Sikhs in den USA nach 9/11

    Verfolgt, gehasst, getötet

    08:27 Minuten
    In der Gebetshalle eines New Yorker Sikh-Tempels wird das heilige Buch Guru Grant Sahib unter einem roten Baldachin präsentiert. Es ist mit einem bestickten Tuch zugedeckt, dahinter sitzt ein Sikh mit schwarzem Turban und blauer Weste und fächelt dem Buch mit einer Art weißem Federbusch Luft zu.
    Hüter der Schrift: Im Tempel einer New Yorker Sikh-Gemeinschaft fächelt ein Mann dem heiligen Buch "Guru Grant Sahib" Luft zu. © Deutschlandradio / Susanna Petrin
    Von Susanna Petrin · 05.09.2021
    Audio herunterladen
    Das erste Racheopfer nach 9/11 war ein US-amerikanischer Sikh. Wegen ihrer Turbane und Vollbärte werden Sikhs oft für Muslime gehalten. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan sind sie auch in den USA neuen Anfeindungen ausgesetzt.
    Stellen Sie sich vor, Sie schalten den Fernseher an und der meistgesuchte Terrorist der Welt sieht aus wie Sie. Dem heutigen Religionsprofessor und Autor Simran Jeet Singh ist es am 11. September 2001 so ergangen. Er war damals 17 Jahre alt und schaute sich die Ereignisse mit seinen Schulfreunden in Texas an:
    "Wir schauten zu, wie die Flugzeuge in die Zwillingstürme rasten. Wir hatten alle das Gefühl, dass unser Land angegriffen wird. Dann zeigten sie ein Foto des Hauptverdächtigen. Es war jemand, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte: Osama bin Laden. Er sah mir äußerst ähnlich: Braune Haut, Turban, Bart. Ich sah dieses Foto und wusste sofort: Mein Leben würde nie mehr dasselbe sein."

    Wut an Muslimen und Sikhs ausgelassen

    Simran Jeet Singh ist Sikh. Seit 9/11 wird ihm, wie vielen anderen Sikhs in den USA, sein Äußeres noch mehr zum Verhängnis als zuvor. Viele US-Amerikaner halten Angehörige seines Glaubens für islamistische Terroristen. Simrans dunkle Ahnungen beim ersten Anblick Osama bin Ladens sollten sich bewahrheiten. Zahlreiche US-Amerikaner ließen ihre Angst und Wut nicht nur an Muslimen, sondern auch an Sikhs wie ihm aus.
    Vor allem die ersten Tage nach dem Terroranschlag waren schrecklich. Am 15. September 2001 tötete ein Fanatiker einen Sikh in Arizona. Das erste Opfer des neuen weißen Nationalismus. Ein liebenswürdiger Tankstellenbesitzer, der den Kindern Süßigkeiten und den Armen gratis Benzin gegeben hatte, wie Simran Jeet Singh erzählt.

    "Sie nannten uns Taliban"

    Simrans eigene Familie schloss sich für eine Woche zu Hause ein: "Wir verriegelten die Türen. Wir bekamen Todesdrohungen übers Telefon. Als wir uns wieder hinauswagten, hatte sich unsere Umgebung verändert. Auf der Straße starrten uns die Leute an. Sie sagten: 'Geht zurück, woher ihr kommt.' Sie nannten uns 'Taliban' und 'bin Laden'."
    New Yorker, darunter auch die afghanische und die Sikh-Gemeinde, versammeln sich am Times Square, um die Evakuierung Afghanistans, die Öffnung der US-Grenzen für afghanische Flüchtlinge und eine schnellere Bearbeitung von Visa zu fordern. 
    New Yorker, darunter auch die afghanische und die Sikh-Gemeinde, demonstrieren am 21. August 2021 für die Evakuierung Afghanistans und fordern die Öffnung der US-Grenzen für Flüchtlinge.© ZUMA Press Wire / Edna Leshowitz
    Wenn ein Mensch in den USA einen Turban trägt, ist er mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Sikh, sagt Simran. Mit den Taliban haben Sikhs rein gar nichts gemein. Sie sind nicht einmal Muslime. Der Sikhismus gilt als eigenständige Religion. Ein Guru namens Nanak hat sie vor etwas mehr als 500 Jahren im indischen Bundesstaat Punjab gegründet.

    Junge Religion mit 30 Millionen Mitgliedern

    Die Sikhs bilden die fünftgrößte organisierte Religion der Welt. Insgesamt gehören etwa 30 Millionen Menschen der noch verhältnismäßig jungen Religion an. Die meisten leben in Punjab, schätzungsweise eine halbe Million sind in den USA zu Hause. Deutschland zählt etwa 25.000 Sikhs.
    Jeden Sonntag treffen sich Tausende von Sikhs in ihrer jeweiligen Gurdwara, ihrem Tempel. So auch in Richmond Hill, einem Quartier in Queens, New York. Bunte Kleidung, Musik, Gesang, Vorträge und Essen - viel Essen. Man wähnt sich beinahe in Indien. Jeder Mensch ist willkommen, an ihren Zeremonien und Mahlzeiten teilzunehmen. Doch die meisten Menschen wissen erstaunlich wenig über die Sikhs.
    Drei Musiker in weißen Gewändern und mit gelben Turbanen treten in der Gebetshalle eines New Yorker Sikh-Tempels auf. Sie spielen auf Trommeln und einem Streichinstrument. Das Plakat auf einem Stehpult weist auf die Feier zum 400. Geburtstag eines Gurus hin.
    Musiker in der Gurdwara von Richmond Hill, einem Sikh-Tempel im New Yorker Stadtteil Queens© Deutschlandradio / Susanna Petrin
    Nach 9/11 gründeten einige von ihnen die Vereinigung Sikh Coalition. "Gemeinschaftsmitglieder aus den ganzen USA taten sich zu einer Organisation zusammen, um auf die Sikhs aufmerksam zu machen, für ihre Rechte zu kämpfen und sie juristisch und materiell zu unterstützen", erklärt Nikki Singh, die als leitende politische Beraterin für die Sikh Coalition arbeitet.

