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Musikfeuilleton | Beitrag vom 07.05.2021

Sigi Lott baute Brummtöpfe, Teufelsgeigen und BirkenblätterRetter der Hirten- und Bauerninstrumente

Von Simon Schomäcker

Ein Schäfer sitzt an einen Baum gelehnt vor seiner Herde. Vor ihm sitzt ein schwarzer Hund, während der Hirte Flöte spielt. (IMAGO / blickwinkel)
Hin und wieder trifft man heutzutage auf einen Schäfer, wie hier in Sachsen - musizierend. (IMAGO / blickwinkel)

Hirten und Bauern haben ihre ganz eigenen Instrumente - heute fast vergessen. Doch Sigi Lott, heute 87 Jahre alt, hat diese sein Leben lang nachgebaut und traf sich mit Schäfern seiner fränkischen Heimat, um von ihnen die Spielweise der Instrumente zu lernen.

Die Schnurreibetrommel ist nur eines von vielen Hirten- und Bauerninstrumenten, die der Musiker Sigi Lott nachgebaut und immer wieder vorgeführt hat. Ebenso das Blasen auf dem Birkenblatt, das aus der Rinde des Baumes geschnitzt wird und ein ganz einfaches Blättchen-Instrument ist.

Egal ob auf Schallplatte, in Filmen der "Sendung mit der Maus", auf Konzerten oder bei Instrumentenbau-Kursen, Lott sorgte dafür, dass die Musik der einfachen Leute aus dem ländlichen Franken bekannt bleibt. 

Ausgestorbenes Wissen wiederbelebt

Besonders wichtig war ihm die Musik der Hirten, denn diesen Beruf übt in Franken schon seit den 1960er Jahren niemand mehr aus. Anleitungen zum Bau und zur Spieltechnik von Hirten- und Bauerninstrumenten gab es in den 1970er Jahren nicht. Damals hatte Sigi Lott damit begonnen, sich intensiv mit diesen speziellen Musikinstrumenten zu beschäftigen. 

Anfänge mit Klassik und Jazz

Sigi Lott ist nicht mit fränkischer Volksmusik aufgewachsen. 1933 als Siegfried Lott in Nürnberg geboren, waren es vor allem die klassische Musik und der Jazz, die ihn als Kind und Jugendlicher prägten. Er lernte Posaune und Kontrabass. Weitere Instrumente, etwa Klavier, Akkordeon, Mundharmonika, Gitarre oder Klarinette, kamen hinzu.

Als junger Erwachsener spielte Sigi Lott viele Konzerte, vor allem im Nürnberger Raum. Der Schlagzeuger und Gitarrist Adam Meyer erinnert sich noch sehr gut, wie er Sigi Lott in den 1960er Jahren über die Nürnberger Jazz-Szene kennengelernt hat. Nach seiner Tätigkeit als Raumausstatter arbeitete Lott ab 1970 als Musiklehrer. In dieser Zeit wurde er auch auf die fränkische Volksmusik aufmerksam.

Lernen von Hirten und Bauern 

Sigi Lott forschte weiter nach historischen Instrumenten der einfachen Leute in seiner Heimat. Dazu ging der Musiker in Museen und nahm an Volksmusiker-Treffen teil. Bei diesen Veranstaltungen hat Sigi Lott sogar noch ehemalige Schaf- und Rinderhirten kennengelernt, mit denen er sich austauschen konnte. Die Hirten waren einst Angestellte der Gemeinden, die für alle örtlichen Bauern die Tiere hüteten. 

Der Holzschnitt zeigt vier lagernde Schäfer mit ihren Tieren und Musikinstrumenten, wie Dudelsack und Flöte. (IMAGO / Photo12 / Ann Ronan Picture Library)Hirten werden häufig mit ihren Instrumenten abgebildet, wie hier in einem Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert. (IMAGO / Photo12 / Ann Ronan Picture Library)

Trotzdem waren genügend Hirten musikalisch aktiv, um verschiedene Instrumente zu hinterlassen. Oft sind sie aus Holz oder Tierhorn gefertigt – und mit kunstvollen Schnitzereien verziert. Sigi Lott war von einer speziellen Bauform der Panflöte fasziniert, die ihm ein Musiker vorgestellt hatte. 

Vergessene Instrumente - selbst gebaut

Sigi Lott lernte mit der Zeit immer mehr Leute kennen, die ihm etwas zu historischen Volksinstrumenten und deren Spieltechnik erklären konnten. Natürlich wollte er irgendwann auch selbst gern solche Instrumente besitzen. Aber außer der Maultrommel gab es nichts zu kaufen – und niemand konnte ihm etwas zur Bauweise der anderen Objekte sagen. Also schaute sich Sigi Lott die Instrumente in Museen genau an und baute sie einfach selbst nach – ganz ohne Anleitung.  

