dass ausgerechnet er nun vom Theaterkritiker zum Vorlagengeber wurde, erklärte Simon Strauß so:

"Ja, das ist in ganz bestimmter Hinsicht ein Zufall gewesen, natürlich, ein glücklicher Zufall, wenn man so will. Weil sich ein Theater eben für diesen Stoff interessiert hat, das dann über den Verlag angefragt hat und ich habe mich da nicht quergestellt. Natürlich ist das ein besonderer Moment, als Theaterkritiker, der häufig die Romanadaptionen kritisiert, dann auf einmal jetzt selber auf der anderen Seite zu stehen", gibt Strauß zu. Aber er habe sich die Fassung vorher angeschaut und könne das Ganze nun verantwortungsvoll der Kritik überlassen.

Zu wenig dramaturgischer Spürsinn

Trotz aller Paradoxien, die ihm die Adaption seines eigenen Romans "Sieben Nächte" bereitet, findet Strauß, dass dieser sich aufgrund seiner Monologform durchaus fürs Theater eignen könnte. Dennoch bleibt Strauß grundsätzlich kritisch, was die häufige Verwendung von Romanvorlagen auf der Bühne betrifft. Er sagt: "Ich glaube, dass die Theater es sich im Moment zu leicht machen und zu wenig in den dramaturgischen Spürsinn investieren. Und mein größtes Problem ist natürlich immer, dass aus Romanen dann Dialoge herausgezogen werden, die aber eigentlich nicht für die Form des Dialogs gedacht sind, sondern dass da eben drum herum erzählerische Momente sind, und dass man das dann irgendwie versucht, auf Personen zu verteilen."

Es geht auf der Bühne eben nicht alles

Die "Vereinheitlichung der Form und der verschiedenen Formate" führt für den Autor zu der Annahme, dass auf der Bühne "alles gehe", genauso "wie es im Kino oder in der Lesung geht – das glaube ich eben einfach nicht."

Das Bild zeigt den Autor und Theaterkritiker Simon Strauß. (Martin Walz)Der Autor und Theaterkritiker Simon Strauß (Martin Walz)

Auch deshalb initiierte Strauß zu Jahresbeginn die vielteilige Reihe "Spielplanänderung" in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in der vergessene Theaterstücke wiederentdeckt und neu vorgestellt werden sollen.

"Ich freue mich, dass Sie diese Serie zur Kenntnis nehmen und ich glaube auch, dass das die Theater tun", sagt Strauß. Nur reagierten sie mitunter sehr negativ auf die Reihe, "weil sie das als eine Art von Provokation und irgendwie konservative Herangehensweise ans Theater verstehen. Darum geht es mir aber gar nicht. Es geht mir auch gar nicht darum, das Eine gegen das Andere auszuspielen". Stattdessen wolle Strauß das euphorische Potenzial wecken für die literarische Qualität von Theaterstücken.

Verlust von politischer und moralischer Bildung

Den Vorwurf, hiermit zu einem bürgerlich-konservativen Theaterbegriff zurückkehren zu wollen, weist Strauß auch deshalb zurück: "Sich darin zu schulen, dass man das Drama als eine literarische Gattung gut findet, da kann ich nichts Bürgerliches dran finden. Wenn wir meinen, dass wir das heute alles so links liegen lassen können und sagen: Es gibt doch jetzt die Textflächen und wir sind doch weiter als das, das ist vorbei, dann kann man eben einfach nur sagen, geht einem unglaublich viel an politischer Bildung verloren. Politischer, moralischer Bildung, die nur dadurch kommen kann, dass man sich vergegenwärtigt sozusagen, was unterschiedliche Zeiten an unterschiedlichen Aspekten berührt haben.

Im kommenden Jahr soll es deshalb an der Berliner Volksbühne einen "Abend der vergessenen Theaterstücke" geben, an dem Schauspieler und Regisseurinnen die in der "FAZ"-Serie vorgestellten Stücke lesen und teilweise auch inszenieren – und so auf ihre Gegenwärtigkeit prüfen sollen.

Die Premiere von Simon Strauß‘ "Sieben Nächte" ist am 22. November 2019 am ETA-Hoffmann-Theater in Bamberg.

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