    Fortgesetzte Hassverbrechen und Attacken

    Allein im ersten Monat nach 9/11 registrierte die Sikh Coalition mehr als 300 gegen Sikhs gerichtete Vorfälle, sagt Singh. Die Organisation habe erreicht, dass die Sikhs seit 2015 separat statistisch erfasst werden, sagt sie. Das sei wichtig, denn Daten seien Beweise, die zu Aufklärung und besseren Gesetzen führten.
    Seither sei klar, dass die Sikhs zu den fünf meist attackierten Gemeinschaften der USA gehörten. 2019 verzeichnete das FBI gar einen traurigen Rekord an Hassverbrechen. Dabei werde ein großer Teil der Fälle gar nicht offiziell erfasst.
    Wenn man die Gurdwara in Richmond Hill betritt, spürt man wenig von dieser Bedrohungslage. Das Gotteshaus ist offen: keine Scanner, kein Sicherheitspersonal. Am Eingang ziehen die Sikhs sich die Schuhe aus und lassen, wenn möglich, auch ihre Sorgen auf der Schwelle zurück. Danach muss sich jede und jeder als Erstes die Hände waschen. Im Gang stehen Waschbecken und Händetrockner.
    Frauen in bunten Gewändern und mit Kopftüchern stehen in einer Schlange aufgereiht und nähern sich dem mit Blumen geschmückten Podest, auf dem das heilige Buch Guru Grant Sahib unter einem Baldachin ausgestellt ist. Vor dem Podest steht eine große durchsichtige Box für Geldspenden, in die ein Mann in weißem Gewand mit schwarzem Turban gerade etwas hinein steckt.
    Im Gebetsraum des Tempels sollen Frauen und Männer das Haar bedeckt tragen. Einzeln nähern sie sich dem Podest, auf dem das heilige Buch ausgestellt ist.© Deutschlandradio / Susanna Petrin
    Weiter geht es in eine große Gebetshalle. Am Ende dieser Halle liegt mittig, wie aufgebahrt die Heilige Schrift. Die Sikh nennen sie "Guru Grant Sahib". Die Gläubigen gehen auf das Podest mit dem Buch zu, verneigen sich tief davor und stecken ein paar Dollar in eine Box. Die Frauen gehen links, die Männer rechts wieder ab und setzen sich im Schneidersitz auf den Teppich. Abwechselnd treten Männer, manchmal auch Frauen, nach vorn, um etwas vorzutragen.
    Die Gurdwara ist sonntags den ganzen Tag von früh bis spät offen, aber auch unter der Woche kann man sie betreten. Die Besucherinnen und Besucher kommen und gehen, wie es ihnen beliebt.

    Geteilte Mahlzeit im Tempel

    Nach der geistigen folgt die physische Nahrung: Jede Gurdwara verfügt über einen großen Essenssaal. Man schnappt sich ein metallenes Tablett und setzt sich auf einen der lang gezogenen Teppiche. Sofort kommen Männer mit Eimern und fangen an, daraus Essen zu schöpfen: Currys, Gemüse, Fladenbrot, Milchreis. Vegetarische Spezialitäten aus Indien. Alle dürfen so viel und so oft hier essen, wie sie wollen. Möglich ist das durch Geldspenden.
    Drei Frauen in roten und weißen Saris und mit verhülltem Haar sitzen nebeneinander auf einem rot gemusterten Teppich in einer großen Halle, vor ihnen auf dem Boden stehen Tabletts mit Essen, hinter ihnen in einiger Entferung sitzen Männer und Frauen an Tischen und essen ebenfalls.
    Das gemeinsame Essen gehört dazu: Blick in den Speisesaal der Gurdwara von Richmond Hill.© Deutschlandradio / Susanna Petrin
    Großzügigkeit und Liebe sind den Sikhs wichtig. Sie sind gegen das Kastensystem und sehen alle Menschen als gleichwertig an. Es gibt für sie nur einen Gott, dieser ist omnipräsent. Und noch etwas zeichnet die Siks aus: "Eines ihrer wichtigsten Ideale ist das Leben in ungebrochenem Optimismus. Furchtlosigkeit und Optimismus ziehen sich durch alle Gemeinden", erklärt Nikki Singh.

    Neue Anfeindungen nach Machtübernahme der Taliban

    Guten Mut können die Sikhs dieser Tage besonders gebrauchen. Denn mit der Machtübernahme der Taliban sind nicht nur die Sikhs in Afghanistan wieder stärkerer Verfolgung ausgesetzt. Gleichzeitig müssen sich Sikhs weltweit auf mehr Angriffe von weißen Fanatikern gefasst machen.
    Religionsprofessor Simran Jeet Singh sagt: "Sikhs machen sich wieder auf mehr Hass gefasst, weil die Taliban wieder öfter auf unseren Bildschirmen erscheinen. Wir sehen wieder Turbane, Bärte und braune Haut. Unsere Anführer mahnen die Gemeinden zur Vorsicht und klären auf, was im Falle eines Angriffs zu tun sei."
    Mehr zum Thema