Auf einem Holzbock sind Schellengürtel aufgehangen mit unterschiedlich großen Schellen. (IMAGO / imagebroker / Helmut Meyer zur Capellen)Im Deutsches Hirtenmuseum Hersbruck zu sehen: Schellen dienten den Hirten zur Signalgebung. (IMAGO / imagebroker / Helmut Meyer zur Capellen)

In seiner Werkstatt hat Sigi Lott unzählige Hirten- und Bauerninstrumente gebaut und erfolgreich zum Klingen gebracht. Aber sie nur zu Hause oder bei Volksmusiker-Treffen spielen, das genügte ihm nicht. Also beschloss Lott, Präsentations-Konzerte zu geben. Dazu holte er sich Adam Meyer wieder mit ins Boot. Meyer begleitete Sigi Lott auf der Gitarre und anderen Instrumenten. 

Aus dem Museum zurück ins Leben 

Viel erfolgreicher waren für Sigi Lott seine Museumskonzerte - besonders im Deutschen Hirtenmuseum in Hersbruck. Dort sind viele alte Instrumente in Vitrinen ausgestellt. Ein gern gesehener Gast in Hersbruck war Sigi Lott vor allem jährlich am 6. Januar. Denn an diesem Datum findet bis heute in der Altstadt der Hirtentag statt.

Verschiedene Musikgruppen spielen und singen traditionelle Volksweisen – und das Team des Hirtenmuseums informiert über die Geschichte des Hirtenwesens in Deutschland und weltweit. Dazu gehören auch die Instrumente. Für deren Präsentation war lange Sigi Lott zuständig.

Eine Schüssel mit Lederdeckel und eine Panflöte sind auf einem Küchentisch mit Häkeldecke drappiert. (Deutschlandradio / Simon Schomäcker)Panflöte und Brummtopf, gebaut von Sigi Lott (Deutschlandradio / Simon Schomäcker)

Besonders bei Kindern war Sigi Lott durch seine Art immer schnell beliebt. Für sie bot er auch Instrumentenbau-Kurse an.

Hirteninstrumente im Radio 

1976 hatte Sigi Lott einen ersten größeren Erfolg: Wegen des kulturellen Wertes seiner Instrumente wurde er in die USA eingeladen, zur 200-Jahrfeier der Staaten. In Deutschland blieb Lotts Wirkungsradius eher auf seine Heimatregion beschränkt. Das änderte sich allmählich, als der Verein Fränkische Volksmusik Mittelfranken auf ihn aufmerksam wurde. Schon bald verpflichtete der Volksmusik-Verein Sigi Lott häufiger zu Veranstaltungen. Hier wurde Emil Händel vom Bayerischen Rundfunk auf Sigi Lott aufmerksam. Er lud Sigi Lott nicht nur regelmäßig ins Studio ein. Er stellte auch eine Band zur Verfügung.

In der "Sendung mit der Maus"

Bundesweit bekannt wurde Sigi Lott schließlich Anfang der 1980er Jahre. Die Redaktion der "Sendung mit der Maus" wollte nämlich Filme über seltene Musikinstrumente und deren Bau drehen. Der damalige Regisseur Jörg Jakobs telefonierte mehrere Museen und Firmen ab, gerade in Süddeutschland. In einem Gespräch wurde ihm Sigi Lott empfohlen, den Jakobs daraufhin mitsamt Filmteam besuchte. Regelmäßig stellte Sigi Lott nun seine Instrumente in der Kindersendung vor.

Was fehlt: die nächste Generation

Bis etwa 2008 hat Sigi Lott Konzerte und Kurse gegeben oder ist im Rundfunk aufgetreten. Als er beschloss, hauptsächlich auf den Philippinen zu wohnen, gab er auch seine Instrumente ab.

Sigi Lott hat es geschafft, historische Hirten- und Bauerninstrumente und ihre Klänge und Spieltechniken lebendig zu halten. Zumindest ein Stück weit. Denn es liegt in den Händen der nächsten Generationen, dieses Erbe weiter zu pflegen. Eine Basis dazu konnte Sigi Lott nicht nur legen, indem er sein Wissen weitergegeben hat. Seine Arbeit bleibt auch durch Tonaufnahmen, Filme und Zeichnungen konserviert.

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